Schmidt liest Proust
Montag, 18. Dezember 2006

Berlin, Schwedter Straße Café Haliflor - V Die Gefangene - Seite 482-502, Ende Teil V

Morrissey in der Arena, schon seltsam, so ein Pop-Konzert, wenn sich das Begehren von 10000 Zuschauern auf einen Menschen richtet, der genau weiß, daß sie gar nicht ihn meinen, sondern eine Ikone, für die sie bezahlt haben. Immerhin kann man Lieder immer wieder singen und hören, während mir noch kein Text gelungen ist, der mir nicht nach ein Dutzend Vorträgen zum Hals raushängen würde.
Dreimal wechselt er sein Hemd: Schwarz, Weiß, am Ende Dunkelblau. Eigenartig gedrungene Figur, aber auch alterlos, selbst die Treue zur Frisur wirkt nicht peinlich. Einmal zieht er das Hemd ganz aus, wischt sich damit den Schweiß von der Stirn und wirft es ins Publikum. Wenn die Menschen sich darum prügeln, von einem mit schmutziger Wäsche beworfen zu werden, hat man es wahrscheinlich geschafft. Die Zuschauer revanchieren sich, Geschenke fliegen auf die Bühne: "Thats how I receive gifts, they don't hand them to me, they throw them."

Mit einer Stimme beschenkt zu sein, die man gegen keine andere austauschen könnte, was ist das Pendant dazu beim Schreiben? Alles kann man lernen, aber eine Stimme muß einem mitgegeben sein. Und diese eigenartige Kombination von proletarischer Männlichkeit und gar nicht tuntiger Homosexualität, ohne das affektiert Oberflächliche, das sie sonst so gern kultivieren. Zum ersten mal das Gefühl gehabt, daß darin etwas schönes liegen kann, keine Frauen zu lieben. Oder ist das auch wieder Unsinn? Vielleicht sollte ich nicht so viel Proust lesen.

Seite 482-502, Ende Teil V
Eigentlich sind die Gründe, die in Marcels Augen für Albertines Bleiben sprechen, nicht sehr überzeugend: in acht Tagen sollen ihre neuen Kleider von Fortuny kommen, seine Mutter wird am Wochenende zurückkehren (es wäre unhöflich, vorher zu gehen), und sie wollten sich in den nächsten Tagen venezianische Glaswaren ansehen. Wenn man bedenkt, daß eine Karte für ein Morrissey-Konzert eine Frau nicht unbedingt dazu bewegt, eine Trennung um eine Woche zu verschieben, ob man es mit venezianischen Glaswaren hätte versuchen sollen? Oder zur Sprache bringen, daß meine Mutter diese Woche nach Berlin kommt?

Aber sein Instinkt weiß schon mehr als sein Verstand. Er spürt genau, daß sie am Abend seinen Kuß nicht wie gewohnt erwidert. Daraufhin erfaßt ihn "angstvolles Grauen", und er ruft sie noch einmal zurück, denn: "...solange sie da war, hatte ich das Gefühl, ich könne der Zukunft gebieten..." Als sie dann aber in ihrem Zimmer ist, pocht sein Herz so stark, daß er sich nicht hinzulegen vermag: "Wie ein Vogel, der von der einen Ecke des Käfigs zur anderen flattert, schwankte ich unaufhörlich zwischen der Beunruhigung, daß Albertine fortgehen könne, und relativer Ruhe hin und her." Immer wieder geht er im Kopf die Kette der Argumente durch, die für ihr Bleiben oder ihr Weggehen sprechen: "So wie ein Kranker unaufhörlich in einer im Innern vollzogenen Bewegung das Organ betastet, das ihm Schmerzen bereitet..." So wie ich die letzten zwei Wochen immer wieder meinen linken Knöchel betastet habe, um herauszubekommen, ob ich damit am Sonnabend würde Fußball spielen können.

Dann geschieht etwas Unerhörtes, mitten in der Nacht hört er, wie sie ihr Fenster jäh öffnet. Dabei war es "eine Übereinkunft unseres gemeinsamen Lebens, daß, da ich mich vor Luftzug fürchtete, niemals des Nachts ein Fenster geöffnet wurde." Vielleicht bedeutet das ja, daß sie das Gefühl hat, bei ihm zu ersticken? So erregt war er nicht mehr, seit ihm die Mutter in Combray den Kuß verweigert hat. Er geht "die ganze Nacht im Korridor auf und ab in der Hoffnung, ich werde durch das Geräusch meiner Schritte die Aufmerksamkeit Albertines auf mich lenken und erreichen, daß sie mich mitleidig zu sich rief..." Aber solche demonstrative Selbstdarstellung als Schmerzensmann hilft nicht viel. Vor Jahren habe ich einmal eine Nacht auf den kalten Dielen neben dem Bett verbracht, von dem ich gerollt war, nachdem die Frau sich abgewendet hatte. Ich dachte, sie müßte vor meinem Extremismus erschaudern und mir den Sex gewähren, der mir doch zustand. Aber sie hat es gar nicht gemerkt, weil sie schon eingeschlafen war.

Inzwischen trifft der Frühling ein, die Lust auf Venedig, Louvre und das Luxembourg erwacht. Man geht nach Versailles, in luftiger Höhe erscheint wieder ein Aeroplan. Bei der Rückkehr scheint hell der Mond: "Ich wagte ihr nicht zu sagen, daß ich ihn allein oder auf der Suche nach einer Unbekannten stärker genossen hätte." Schade, man hätte gerne gewußt, wie sie auf eine solche Bemerkung reagiert hätte. Stattdessen hält er ihr einen Vortrag über die Typologie des Monds in der französischen Dichtung und zitiert am Ende zum Thema ganze Gedichte aus dem Gedächtnis. Das hat der Mond nicht verdient.

Früh wacht er auf und spürt den Benzingeruch eines Automobils: "Er mag zartempfindenden Menschen [..] als ein bedauerliches Übel erscheinen, ebenso wie gewissen Denkern, die [..] sich einbilden, der Mensch würde glücklicher und zu höherer Poesie imstande sein, wenn seine Augen mehr Farbe sehen..." Nein, der Benzingeruch "beruhigte mich wie ein Landduft..." Und nicht nur das, er gibt sogar eine überraschende Madeleine ab, denn er erinnert ihn an Ausfahrten, die er mit dem Auto in Balbec unternommen hat, alleine, während Albertine Kirchen zeichnete und er das Gefühl hatte "...an neuen Stätten einer unbekannten Frau in Liebe zu nahen..." So ist das mit den Madeleines, alles kann dafür herhalten, auch Benzingeruch. Man erinnert sich an Woody Allens Kurzfilm "Oedipus wrecks", wo er völlig hingerissen an einem fetttriefenden Hühnerschenkel riecht, weil er diesen mit seiner Geliebten verbindet.

Immernoch liegt er im Bett, und der Benzingeruch leitet ihn weiter zu einem Tagtraum von Venedig. Venedig! Wo das in Arme zerteilte Meer "eine aufs höchste entwickelte städtische Zivilisation umschlang, die sich aber, hinter ihrem azurblauen Gürtel isoliert, völlig abseits entwickelt..." Wenn das kein Selbstporträt des Autors als Stadtbild ist... "Jetzt, da das Leben mit Albertine wieder möglich geworden war, fühlte ich, daß mir daraus nur Unglück erwachsen könnte, da sie mich nicht liebte: besser war es, sich in der milden Süße ihrer Einwilligung von ihr zu trennen..." Ja, er geht so weit nach Françoise zu schellen, die ihm einen Reiseführer von Venedig kaufen soll. Aber was erfährt er von dieser? Weil er den ganzen Morgen von Venedig geträumt hat, hat er verpaßt, wie Albertine das Haus verlassen hat, und zwar mit ihren Koffern! Françoise (die ja schon immer gegen das Fräulein war) hat nicht gewagt, Marcel zu wecken, weil das einen Tabubruch bedeutet hätte. So ist das Mädchen ohne Abschied verschwunden. Da aber "stockte mir der Atem, ich mußte mein Herz mit beiden Händen festhalten..." Albertine ist fort und der Band zuende.

Unklares Inventar: - Gruyèrekäse.

Verlorene Praxis: - Nicht wagen, der Frau zu nahe zu kommen "um den schönen Stoff nicht zu zerdrücken."

  • Fürchten, daß gewisse laszive Posen auf Gemälden der Frau "Verlangen oder Sehnsucht nach volkstümlichen Genüssen einflößen könnten..."
  • Von der Frau verlangen, daß sie den Schauspielerinnenberuf aufgibt, obwohl man sie gerade deshalb liebt, weil sie am Theater ist.

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