Schmidt liest Proust
Mittwoch, 13. Dezember 2006

Berlin - V Die Gefangene - Seite 402-422

Wenn man mit 17 schon wüßte, was das Liebesleben für einen bereithält, vielleicht würde man dann gleich aufgeben, wie Michel in "Elementarteilchen". Wenn ich zurückschaue, kommt es mir rätselhaft vor, wie ich so viele Schläge weggesteckt haben soll. In der Jugend dachte man vielleicht, der Kummer gehöre dazu, und man müsse sich das spätere Glück erst verdienen, an das man glaubte, wie an eine religiöse Erlösung. Heute sorgt das Schmerzgedächtnis dafür, daß man Frauen, die einen überfordern könnten, aus dem Weg geht, aber natürlich findet man auch vor allem solche Frauen attraktiv. Früher dachte ich immer, ich könnte alle Frauen von ihren dunklen Geistern heilen, ich müßte ihnen nur die Hand auf die Stirn legen, dann würden sie schon so normal, wie ich, vernünftig essen, und sich nicht länger die Arme aufritzen. Aber man hat keine Ahnung von anderen Menschen. Ich habe in einem Buch das Foto einer sehr attraktiven Serienmörderin gesehen, wie kann diese Frau gemordet haben, fragt man sich? Ich glaube, selbst bei ihr hätte ich mir eingebildet, sie durch meine beruhigende Ausstrahlung resozialisieren zu können.

Und wenn es doch wieder passiert ist, und man sich sicher war, das richtige zu tun, wenn beide zueinander zu passen schienen wie Brüderchen und Schwesterchen, wenn es sich gut anfühlte, und man keinen Schreck bekam bei der Vorstellung, wie man zusammen in 10 Jahren wirken könnte, und wenn es nicht nur eine Projektion zu sein schien, sondern echtes Interesse, und der andere trotzdem nicht bereit ist, weil er mit sich nicht im Reinen ist, nichts empfinden kann und ihn das so unglücklich macht, daß er lieber ganz verzichtet, und man bekommt nicht die Möglichkeit, für ihn da zu sein, wenn es ihm schlecht geht, und ihm zu beweisen, daß man gut für ihn sein kann, und wenn das alles nicht einmal an fehlender körperlicher Anziehung scheitert, sondern an etwas seelischem, was man mit seinen eigenen Erfahrungen nicht nachvollziehen kann, wie soll man da noch denken, daß solcher Kummer einen auf irgendetwas vorbereitet, vielmehr trauert man wie um einen geliebten Menschen, der einem durch irgendeinen sinnlosen Krieg entrissen worden ist, und ohne den man für immer etwas unvollständiger sein wird.

Sie hat mir mein schönstes Geburtstagsgeschenk seit dem Schaumstofffußball von meiner Tante aus Hamburg gemacht, was mir, wenn ich nur daran denke, das Herz bricht, und ich sollte die Kerzen auspusten und erst Tage danach ist mir aufgefallen, daß ich mir in dem Moment nicht gewünscht habe, daß es mit ihr klappen soll, sondern daß endlich wieder ein Manuskript von mir angenommen wird. Und jetzt denke ich, daß es vielleicht an dieser Unaufmerksamkeit gelegen hat, denn gestern haben wir unser letztes Gespräch geführt, das sich anfühlte wie ein Gespräch zwischen zwei Liebenden, nur daß sie danach für immer aus meinem Leben verschwunden ist.
Heute kam mit der Post mein neuer Vertrag.

Seite 402-422
Was nun zwischen Albertine und Marcel folgt ist schon sehr verworren, und es ist schade, daß wir dazu nur Marcels Version kennen und nicht auch die von Albertine. Er lügt, um sie zu halten, und weil er lügt, geht er davon aus, daß auch sie lügt. Aber lügt sie wirklich, oder ist er nur unfähig, ihr zu vertrauen? Jedenfalls hat sie keine Chance gegen diesen Mann. Es geht ja immer noch um Episoden aus Balbec, die weit zurückliegen. Tatsächlich hatte sie dort dem Chauffeur zuliebe, der etwas erledigen wollte, eine Reise vorgetäuscht und war drei Tage irgendwo untergekommen, wo sie sich schrecklich gelangweilt habe. Also nichts, worauf man eifersüchtig sein müßte. Doch bei ihm bewirkt das Geständnis "daß ich mich nun wie in einer völlig zerstörten Stadt fühlte, in der kein Haus mehr steht..." Denn er kann einfach nicht glauben, daß Albertine in den drei Tagen Langeweile nicht auf den Gedanken gekommen ist, kurz zu ihm zurückzukehren oder ihm zu schreiben. Reicht das, um an ihrer Liebe zu zweifeln? Ich fürchte, ich würde das in dem Fall auch tun.

Und was hatte sie nun mit der Freundin von Mademoiselle Vinteuil? Angeblich hat sie ihre gute Bekanntschaft mit dieser übertrieben, um sich vor ihm interessant zu machen, weil er über Vinteuils Kompositionen so begeistert gewesen war, und sie sich zurückgesetzt gefühlt hat. Aber gleich darauf sagt sie ein Wort, das ihn seitenlang nicht losläßt. Sie würde sich nicht mit den Verdurins treffen wollen: "...dann wäre mir schon lieber, ich wäre einmal frei und könnte es mir besorgen..." In dem Moment wird sie rot und hält sich die Hand vor den Mund. Wie hätte sie den Satz beenden wollen? Hat sie ein "...lassen" unterdrückt? Er wird es nicht erfahren.

Nunja, er will Schluß machen, angeblich, um ihr zuvorzukommen, und sie kann machen, was sie will, er weiß ja immer besser als sie, was sie denkt. "Wir machen besser auf einmal Schluß". Er verbietet ihr, ihm in diesem Leben wiederzubegegnen. Wie schön, daß ich das an dem Tag lese, an dem mit mir Schluß gemacht wurde, das glaubt mir doch keiner. Und sie sagt: "Besser, als sich einen Finger nach dem andern abschneiden zu lassen, ist es, man legt gleich den Kopf auf den Block."

Dieser kleine Wortverdreher, Taktiker und Zwecklügner behauptet die Lehrmeisterin dieser Doppelzüngigkeit sei gerade die Liebe, die einen zwinge, nie das zu sagen, was man empfindet, weil man damit nichts erreichen würde: "Was ich als Kind mir als das Süßeste an der Liebe vorgestellt hatte und was mir zu ihrem innersten Wesen zu gehören schien, war, daß man bei der Geliebten seine Zärtlichkeit, seine Dankbarkeit für ihre Güte, sein Verlangen nach einem immerwährenden gemeinsamen Leben freimütig verströmen könne. Aber auf Grund eigener Erfahrung sowie der meiner Freunde war ich mir nur allzuschnell darüber klargeworden, daß der Ausdruck solcher Gefühle keineswegs ansteckend ist."

Erstaunliche Behauptung: "...du weißt, daß ich nicht die Fähigkeit habe, mich lange zu erinnern..."

Selbständig lebensfähige Sentenz: - "Man hört erst nachträglich, wenn man verstanden hat."

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