Schmidt liest Proust
Montag, 1. Januar 2007

Berlin, Haliflor, Schwedter Straße - VI Die Entflohene - Seite 255-276

Morgens beim Nachhausekommen halte ich der älteren Frau aus dem ersten Stock die Haustür auf. Hätte ich noch einmal ums Karree gehen sollen, um wenigstens zu Silvester länger als die Rentner aus meinem Haus ausgegangen zu sein? Dabei war ich schon pflichtbewußt bis halb 6 "feiern" gewesen (das heißt, ich bin auf einer Tanzfläche von betrunkenen Jugendlichen, vorwiegend Männern, herumgeschubst worden, und habe dabei versucht, nicht daran zu denken, daß ich von der, die mir nichts mehr schuldet, nicht mal einen Gruß zum neuen Jahr bekommen habe.)

Nachmittags schläft das Mädchen, das sich freut, wenn es mich sieht, nebenan auf dem Sofa, ich soll mich später auch dazulegen, hat sie gesagt. Als ich dann komme, wacht sie kurz auf und scheint nach dem Schalter der Lampe zu suchen, aber sie will mir nur ein Gummibärchen reichen, das sie vor dem Einschlafen für mich auf dem Nachttisch zurückgelegt hatte. Ich liege neben dieser kleinen Wärmflasche für die Seele, die mir vor drei Jahren geschenkt worden ist, und versuche mit aller Kraft, mich vom Trost ihrer Existenz durchströmen zu lassen und im Rhythmus mit ihren leise schnaufenden Atemzügen den Kummer dieser Wochen auszuatmen. Vielleicht kann ich ihr das irgendwann zurückgeben.

Jetzt ist sie längst im Bett, morgen ist wieder ein Tag, auf den sie sich freut, wie auf jeden Tag, weil sie noch kein "Gewachsener" ist. Ich muß noch arbeiten, sie will ja jetzt auch einen "Laptopf". Laß dir Zeit.

Seite 255-276
Alle posthumen Neu-Interpretationen von Albertines Gesten, bis hin zum kleinsten Erröten, was bringen sie? Selbst, wenn sich ein Moment der Eifersucht im nachhinein als ganz ungefährlich erweist: "Die Wahrheit und das Leben sind beide sehr schwer zu bewältigen, und ich behielt von ihnen, ohne daß ich sie alles in allem kannte, einen Eindruck zurück, bei dem vielleicht Müdigkeit noch die Trauer überwog."

Nun geht es doch noch nach Venedig, und Marcel übt sich darin, die Stadt in Worte zu fassen und die Parallelen zu Combray zu beschreiben, eine Stelle, die man mal in Venedig lesen müßte. Der Glückliche reist mit der Mutter: "Die Zärtlichkeit, die sie mir im Übermaß bewies, war wie jene unerlaubten Speisen, die man Kranken nicht mehr vorenthält, wenn man weiß, daß sie doch nicht wieder gesund werden können."

Madame Sazerat "war die unerwartet und lästigerweise auftauchende Bekannte, die man auf jeder Reise trifft..." Sie gehen mit ihr in einem anderen Hotel essen. Dort stößt Marcel auf die alte Madame de Villeparisis und ihren Liebhaber, den Marquis de Norpois, der immer noch von einem wichtigen Diplomatenamt träumt. Marcel hört heimlich ihr Gespräch am Nebentisch mit. Wenn sie zu jemandem etwas sagt, was nicht ganz exakt ist, fixiert Norpois "streng die bedrückte und gefügige Marquise mit der unbeirrbaren Intensität eines Magnetiseurs."

Für Madame Sazerat ist die Marquise eine Obsession, sie wollte ihr immer einmal begegnen. Denn ihr Vater hat sich einst von ihr, die schön wie ein Engel und böse wie der Teufel war, um den Verstand bringen lassen und ruiniert, weshalb die Sazerats in kleinen Verhältnissen in Combray leben mußten. Immerhin hat es sie immer getröstet, daß ihr Vater die schönste Frau seiner Zeit geliebt hat. Und jetzt soll sie sie endlich zu Gesicht bekommen! Aber die Frau, die Marcel ihr im Hotelrestaurant zeigt, ist eine "kleine, abscheuliche, bucklige Person mit einem ganz roten Gesicht."

Unklares Inventar: - Skizzen von Maxime Dethomas.

Verlorene Praxis: - Zum ersten Mal andere Werte haben als ein dem Sport gewidmetes Dasein.

  • Sich über die eine oder andere mit jener senilen Beharrlichkeit gewisser Achtzigjähriger auslassen, mit der sie Frauen zusetzen, die von ihnen nicht mehr viel zu befürchten haben.

Katalog kommunikativer Knackpunkte: - "Madame de Villeparisis bewahrte während einiger Minuten das Schweigen einer alten Frau, der es infolge der Müdigkeit des Alters schwerfällt, sich aus der Rückerinnerung an die Vergangenheit von neuem zur Gegenwart zu erheben."

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