Schmidt liest Proust
Dienstag, 12. Dezember 2006

Berlin - V Die Gefangene - Seite 382-402

Selbst im Marco-Polo-Sprachführer für Polnisch ist man vor diesem Thema nicht sicher. Im Kapitel Verabredung/Flirt versteckt sich in den Beispielsätzen, wenn man sie am Stück liest und sich die fehlenden Zwischenschritte dazudenkt, ein bedrückendes Dramolett:

  • "Hast Du für morgen schon etwas vor?" (Co robisz jutro)
  • ...
  • "Wollen wir zusammen hingehen?" (Czy moglibysmy pojsc tam razem?)
  • ...
  • "Ich habe mich den ganzen Tag auf dich gefreut." (Caly dzien cieszylem sie na spotkanie z toba)
  • ...
  • "Du hast wunderschöne Augen." (Ty masz przesliczne oczy)
  • ...
    "- Ich habe mich in dich verliebt." (Zakochalem sie wo tobie)
  • "Es tut mir Leid, aber ich bin nicht in dich verliebt." (Przykro mi, ale ja nie jestem w tobie zakochana)
  • "Gehen wir zu dir oder zu mir?" (Czy pojdziemy do ciebie, czy do mnie?)
    ...
  • "Ich möchte mit dir schlafen." (Chcialbym sie z toba przespac)
  • "Ich habe keine Lust dazu." (Nie mam na to ochoty)
  • ...
  • "Hör sofort auf." (Natychmiast przestan!)
  • ...
  • "Aber nur mit Kondom." (Ale tylko z kondomem)
  • ...
  • ...
  • "Darf ich dich nach Hause bringen?" (Czy moge cie odprowadzic do domu)
  • "Bitte geh jetzt." (Prosze idz teraz!)
  • ...
  • "Laß mich in Ruhe!" (Prosze zostawic mnie w spokoju!)
  • ...
  • "Hau ab!" (Odwal sie!)
  • ...

Seite 382-402
Was für ein Schlag! Als der nichtsahnende Charlus in bester Laune auf Morel zutritt, bricht dieser öffentlich mit ihm. Einmal im Leben scheint Charlus seine Beredsamkeit abhanden zu kommen. "Was ihn verstummen ließ, war vielleicht (als er Monsieur und Madame Verdurin die Blicke wegwenden und niemand ihm zu Hilfe kommen sah) das gegenwärtige Leiden und vor allem das Grauen vor allem, was noch kommen würde..." Einen seiner hilfreichen, nervenkrisenhaften Zornausbrüche hätte er innerlich vorbereiten müssen, man hat ihn auf dem falschen Fuß erwischt. Statt dessen stammelt dieser Mensch, vor dessen Verdammungsgesten bisher alle gezittert haben: "Was soll denn das bedeuten? Was ist denn los?" Und auch im Moment größter Bewegtheit, bleibt man als Mensch in einem sehr beschränkten Schema von Ausdrucksmöglichkeiten befangen, so beschränkt, daß man sicher nicht viel verlieren würde, wenn man immer mit Masken arbeiten würde, statt mühsam das Gesicht zu verziehen: "Die ewige Pantomime panischen Schreckens aber hat sich so wenig gewandelt, daß dieser alte Herr, dem in einem Pariser Salon ein unangenehmes Erlebnis zustieß, unbewußt in das Schema der nur wenige Figuren umfassenden Attitüden verfiel, in welchen die griechische Bildkunst der ersten Jahrhunderte das Entsetzen der vom Gotte Pan verfolgten Nymphen stilistisch festgelegt hat."

Rührend, wie die Königin von Neapel noch einmal erscheint, um ihren vergessenen Fächer zu holen, die Szene überblickend sofort alles durchschaut, die Verdurins mit allem Hochmut durch Nichtachtung zurechtweist und ihrem armen, alten Vetter den Arm reicht: "Lehnen Sie sich auf meinen Arm. Seien Sie gewiß, daß er Sie immer stützen wird." Ach, wie schön es ist, noble Freundinnen zu haben, die so vergeßlich sind, daß sie immer noch einmal auftauchen, wenn man sie braucht.

Anders, als man hätte erwarten können, wird Charlus in der Folge keine Repressalien gegen die Verdurins in die Wege leiten. Er erkältet sich und zieht sich eine gefährliche Lungenentzündung zu, die ihn an den Rand des Todes bringt. In dieser Stimmung ist ihm die Rache gleichgültig: "...nachdem Monsieur de Charlus einen Augenblick an die Verdurins gedacht hatte, fühlte er sich zu erschöpft, wendete sich zur Wand und dachte an gar nichts mehr."

Marcel verläßt nun endlich das Haus der Verdurins, er denkt ja ohnehin schon die ganze Zeit an nichts anderes als an die bei ihm wartende Albertine. So auch unterwegs, wo er nur sehr oberflächlich auf das Gerede von Professor Brichot hört (was Proust nicht davon abhält, es Wort für Wort zu protokollieren.) "Wie im übrigen schon unaufhörlich, seitdem ich das Haus verlassen hatte, fühlte ich mich, wenn auch auf eine noch so dunkle Weise, an das junge Mädchen gefesselt, das in diesem Augenblick in seinem Zimmer war." Marcel erblickt von außen Albertines von (elektrischem) Licht schwach beleuchtetes Fenster. Gleich wird er das Zimmer selbst betreten, noch ist er aber draußen. Wäre er früher, wenn "für mich die Stunde der Zärtlichkeit kam", nach Venedig gefahren, oder wenigstens in einen Winkel des nächtlichen Paris, dann findet er jetzt, was er sucht, zu Hause. Das ist für ihn eine äußerst bemerkenswerte Umwälzung der Lebensführung. Kehrte man sonst heim von Menschen "die von außen her dem Denken Nahrung zutrugen", und war dann zu Hause gezwungen, diese Nahrung in sich selbst zu suchen, so wartet dort nun die Person "bei der ich am vollständigsten aufs Denken verzichtete". Und deshalb sehen die von den Fensterläden herausgeschnittenen parallelen hellen Streifen aus, wie "das leuchtende Gitterwerk, das sich hinter mir schließen würde und dessen unverbiegbare goldene Stäbe ich für eine ewige Knechtschaft selbst geschmiedet hatte."
Man kann nur hoffe, die gute Albertine liest das nicht.

Unklares Inventar: - Eine toryhafte Form der Güte.

  • Der Teich Bethesda.
  • Peary.
  • Spanische Kreide.
  • Monseigneur d'Hulst.

Verlorene Praxis: - Den Namen des Athleten, den man liebt, in den Ring der Zeusskulptur ritzen, die man geschaffen hat.

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