Schmidt liest Proust
Donnerstag, 30. November 2006

Berlin, Warschauer Straße, Firstbase Internetcafé - V Die Gefangene, Seite 152-173

Das Mädchen, das letztes Jahr nicht wollte, hatte dann am Ende doch gewollt, als ich nicht mehr richtig wollte. Ich weiß weder, wie ich sie überzeugt habe, noch, warum sie mich irgendwann nicht mehr überzeugt hat. Aber der Kummer ist eigentlich vergleichbar mit jetzt, so, wie man wahrscheinlich dasselbe fühlt, egal, an welchen Gott man glaubt. Das ist ja, was Proust die ganze Zeit behauptet, dass die Liebe, die man empfindet, gar nichts mit demjenigen zu tun hat, der sie auslöst. Ich weiß nicht, ob das stimmt, vielleicht ist Liebe in dem Fall das falsche Wort. Ich wüsste nur gerne, wie man es beim nächsten Mal vermeidet, in diesen Zustand zu geraten, der mich eher an eine leichte Hysterie erinnert.

Es war damals (im letzten Jahr...) von Anfang an aussichtslos gewesen, man brauchte ein Flugzeug, um sich zu sehen, aber man hatte so eine Vorstellung von einem Recht auf irrationales Handeln, wenn es um „Höheres“ ging, also Gefühle, die heutzutage und in meinem Alter doch eine seltene Ressource sind. Es wäre sozusagen Gotteslästerung gewesen, diesen nicht alles zu opfern. Ob sie mich in Berlin besuchen würde, hatte ich sie am Anfang gefragt: „Too cold“, war ihre Antwort gewesen, die mich natürlich traf, weil ich ihr sofort glaubte, daß sie schon aus klimatischen Gründen kein Interesse an meiner Stadt hatte, außerdem stand der Winter vor der Tür. Statt ins langweilige Deutschland zu fahren, wollte sie bei nächster Gelegenheit ihre Cousins im sonnigen Argentinien besuchen, mehr Pläne für die Zukunft hatte sie nicht.

Man sollte bei Frauen, in die man sich verlieben möchte, immer darauf achten, dass sie einen gut googlebaren Namen haben. Von ihr gibt es nur wenige Einträge, anfangs gab es sogar gar keinen, und ich hatte mir, das gebe ich zu, auch einmal die Frage gestellt, ob man ein Mädchen lieben kann, das laut Google gar nicht existiert. Seit neuestem liefert Google aber ein neues Ergebnis, dem ich entnehme, dass sie seit November für 8 Monate als Sprachlektor an einer Schule in einer der nördlichsten norwegischen Provinzen arbeitet. Nordnorwegen! Ich las in dem Blog-Eintrag einer Person, die anscheinend dort ihre WG-Nachbarin ist, mehrmals ihren Namen und war doch unfähig, mir das Geschriebene zu übersetzen, weil ich nur ein Dänisch-Wörterbuch habe, mit dem man nicht hinkam.

Norwegen...

Seite 152-173
"Als Albertine sich entfernt hatte, spürte ich, wie ermüdend für mich ihre unaufhörliche Gegenwart, ihr unersättliches Verlangen nach Bewegung und Leben war, das meinen Schlaf in Frage stellte, mich wegen der ständig geöffneten Türen in dauernder Erkältungsgefahr leben ließ..." Oh, in dieses Horn möchte man auch stoßen, diese Frauen mit ihrer Manie, sich auch am Wochenende den Wecker auf morgens um 8 zu stellen, ihrem unausrottbaren Bedürfnis, auch bei vor dem Fenster stattfindenden Bauarbeiten bei offenem Fenster zu schlafen, ihrem ständigen Versuch, einen mit ihren Kuchenhälften ins figurmäßige Verderben mitzureißen! Aber die hormonellen Vorteile, die eine stabile Partnerschaft für das Immunsystem mit sich bringt, sollten die Gefahren durch Zugluft eigentlich ausgleichen.

Nun hat Albertine einen Tag in Versailles verbracht, und Marcel phantasiert deshalb schon wieder in seiner Eifersucht. Er, läßt sich vom Chauffeur beruhigen, der dabei gewesen war, und ihm versichert, sie sei die ganze Zeit nur mit dem Führer vor Augen die Bilder abgegangen. "Ich glaube dennoch, daß jene Erklärungen des Chauffeurs, die mir Albertine, in dem sie sie unschuldiger darstellten, gleichzeitig langweiliger erscheinen ließen..." (Unglücklicher, dir ist nicht zu helfen...) "...nicht genügt hätten, mich so rasch zu beruhigen. Zwei kleine Pickel, die meine Freundin ein paar Tage lang an der Stirn hatte, brachten es noch besser zuwege, die Gefühle meines Herzens ein wenig zu dämpfen." Gesegnete Hautunreinheiten, einziger Balsam des unheilbar Liebenden.

Dummerweise hat sie ihm Ansichtskarten aus Versailles mitgebracht, und jedesmal, wenn er diese beim Aufräumen erblickt, hat er "ein unangenehmes Gefühl." Und so wird durch eine kurze, unglücklich verlaufene Affäre, ein großer Teil unserer Welt zu einer Reizung unserer Nerven. Man staunt, von wieviel Seiten man an sie erinnert wird, denn nur weil man einmal über Pilates gesprochen hatte, schreit es jetzt von allen Wänden "Pilates", nur weil sie einen Schal gestrickt hat, tragen alle Menschen Strickschals, und wenn sie Spanierein war, wird man immer wieder von spanischen Reisegruppen angerempelt. Man muß sich sein Leben mühsam wieder zurückerobern, und vielleicht hilft dabei nur die von Proust so oft erwähnte anästhesierende Wirkung der Gewohnheit.

Vielleicht, denkt er, kann es aber auch hilfreich sein, sich eines der Milchmädchen, der Putzfräulein oder der Lieferantinnen näher anzusehen, die die Wohnung frequentieren, und die er nie beachtet hat? Berufstätige Frauen haben ihren eigenen Reiz. Man wünscht sich, daß die Frau "einem ganz speziellen Beruf obliegt, so daß wir mit ihrer Hilfe in eine Welt entweichen können, von der wir auf Grund ihrer besonderen Kostümierung romantischerweise annehmen, daß sie eine ganz andere ist." Sie soll so weit wie möglich von uns entfernt sein, sich dann aber vollständig erobern lassen. "Wir wollen Bildhauer sein. Wir wollen eine Frau zu einer Statue modeln, die sich vollkommen von dem unterscheidet, was sie selber schon ist."

"Wir haben ein gleichgültiges, schnippisches junges Mädchen am Strande erblickt, wir sind einer ernsthaften, geschäftigen Verkäuferin begegnet, die an ihrem Ladentisch steht und uns vielleicht sehr spröde Auskunft gibt, wäre es auch nur, um nicht zum Gespött ihrer Kolleginnen zu werden, oder haben es mit einer Obsthändlerin zu tun, von der wir mit Mühe eine Antwort erhalten. Dann aber geben wir keine Ruhe, bis wir ausprobiert haben, ob das hochfahrende junge Ding am Strande, ob die Verkäuferin, die nur daran denkt, was jemand von ihr sagen könnte, oder die uns so zerstreut bedienende Obsthändlerin nicht möglicherweise doch nach geeigneten Maßnahmen von unserer Seite ihre geradlinige Haltung verlassen, unseren Hals mit den Armen, die eben noch Fruchtkörbe trugen, umschlingen, auf unseren Mund mit gewährendem Lächeln bislang eisigkühle oder andern Dingen zugewandte Blicke lenken werden..."
Ob es so wünschenswert ist, wenn uns die Obsthändlerinnen plötzlich umschlingen? Jedenfalls scheint der Wunsch danach etwas pathologisches zu haben, und ich wüsste gerne, wie man dieses Symptom bezeichnet.

So übel ist das Milchmädchen, das er sich aufs Zimmer kommen lässt, nicht: "Ich hob den Blick zu ihrem gelblich quellenden, künstlich gelockten Schopf und spürte, wie sein Wirbel mich mit klopfendem Herzen in die lichtdurchzuckten Stürme eines Orkans der Schönheit entführte." Doch unglücklicherweise bringt ihm diese rettende Nymphe den „Figaro“, in dem er ja Tag für Tag vergeblich auf das Erscheinen seines ersten kleinen Textes hofft, und in dem er jetzt liest, daß eine "Léa" bei der Matinée auftreten wird, zu der er Albertine geschickt hat. "Es war, als risse jemand in brutaler Weise von meinem Herzen den Verband, unter dem es seit meiner Rückkehr von Balbec zu vernarben begann." Denn Léa war mit den beiden freizügig lesbischen jungen Mädchen aus Balbec befreundet gewesen. Gegen solch einen Anlaß zur Eifersucht kann das Milchmädchen nichts ausrichten, Eile ist geboten, aus der Entfernung muß verhindert werden, daß Albertine hinter den Kulissen des Theaters Léa besucht.

Selbständig lebensfähige Sentenz: - "O Schönheit der strengen Augen in den Stunden der Tagesfron..."

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