Schmidt liest Proust
Freitag, 1. Dezember 2006

Berlin - V Die Gefangene - Seite 173-194

Draußen wird ein Film gedreht, sie haben in einer geschlossenen Kaufhalle eine künstliche Dönerbude eingerichtet, in Berlin ist das, als würde man für Dreharbeiten in der Wüste Sand aufschütten. Eine gigantische Scheinwerferbatterie auf einem Kran beleuchtet quer über den Platz den 100 Meter weiter liegenden Drehort. Man bekommt wieder einen Eindruck davon, wieviel Aufwand Filme verlangen, und wie schwer es sein muß, sich bei der Verantwortung für solch einen Apparat noch auf das Wesentliche zu konzentrieren, also den Film, von dem man träumt.

Das Licht hat jedenfalls etwas tröstliches, vielleicht auch nur der Umstand, daß etwas besonderes passiert. Sie kommen zu mir, um hier zu filmen, also kann mein Leben ja nicht ganz umsonst sein. Eines Tages werde ich die Szene im Kino sehen und daran denken, daß ich ein Stück weiter saß, auch wenn man mich im Bild nicht sehen kann. Aber ich werde auch ein bißchen in dem Film vorkommen, als genius loci.

Es ist schwer, ihr keine Vorwürfe zu machen, aber noch eigenartiger ist es, daß man sie trösten möchte, weil ihr ja auch eine Illusion zerplatzt ist. Man muß es sich jeden Tag sagen: "Feras, non culpes, quod mutari non potest". Wie gut, daß ich mit meinem Latein schon so weit bin, das zu übersetzen, sonst hätte ich selbst drauf kommen müssen. Im Lateinkurs bin ich bis auf zwei 60jährige der älteste, immerhin aber auch wieder jünger als der Lehrer. In der Namensliste habe ich meine Semesterzahl und meine Studienfächer aber ausgespart. Das ist eine überflüssige Scham, es ist ja keine Schande, sich gerne zu bilden. Man nimmt auch niemandem den Platz weg (ein hartnäckiger Mythos), denn nach wenigen Semesterwochen ist der Raum schon nur noch halbvoll. Die Freude daran, etwas zu lernen und dazu befragt zu werden, ist so groß, daß ich mir Sorgen mache, was einmal werden soll, wenn ich im Februar die Latinumsprüfung bestehe. Wo soll ich dann hin? Ich würde ja gerne endlich mit Griechisch anfangen, aber da würde ich nicht die gleichen Erfolgserlebnisse haben, weil ich noch neu wäre.

Vielleicht setze ich die Prüfung einfach in den Sand, dann kann ich den Kurs nochmal machen. Aber wäre das nicht, als würde man sich immer wieder in dieselbe verlieben, von der man schon weiß, daß sie einen liebt? Ist das nicht ein wenig bequem?

Steigerung im Ausdruck des Wünschens (Laut "Grundwortschatz Latein nach Sachgruppen"):
optare
desiderare
cupere
velle
appetere/petere.
Womit habe ich es also im Moment zu tun? Voluntas, studium, cupido, libido, appetitus oder impetus?

Seite 173-194
"...ich knackte mit den Fingergliedern [..] sei es, daß ich meinen Körper ganz und gar bereithielt [..] als sei er nur mehr eine Waffe, aus welcher der Schuß losgehen müsse, der Albertine von Léa und ihren beiden Freundinnen würden trennen können." Für mich sind das sensationelle Stellen, nicht viele Autoren vor ihm werden ihr Fingerknacken für literaturwürdig erachtet haben.

Wieder fällt ihm ein, wie intensiv Albertine schon in Balbec immer die Mädchen, an denen sie interessiert war, angeschaut hatte: "In diesem Falle heftete sich vielmehr ihr gespannter und gleichzeitig samtigweicher Blick auf die Vorübergehende, ein so nachdrücklicher, derart zehrender Blick, daß man meinte, er müsse, wenn er sich wieder abwendete, die Haut der Passantin mitnehmen."

Im Grunde kommt ihm seine Eifersucht aber gerade im rechten Moment, denn seine Liebe ist ja ständig am erkalten: "Dennoch erschien mir für die Liebe zu Albertine, die ich beinahe mir entgleiten fühlte, wenn ich mich bemühte, ihr Wirklichkeit zu verleihen, die Heftigkeit meines Schmerzes in diesem Augenblick etwas wie ein Beweis." Der Beweis dürfte hinken.

Mit Françoises Hilfe gelingt es dem kleinen Intriganten, der er ja ist (auch wenn er als Autor bisher noch daran scheitert, "eine Intrigue zu schürzen"), Albertine aus der Matinée zu holen. Die beiden sind auf dem Weg nach Hause, bald wird sie eintreffen, und, da die Gefahr einer Begegnung mit Léa erfolgreich abgewendet wurde, scheint es ihm sofort wieder, als würde er seine Zeit lieber alleine verbringen. All die kleinen Arbeiterinnen, Putzmacherinnen und Kokotten aus dem Bois, die er wegen Albertine auch heute nicht besuchen kann...

In dieser Zwickmühle gefangen, setzt er sich ans Klavier und spielt noch einmal Vinteuils Sonate, wodurch Erinnerungen an die Spaziergänge nach der Seite von Guermantes wachwerden, damals, als er selbst Künstler werden wollte. "Als ich in der Tat auf diesen Ehrgeiz verzichtete, hatte ich da etwas Wirkliches aufgegeben? Konnte das Leben mich über den Verlust der Kunst trösten?" Das ist eine Frage, die ich mir auch ständig stelle. Normalerweise wird man ja gefragt, warum man schreibt, aber viel mehr interessiert mich, wie man es aushält, nichts dergleichen zu machen. Dazu gibt es ein schönes Zitat von E.E.Cummings: "Was wird aus den Menschen, die keine Künstler werden? Nichts wird aus ihnen, das Nichts wird aus ihnen."

Nach Vinteuil spielt er Tristan: "Von Wagner durch eine Wand von Tönen getrennt, hörte ich verstärkt sein Frohlocken, vernahm ich seine Aufforderung, seine Freude zu teilen..." (wann hat er eigentlich bisher Klavier geübt? Ist uns das entgangen? Man fühlt sich ja, wie eine Ehefrau, die nach 40 Jahren, also vermeintlich im Besitz erschöpfender Kenntnisse über sein Leben, zu ihrem Gatten sagt: "Das hast du mir ja nie erzählt, daß du früher mal ein Motorrad hattest!") Wagner intonierend wandern seine Gedanken zu diesem eigenartigen Morel, der sich, zu Charlus' Mißvergnügen, abends frei von diesem nimmt, angeblich, weil er an einem Algebrakursus teilnehmen will. So eine Ausrede hört wohl kein Liebhaber der Welt gerne.

Selbständig lebensfähige Sentenz: - "Eine halbe Stunde darauf läutete das Telephon, und in meinem Herzen erhob sich ein Tumult von Hoffnung und von Angst."

Nichts läutet, das Nichts läutet.

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