Schmidt liest Proust
Montag, 4. Dezember 2006

Berlin - V Die Gefangene - Seite 236-257

Ich konnte dann doch nicht widerstehen und habe mir eine Staffel von "Curb your enthusiasm" auf DVD besorgt. Schwerer wiegt, daß ich auch nicht widerstehen konnte, mir alle 10 Folgen hintereinander anzusehen, unfähig stark zu sein, und mir wenigstens ein bißchen für später aufzuheben. Sogar das Bonus-Material habe ich jetzt schon gesehen (enthu-siasm heißt es, wie man hier hören kann, nicht enthusi-asm, wie ich es immer ausgesprochen habe. Enthu-siasm, enthu-siasm...) Ich hatte die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen, obwohl ich ein freier Mensch bin, und man die Aktion als Englisch-Hörverstehen-Übung oder als Recherchen zur Geschichte der Comedy verbuchen könnte. Wer hat mir dieses Über-Ich verpaßt?

Es ist immer so ein eigenartiger Moment, dessen historische Bedeutung einem erst später bewußt wird, wenn man eine neue Show entdeckt, wie bei ersten Begegnungen mit Menschen. Man erinnert sich noch genau, wie das war, und daß man womöglich gar kein Interesse am anderen hatte und dann noch ein halbes Jahr verstrichen ist, bis man plötzlich Feuer fing. Ich bin jetzt jedenfalls süchtig nach der Serie und fange schon an, so komisch staksig durch die Wohnung zu laufen, wie Larry David, der Autor und Hauptdarsteller der Show, aber niemand würde die Anspielung verstehen, weil "Curb your enthusiasm" (enthu-siasm..., enthu-siasm...) in Deutschland nicht läuft, worüber die Anti-Amerikaner vielleicht einmal nachdenken sollten.

Als ich das alles angesehen hatte, schaltete mein Kopf beim Proust-Lesen immer automatisch auf Comedy, so daß ich ständig Steilvorlagen für Sitcom-Folgen sah, die vom Autor nicht genutzt wurden. Die Recherche wäre mit Sicherheit für 10 Staffeln feinster Comedy gut, für 1 Million Dollar würde ich das Skript schreiben. Allerdings brummt mir erst mal der Kopf vom Fernsehen, und ich kann für heute nichts eigenes mehr machen, weil mir alles minderwertig vorkommt. Larry David macht ja eigentlich, wovon ich immer geträumt habe: er verwandelt sein Leben in eine Sitcom und wird reich mit seinen Ticks und seiner sozialen Ungeschicklichkeit. Bei "Curb", wie die Macher es anscheinend nennen, werden alle Szenen improvisiert, es gibt nur eine genau ausgearbeitete Story mit den Situationen und Konflikten. Die Dialoge sind also nicht vorformuliert, man glaubt es nicht, wenn man es sieht. Abgesehen davon paßt natürlich alles, worum es geht, so extrem in meine Welt, daß ich sehr neidisch bin, daß jemand anderes damit Millionär und Wegbereiter des Genres geworden ist.

Es war wie in alten Zeiten, man sieht fern und schlägt im Wörterbuch nach, manche nennen es Studium. Ich verstehe nicht, wie die Amerikaner das machen, daß sie im Gespräch, wie selbstverständlich, immer wieder Vokabeln fallen lassen, die sie vielleicht einmal alle 5 Jahre benutzen, und die mir in 15 Jahren Bemühungen um die englische Sprache nie begegnet sind. Heute habe ich gelernt: hell-bent, hitman, harbor a grudge, tampering, huff, pew, eulogy, pry into, henchman, unbeknownst. Dazu kommt, daß im Englischen manche Wörter eine absurde Bandbreite an Bedeutungen haben, bei "pit", stand noch nicht mal "Olivenkern", also die Bedeutung, die offenbar gemeint war, sondern nur: "Grube", "Pockennarbe", "Tierfalle", "Box", "Maklerstand", wo ist da der Zusammenhang?

Das Konzept der Show ist, daß der Autor sich selbst spielt. Wahrscheinlich spielt er gar nicht, er bringt sich nur auf den Punkt. Das ist ganz nebenbei die Verwirklichung der von Kafka am Ende von "Amerika" kurz angerissenen Utopie eines Theaters in dem jeder sich selbst spielt, womit sich eigentlich nichts ändern würde an unserem Leben, nur daß der Schmerz weg wäre. Ich hatte sofort den dringenden Wunsch, so etwas mit der "Chaussee der Enthusiasten" zu versuchen, wobei solche Ideen, die einen einen Nachmittag über elektrisieren, ja oft die Nacht nicht überleben. Man wird sehen.

Seite 236-257
Fast schon demaskiert sich Proust an einer Stelle, und es kommt mir immer pedantischer vor, noch zwischen Autor und Erzähler zu unterscheiden. Er spricht die Person, die die Vorlage der Figur von Swann geliefert hat, direkt an: "Lieber Charles...", die Punkte stehen für den echten Nachnamen, den er ausläßt. Er sagt zu ihm, daß man sich, nur weil er ihn zum Helden seiner Romane erkoren habe, und in die Persönlichkeit von Swann einige Züge von ihm eingegangen sind, später an ihn erinnern werde.

"Aber andererseits hatte ich auch wie am Nachmittag das Gefühl, daß ich eine Frau bei mir zu Hause vorfinden und bei der Heimkehr nicht die beschwichtigende Kräftigung durch Einsamkeit würde erfahren können."
So, und jetzt noch mal denselben Satz vor 300 Zuschauern: "Aber andererseits hatte ich auch wie am Nachmittag das Gefühl, daß ich eine Frau bei mir zu Hause vorfinden und bei der Heimkehr nicht die beschwichtigende Kräftigung durch Einsamkeit würde erfahren können."

Ich wette 100 Euro, daß das ein Lacher wäre.

"Unzurechnungsfähigkeit bedeutet bei Fehltritten, ja sogar bei Verbrechen einen erschwerenden Umstand..." Das war mir bei der Kampusch-Entführung aufgefallen, an der ja anfangs das irritierende war, daß der Täter sie "nur" eingesperrt haben sollte. Das machte ihn noch unheimlicher, als wenn er sie sexuell mißbraucht hätte, was ein Verbrechen gewesen wäre, aber irgendwie auch ein für die Öffentlichkeit nachvollziehbares Motiv für die Entführung.

Mitten ins Gespräch zwischen Marcel, Charlus und Brichot platzt eine klein gedruckte fast dreiseitige Fußnote, die nicht viel zur Handlung beiträgt, die man aber (unter fluchen) als gewissenhafter Zwangsneurotiker Wort für Wort lesen muß. Eigentlich wird nur eine Lücke zwischen zwei Sätzen geschlossen, die wir gar nicht bemerkt hätten, also wird eigentlich auch keine Lücke geschlossen, sondern eher eine Falltür geöffnet, unter der sich ein Unterboden mit einer Welt von Details und genaueren Ausführungen befindet, die der Autor sonst ausspart. Man schaudert bei dem Gedanken, was er in der "Recherche" alles nicht gesagt haben könnte, und wie lang das Buch erst wäre, wenn er es getan hätte, wo er doch so schon jederzeit den Eindruck vermittelt, alles zu sagen, koste es, was es wolle.

Unklares Inventar: - Fotografien von "Otto".

  • Frisuren von "Lenthéric".
  • Kakoschnik.
  • Steine: Peridot, Markasit, Labrador.
  • Ataxie.

Katalog kommunikativer Knackpunkte: - "Vielleicht machte es Brichot auch Vergnügen, vor mir zu rühmen, was ich nicht mehr kennenlernen würde, und mir zu zeigen, daß er Vergnügungen gekostet hatte, die ich nicht haben könnte?"

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