Schmidt liest Proust
Sonntag, 17. Dezember 2006

Berlin - V Die Gefangene - Seite 462-482

Die als Trost gemeinte Versicherung, er werde eines Tages glücklich sein, ist für den Unglücklichen natürlich eine Beleidigung, weil sie die Aufrichtigkeit seiner Überzeugungen in Frage stellt. Lieber verwandelt man sich in ein Mahnmal seiner Gefühle und widmet sein Leben, wie der letzte Überlebende eines Völkermords, der Aufgabe, das Gedenken an die mißhandelten Gefühle zu pflegen. Die Tatsache, daß man, allein durch die Zeit, darüber hinwegkommen könnte, scheint ja alles, was man empfindet, zu relativieren. Wie kann man ernsthaft verliebt gewesen sein, wenn man es irgendwann nicht mehr ist? Man sieht es vor sich, wie sie einen dann zufällig trifft und sagen wird: "Siehst du..." in demselben Ton, wie die Mutter früher, wenn man sich bereiterklärt hat, ein Kleidungsstück anzuziehen, das man lange vehement abgelehnt hatte. Man zieht es an und ist vielleicht sogar schon halb überzeugt, daß es ja wirklich nicht so schlimm aussieht, aber gegen dieses "Siehst du..." lehnt man sich noch einmal mit gespielter Gereiztheit auf. Man will einfach nicht glücklich sein mit dieser Schlaghose.

Als könnte die Echtheit der Gefühle sie zum Einlenken bewegen. Ein Fußballtrainer muß ja auch gehen, wenn er "die Mannschaft nicht mehr erreicht", egal, ob seine Methoden modern sind und er der ideale Mann für den Verein ist. Man sollte nicht warten, bis man entlassen wird. Aber wie kann man seine Konsequenzen ziehen, das einseitige Verhältnis beenden und sie gleichzeitig durch die übermenschliche Anstrengung, die dieser Schritt bedeutet, beeindrucken? Daß man dazu fähig war, scheint ja zu beweisen, daß alles lange nicht so dramatisch gewesen ist. Man kann sich ja auch nicht entscheiden, nicht mehr krank zu sein. Manchmal ist man aber so verrückt, zu denken, ein wirklicher Krebs könnte einem Gerechtigkeit verschaffen, da man schon zu oft als Hypochonder belächelt worden ist, endlich ist der Beweis erbracht, daß man nicht übertrieben hat. Aber selbst, wenn man sterben würde vor Liebe, würde sie einen deshalb nicht lieben.

Man könnte die letzte SMS, die man von ihr erhalten hat, und von der man sich immer noch eine Wende erhofft, einfach ungelesen aufbewahren. Solange man sie nicht liest, kann sie ja alles enthalten. Also warum dann nicht die vagen, unbegründeten Hoffnungen auf das feste Fundament einer nicht gelesenen SMS stellen? Man könnte dann sein Leben mit der Hoffnung verbringen, daß sie doch noch zur Vernunft gekommen ist, daß man eben nur nie davon erfahren hat.

Wie kann man es überwinden, ohne damit seine gegenwärtigen Ansichten zu verraten, wie ein abtrünniger Revolutionär? Warum erntet immer nur derjenige, der seinen Überzeugungen treu bleibt, Bewunderung, während sich der, der sich ändert, verdächtig macht? Der vielgescholtene "anästhesierende Einfluß der Gewohnheit" (Proust), ist er nicht in Wirklichkeit ein Geschenk des Himmels? Warum wird er dann so selten gewürdigt? In der Kunst widmet man sich immer nur dem Ausnahmezustand, warum gibt es so wenig Literatur über den schmerzstillenden Segen der Langeweile?

Seite 462-482
Manchmal spielt Albertine auch Rameau oder Borodin, und er fühlt sich dann je nachdem wie ins achtzehnte Jahrhundert versetzt, oder er sieht die Wände des Zimmers und es "breitete sich die östliche Steppe darauf aus, in der alle Klänge in der Unendlichkeit der Entfernungen und der weichen Dämpfung durch den Schnee ersticken." Komponiert man eigentlich anders, wenn man in einem Land lebt, wo die Geräusche immer im Schnee ersticken? Anders gefragt: kann man die Räume und Gerüche, das Klima und die akustischen Verhältnisse ihrer Zeit aus den Kompositionen von Beethoven oder Bach heraushören?

Und da sitzt sie "ein gezähmtes Wild, ein Rosenstock, dem ich Stab und Stütze, das Spalier gleichsam, lieferte, an dem sein Leben sich festranken konnte..." Es folgt das Hohelied des Marcel auf seine Freundin Albertine: "Ihre Schultern, die ich immer nur herabhängend und schmollend weggewendet gesehen hatte, wenn sie die Golfschläger heimtrug, lehnten sich jetzt an meine Bibliothek." O, wie schön das aussehen muß! Eine an eine Bibliothek gelehnte Golfspielerin! Ihre schönen Beine, die "während ihrer ganzen Kindheit die Pedale eines Fahrrads bedient haben mochten...", stecken in den Schuhen, die er ihr herstellen lassen hat. Was sie natürlich auch nicht endgültig zu seinem Besitz macht, aber es ist nur konsequent für den Liebenden, über die Kleidung der Geliebten bestimmen zu wollen. Wie fühlt sich eigentlich Karl Lagerfeld, wenn er Frauen seine Kreationen tragen sieht? Oder jemand, der Dessous entwirft, und sich vorstellen darf, daß täglich hunderttausende schöner Frauen in sein Werk steigen und dabei eine Gänsehaut bekommen?

Ihre Finger, ihr Hals, ihre Augen, ihr Haar... Sein Zimmer ist jetzt "eine Krippe für diesen musizierenden Engel...", der wie ein Kunstwerk auf ihn wirkt. Aber wenn er sich auch "zu ihrem Besitz beglückwünschte, dauerte es nicht lange, bis sie mir wieder gleichgültig wurde. Ich langweilte mich sehr rasch mit ihr, doch hielt auch dieser Zustand nicht allzulang an. Man liebt nur da, wo man einem Unzugänglichen nachspürt, man liebt nur, was man nicht besitzt..."

Vielleicht könnte er sich ihre Untreue ja gar nicht vorstellen, wenn er nicht selbst unter Formen der Untreue leiden würde (was für ihn heißt: Blicke auf junge Radfahrerinnen zu werfen.) "So wie es keine Kenntnis gibt außer der, die man aus sich selber hat, gibt es beinahe auch keine andere von der Eifersucht. Beobachtung spielt keine Rolle dabei. Nur aus der Lust, die man selbst verspürt hat, kommt einem Wissen und Schmerz."

Diese elende Distanz zwischen den Menschen. Es gibt Regionen in ihren Augen, die ihm "unzugänglich wie der Himmel waren..." Leider kann man sich nicht aufessen, man muß sich also mit dem Betasten der Oberfläche begnügen. "Ich konnte sie streicheln, meine Finger lange über sie hingleiten lassen, doch, als betastete ich einen Stein, der noch den Salzgehalt unvordenklicher Ozeane oder den Strahl eines Sternes in sich birgt, spürte ich, daß ich nur die undurchdringliche Hülle eines Wesens berührte, das sich im Innern ins Unendliche verlor." Der Fehler liegt bei der Natur, die zwar eine Art körperlicher Vereinigung vorgesehen hat aber "nicht darauf bedacht gewesen ist, eine gegenseitige Durchdringung der Seelen vorzusehen..." Wäre es also besser, wie von Swann empfohlen, von Anfang an das Leben eines Sammlers zu führen, und auf die Frauen zu verzichten? Aber dann wäre er nie durch die Frau "...aus mir selbst hinaus auf jenen ganz privaten Verbindungsweg zu der großen Stadt gewiesen, auf welcher vorüberzieht, was wir erst von dem Tage an kennen, da wir gelitten haben: das Leben der anderen..." Man muß also leiden, um ein Mensch zu werden.

Ach, wie schön, sie zuhause zu haben und nachts wecken zu können. Sofort schlingt sie ihm heiter lachend die Arme um den Hals. "Als ich sie weckte, bewirkte ich nur, wie bei einer Frucht, die man aufbricht, daß der erquickende Saft daraus hervorgequollen kam." Es sei denn, sie sagt: wollen wir nicht schlafen, ich muß morgen früh raus, bitte, ich bin so müde, ist das ok für dich, wenn der erquickende Saft heute nicht hervorquillt?

Jeden Tag ist er sicher, "daß ich am folgenden mich gleichzeitig an die Arbeit machen, mich aus dem Bett erheben, das Haus verlassen und die Abreise nach irgendeiner Besitzung vornehmen könnte..." Und es grenzt an ein Wunder, daß er sich anscheinend ja wirklich eines Tages an die Arbeit gemacht hat, und das ohne die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, Frauen zu beeindrucken oder seiner Familie etwas zu beweisen.

Immer noch spürt er ihren alten Lügen nach. Was hat er schon gewonnen, wenn er herausbekommt, daß sie also doch in einem Ort namens "Buttes-Chaumont" war? Wen kann das interessieren? Aber das Gedächtnis hat viel Platz: "Es ist wie eine Apotheke oder ein chemisches Laboratorium, in dem man durch Zufall ebensogut eine beruhigende Droge wie ein gefährliches Gift in die Hand bekommt." Mal wieder wird die Vergangenheit umgedeutet. War sie zur gemeinsamen Abreise aus Balbec nur so plötzlich bereit gewesen, weil sie in Paris Andrée treffen wollte? Er erinnert sich an diesen Tag, "wie sie den Direktor beiseite gestoßen hatte, durch dessen Bemühungen, uns zurückzuhalten, wir um ein Haar den Omnibus verpaßt hätten" Das den-Direktor-beiseite-stoßen der Freundin ist doch wieder eine echte Kafka-Geste, existentieller Slapstick.

Angeblich wartet er nur noch auf den richtigen Moment zur Trennung. Die Jahreszeit muß nämlich passen, damit er möglichst wenig leidet, und sie nicht an irgendwelche Orte reisen kann, wo sie Vergnügungen ohne ihn erleben würde. "Ich fühlte, daß mein Leben mit Albertine, soweit ich nicht eifersüchtig war, nichts als Langeweile, soweit ich es aber war, nur Leiden bedeutete..." Und vor die Wahl zwischen Langeweile und Leiden gestellt, wofür wird man sich wohl entscheiden?

Unklares Inventar: - Ein Opal, der noch in der Matrix ruht.

Erstaunliche Behauptung: "...da ich über keine Gabe der äußeren Beobachtung verfügte und niemals wußte, was ich eigentlich sah..."

Selbständig lebensfähige Sentenz: - "Liebe ist Raum und Zeit, dem Herzen fühlbar gemacht."

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