Schmidt liest Proust
Mittwoch, 6. Dezember 2006

Berlin - V Die Gefangene - Seite 278-299

Wegen der "Curb your enthusiasm"-Staffel stand der Fernseher noch da, also doch noch die WM-Dokumentation gesehen und auf eine, angesichts des filmisch gebotenen, inakzeptable Weise gerührt gewesen (es gab doch auch gute Kriegsbücher von reflektierten Menschen, warum gibt es keine Fußballer, die sich zu dem, was sie erleben, anders als mit Floskeln äußern können, die sie aus dem Fernsehen übernommen haben?) Aber wenn ich eine Gruppe von Menschen um ein gemeinsames Ziel kämpfen sehe, werde ich trotzdem immer weich. Erstaunlich, wie verblasst diese Zeit schon wieder ist, unsere Gegenwart läßt sich einfach nicht historisieren, oder es liegt am eigenen Alter, daß sich alles immer schneller relativiert.

Je phantastischer der Sommer war, umso mehr machte er mir Angst vor dem kommenden Winter, ich hatte also wenig Freude daran. Man bekommt nur diese Panik, das Geschenk einer solchen Pracht nicht richtig zu nutzen. Jeder Abend allein sorgt für Schuldgefühle dem eigenen Leben gegenüber, und wenn man dann auch noch zu Hause sitzt, setzt der Selbstekel ein. Immerhin konnte man diesmal Fußball gucken gehen. Ich weiß, daß ich fast alle Spiele am selben Tresen gesehen habe, und wie schwer es war, danach allein nach Hause zu gehen, wenn die Straßen sich mit immer mehr Frauen füllten, die immer weniger anhatten. Aber die Zuteilung stimmte nicht. Denn schon rein rechnerisch mußte irgendeine davon mit mir mitgehen. Im Stadion schwenkte die Kamera ständig auf ekstatische Frauen im Bikini in den Farben der beteiligten Nationen, und man zählte im Kopf ängstlich die verbleibenden Spiele durch, weil man sich Sorgen machte, wie es erst werden würde, wenn man nicht mehr die Ausrede hätte, Fußball zu gucken.

Es war eigentlich eine sehr bedrückende Zeit, was durch die Perfektheit der äußeren Bedingungen nur noch betont wurde. Ohne Liebe fehlte auch die Lebenslust. Deshalb muß man es sportlich sehen, wenn es jetzt nicht klappt, und für die Gefühle dankbar sein, auch wenn sie wehtun, wenigstens hat man mal wieder mitgespielt. Es gehört eben auch Glück dazu, ein großes Turnier zu gewinnen. Und es gibt heute keine leichten Frauen mehr.

Mir tut es nur leid für meinen Trainer, dem ich so viel verdanke. Er hat hier wirklich einen tollen Job gemacht, auch wenn es am Ende nicht ganz gereicht hat. Wie er mich immer wieder motiviert hat: "Junge, die hat die Hosen voll! Die spürt deinen Atem im Nacken! Das ist dein Ding hier, und das läßt du dir von niemandem nehmen, von niemandem auf der Welt! Die anderen, die da auch noch mitmachen dürfen, die interessieren uns gar nicht, weil das deine Party ist! Wichtig ist, daß du dein Spiel durchsetzt. Du hast dir sieben Wochen den Arsch aufgerissen, und jetzt willst du die Belohnung! Und wenn du 110 Prozent gibst, dann packst du das auch. Ich bin ein Team! Ich bin ein Team! Ich bin ein Team!"

Und auch nach der kurz vor dem Ziel erlittenen Niederlage (einen Moment der Unaufmerksamkeit hatte sie genutzt, um sich meiner Bewachung zu entziehen) fand er noch in der Kabine die richtigen Worte: "Ich weiß, wie du dich jetzt fühlst, du bist natürlich wahnsinnig enttäuscht. Aber es gibt gar keinen Grund jetzt den Kopf hängenzulassen. Ich bin wirklich stolz auf dich, wie du hier aufgetreten bist, und du merkst ja, was du für eine Euphorie ausgelöst hast, das gabs noch nie in Deutschland, das ist der Hammer! Aber wirklich der Hammer! Vielleicht wirst du später mal sehen, daß es dir wahnsinnig was gebracht hat, wie du hier an ein Ziel geglaubt hast, und wie du dich reingehängt hast. Und egal, ob du sie nun bekommst, oder ob du 3. oder 4. wirst, da ist was entstanden in diesen Wochen, das spürt man einfach. Und jetzt komm noch mal, da draußen warten 70000 Verrückte, die dich feiern wollen. Und das kann dir niemand mehr nehmen."

Seite 278-299
Bei Madame Verdurin drücken sich künstlerische Emotionen nicht auf psychischem, sondern auf physischem Weg aus. Hört sie Vinteuils Kompositionen, muß sie immer weinen. Böse Zungen behaupten allerdings, statt zu weinen, schlafe sie in Wirklichkeit: "...was niemand übrigens genau entscheiden konnte, denn sie hörte solche Musik mit dem Kopf in den Händen an, und gewisse schnarrende Geräusche mochten immerhin als verhaltenes Schluchzen passieren." Jedenfalls behauptet sie, weinen zu müssen und davon Schnupfen zu bekommen, wodurch ihre Schleimhaut anschwelle und sie tagelang inhalieren müsse. Die Lösung ist einfach: jemand fettet ihr, bevor die Musik beginnt, die Nase ein. So kann sie wieder Musik hören, ohne davon dauernd Bronchitis zu bekommen.

Wieder wird ganz beiläufig ein Tod vermeldet: Doktor Cottard hat es erwischt. Madame Verdurins Kommentar dazu: "Ja, aber was wollen Sie, er ist gestorben, wie alle Menschen sterben; er hat genug Leute umgebracht, daß es nun Zeit für ihn war, seine Streiche gegen sich selbst zu führen." Und weiter im Text, der Salon kennt keine Sentimentalitäten.

Die eigenartige Stimmung auf einer Party, wenn man nicht so richtig weiß, wie man das Verhalten der Gäste einordnen soll: "Es gibt keine große gesellschaftliche Veranstaltung, die nicht, wenn man einen Schnitt in gehöriger Tiefe hindurchlegt, sich jenen Soireen ähnlich erweist, zu denen Ärzte ihre Patienten einladen, die dann höchst vernünftige Reden führen, ausgezeichnete Manieren an den Tag legen und ihre Verrücktheit nur dadurch offenbaren, daß sie einem mit einem Blick auf einen vorübergehenden alten Herrn zuraunen: 'Das da ist Jeanne d'Arc'." Komischer Typ, der Napoleon für Jeanne d'Arc hält. Vielleicht sollte man auch noch was von der Bowle trinken.

Marcel ist hier, weil er wissen will, warum Albertine kommen wollte. Aber alle anderen sind da, weil Morel spielen wird. Bevor es losgeht, schleudert Charlus den Gästen flammende Blicke zu, um ihnen "das religiöse Schweigen, jene Loslösung von jeder Beschäftigung mit weltlichen Dingen, nahezulegen, die hier am Platze seien..." Das funktioniert auch, alle verstummen. Und die Hausherrin, Madame Verdurin, "...saß ganz für sich allein wie eine Gottheit da, die ein musikalisches Weihefest durch ihre Anwesenheit konsekriert, eine Muse des Wagner-Kultes und der Migräne zugleich..."

Unklares Inventar: - Wieder einmal überaus viele Namen: Reinach, Hervieu, Madame Pipelet, Madame Gibou, Madame Joseph Prudhomme, Herr Alberti, Fürstin Jurbeletschew, Picquart, Labori, Zurlinden, Loubet, Oberst Jouaust, Potel und Chabot (Festbankettlieferanten), die Herzogin von Alençon, Prinz Albert von Belgien.

  • Rhinogomenol.
  • Die Mauern von Gaëta.

Verlorene Praxis: - Unter Ludwig XIII. aus der Hefe des Volkes aufsteigen.

  • Nicht zur Nacht essen, um desto gelenkiger zu sein.
  • Als Opernhaushabitué Tänzerinnen subventionieren.
  • Als junges Mädchen die Atmosphäre mit Lächeln durchweben.
  • Seine weißbehandschuhten Hände zur Stirn emporführen und so zu einem Symbol ernster Sammlung werden.

Selbständig lebensfähige Sentenz: - "...denn eingestandene Fühllosigkeit oder unmoralische Haltung vereinfachen das Leben ebensosehr wie oberflächliche Moral..."

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