Schmidt liest Proust
Sonntag, 31. Dezember 2006

Berlin - VI Die Entflohene - Seite 234-255

Heute fiel mir auf, daß die wahre Gefangene von Marcel nicht Albertine ist, sondern ich, oder zumindest Leser wie ich. Schließlich bin ich gezwungen, meine Tage zu Hause zu verbringen, ich verreise nicht mehr, weil ich dann planen müßte, wieviel Bände Proust ich mitnehmen muß, und zu fürchten hätte, durch irgendeine Naturkatastrophe aufgehalten zu werden und irgendwo einen Band zu beenden, ohne den nächsten dabei zu haben. Und alle kann ich nicht mitnehmen, dann wäre mein Gepäck nicht optimiert, und vorher kann ich nirgendshin aufbrechen.

Ich gehe nicht einmal mehr spazieren, weil ich jemanden treffen könnte, der mich dazu verleitet, durch die Zeit, die ein Gespräch kostet, meine Tagesplanung umzuwerfen, so daß es zu Fehltagen kommt, wie in diesem Blog, auf ewig untilgbaren Makeln. Und natürlich kann ich über nichts anderes mehr schreiben als über Marcels Buch, und was eigentlich als eine Art anregender geistiger Morgengymnastik gedacht war, um besser über den traditionell trübseligen Winter zu kommen, droht mich nun völlig zu verschlingen, und selbst einen Monat vor dem Schluß bin ich keineswegs sicher, ob ich diesen überhaupt noch unbeschadet erreiche (auch wenn meine mich im 10jährigen Turnus befallende halbseitige Gesichtslähmung erst wieder 2008 zu erwarten ist). Und der kritischste Moment wäre ja auch das Ende der Lektüre, wenn die Anspannung nachläßt und das Immunsystem besonders anfällig ist, Migräniker werden mir beipflichten.

Ich könnte mich an Marcel damit rächen, die letzten 20 Seiten des letzten Bandes nicht zu lesen, wäre das nicht, wie einen Menschen zu verlassen? Aber wir wissen beide, daß ich das nicht tun werde, er kann sich seiner absolut sicher fühlen bei mir, weil er weiß, daß nur bestimmte Menschen auf ihn hereinfallen, und daß diese Menschen von selbst kommen, er muß ihnen nicht nachlaufen. Niemals würde jemand wie ich sein Buch und damit ihn verlassen. Wie kann ich ihn in dieser für mich so demütigenden Sicherheit erschüttern?

Während den ganzen Tag über Raketen knallten und meine Gegend zu verwüsten schienen, während ein Donnergrollen über Berlin lag, als würde sich eine Frontlinie langsam der Stadt nähern, habe ich hier meinen einsamen Dienst getan, und es fiel mir schwer wie nie, weil die Lektüre alle meine Dämonen heraufbeschwört, und es mir immer unausweichlicher vorkommt, so zu enden, wie Marcel, allerdings selbstverständlich ohne vorher seine künstlerischen Leistungen erbracht zu haben. Ein einziges Anhäufen von Nostalgien, Kummer über verlorene Zeiten, Bindungsangst und eine krankhafte Fixiertheit auf die eigene Seele, was echte Liebe absolut ausschließt, das sind die Aussichten. Wenn die Mauer nicht gefallen wäre, wäre ich Mathematiker geworden und hätte mich nie kennengelernt. Und weil diese Bürgerbewegten den Wert der Freiheit überschätzt haben, habe ich jetzt das Bedürfnis, mir den ganzen Tag mit einer tragbaren stimmungsaufhellenden Naturlichtlampe ins Gesicht zu leuchten, wie andere sich mit einem Fächer Luft zuwedeln.

Vielleicht wird meine Zukunft von der Lektüre aber auch profitieren, und ich kann, ohne zu den gewonnenen Erkenntnissen in Widerspruch zu treten, das tun, was meine Mutter "seßhaft werden" nennt. Man muß eine Erfahrung nicht zweimal machen, der Welt genügt ein Proust. Vielleicht wird man lernen, daß Marcel mit seiner deprimierenden Liebeskonzeption nur einen kleinen Ausschnitt aller Möglichkeiten beschrieben hat. Vielleicht wird man ihm eines Tages widersprechen können, schon weil man älter ist als er. Man wird andere Bücher lesen, Don Quichotte, Das Kapital, Descartes, noch einmal Beckett, Rabelais, die Italienische Reise, zur Konzentration immer mal einen Handke, zur Zerstreuung einen Roth, und vielleicht wird man sogar einen Weg finden, als Autor zu arbeiten, ohne dabei in einer, wenn auch ungleich inkonsequenteren und unterlegenen Weise wie Marcel vorzugehen. Man muß nur einmal den Mut haben, eine wirkliche Entscheidung zu treffen und sich fallen lassen, ohne auf eine Gruppe depressiver Mitpatienten zu hoffen, die einen auffangen könnten. Man hat ja immer noch die Hoffnung, nie aufzuprallen, zumindest für die Zeit des Sturzes.

Seite 234-255
Düstere Aussichten: "Man lügt sein ganzes Leben lang, auch und vor allem, vielleicht einzig sogar den Leuten gegenüber, die uns ihrerseits lieben. Nur diese in der Tat bringen uns dazu, daß wir für unser Vergnügen fürchten und zugleich nach ihrer Achtung verlangen." Andrée macht neue Eröffnungen über Albertines Neigungen, die Marcel zu der Überzeugung bringen, daß sein Instinkt sie von der ersten Begegnung an richtig eingeordnet hatte, wobei er es im Grunde schön findet, "daß die Wahrheit mit dem übereinstimmte, was mein Instinkt von Anfang an geahnt hatte", und eben nicht "dem jämmerlichen Optimismus entsprochen hätte, dem ich später feige erlegen war."

Aber diese Wahrheit über sie hat er nicht etwa verdrängen müssen, um sie zu lieben, sondern im Gegenteil, seine Liebe hat danach gesucht. Denn ist es nicht so, daß "das Verlangen sich immer auf das richtet, was uns am konträrsten ist, und uns das zu lieben zwingt, was uns Leiden schafft?" Man tut also unrecht, "in der Liebe von schlechter Wahl zu sprechen, da, sobald überhaupt eine Wahl vorliegt, diese nur schlecht sein kann."

Und nun noch der Todesstoß für unsere Hoffnungen auf ein erfülltes Liebesleben: "Andererseits ist es kein Zufall, daß intellektuelle und sensible Menschen sich immer fühllosen und geistig unterlegenen Frauen unterwerfen und trotz allem auch sehr an ihnen hängen, und daß der Beweis dafür, daß sie nicht geliebt werden, sie keineswegs davon abhält, alles dafür herzugeben, um eine solche Frau bei sich zu behalten." Bleibt uns nur noch die Hoffnung, in Wirklichkeit gar kein intellektueller und sensibler Mensch zu sein, sonst wäre wir ja auch nicht Innenverteidiger der deutschen Autorennationalmannschaft.

Unklares Inventar: - Mustererziehung à la Broglie.

Verlorene Praxis: - Ein Vermögen besitzen, in das unsere Torheiten nur eine Bresche schlagen können.

  • Sich von einem Maler porträtieren lassen, bevor man Kinder bekommt und solange man noch vorteilhaft aussieht.
  • Als junges Mädchen die schlechte Meinung der anderen jungen Mädchen scheuen.

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