Schmidt liest Proust
Dienstag, 1. August 2006

Odessa, Uspenskaja 13 - S.274-294

Da ich noch relativ jung bin, besteht durchaus die Chance, eines Tages der letzte noch lebende Proust-Leser zu sein. Von Jahr zu Jahr sind wir weniger geworden, wenn wir bei den Feierlichkeiten zu Prousts Todestag auf der Tribuene begruesst worden sind, mit uns stirbt eine Epoche. Aber wir haben unser Leben dem Traum gewidment, dass unsere Kinder in einer Welt ohne Proust aufwachsen koennen.
Wobei die 190 Folgen Proust, die ich bearbeite, nicht mehr Platz im Kopf einnehmen duerften, als die ca. 260 Folgen "Frasier", die sich schon dort befinden. Man müßte einmal in Erfahrung bringen, warum Proust so eine erfolgreiche Show schon nach 7 Seasons eingestellt hat, und warum er dachte, mit Abschluß seines Werks sterben zu müssen. Vielleicht hatte er Angst, mit jedem weiteren Tag neues Material anzuhäufen, das er anschließend aufzuarbeiten hätte. Wenn die Welt es wirklich ernst meinen würde mit ihrer Verehrung für die großen Künstler, würde sie es nicht abwarten, sie sterben zu sehen, sondern lieber vorher selbst untergehen.

Ein Buch, das so lang ist, hat natürlich auch das Recht, erst nach 300 Seiten in Schwung zu kommen, das entspricht 30 Seiten bei einem normalen Buch. Vielleicht hat es Proust auch so gehalten, wie er es von den Frauen behauptet, je schwerer sie zu erobern sind, um so dauerhafter der Genuß. Insofern hat er vielleicht bewußt ein Gebirge aus Blumenmalereien vor dem Leser aufgetürmt, dahinter kommen dann die fruchtbaren Ebenen (sofern es nicht nur ein Vorgebirge war.)
Es wird zunehmend schwer, die Handlung zusammenzufassen, da kaum noch überflüssige Sätze fallen. Swann liebt Odette, obwohl er genau weiß, daß sie nicht besonders intelligent und mit einem sehr durchschnittlichen Geschmack begabt ist. Es liegt wohl mehr an Swann, als an Odette, daß er sie unwiderstehlich findet. Wie erschleicht man sich die Gelegenheit, eine Frau zu küssen? Indem man sagt: "Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich die Blumen in Ihrem Ausschnitt zurechtrücke." Das geht freilich nur, wenn vorher "das Pferd gescheut" hat (man richte sich einmal mit denselben Worten an seine Sitznachbarin, nachdem der Busfahrer wegen einer roten Ampel scharf gebremst hat.) Auch etwas aus der Mode gekommen, das Geschick der Frau "mit aller Macht ihr Gesicht von dem seinen fernzuhalten, als werde sie durch eine unsichtbare Kraft zu ihm gezogen." Als sie sich nun schon "gleichsam gegen ihren Willen auf seine Lippen sinken ließ", hält Swann ihr Gesicht noch einen Augenblick "mit beiden Händen von sich ab". Vielleicht, wie man sich die Salamischeibe auf der Stulle bis zum Schluß aufspart? "Er wollte seinem Denken Zeit lassen, den Traum, dem es so lange nachgehangen hatte, wiederzuerkennen und seiner Verwirklichung beizuwohnen wie eine Verwandte, die man herbeiruft, damit sie ihrerseits den Erfolg eines Kindes mit ansieht, das ihrem Herzen nahesteht."
Der erste Kuß ist sozusagen ein Todesurteil für die ungeküßte Odette, die er niemals wiedersehen wird, weshalb er sie mit jenem Blick ansieht "mit dem man am Tage der Abreise eine Landschaft mit sich forttragen möchte, die man für immer verläßt." Erstaunlich, daß er sich unter der Voraussetzung überhaupt entschließen kann, sie zu küssen. Aber, wie gesagt, das Pferd hatte gescheut.
Aber nicht nur Odette verändert sich jetzt, wo Swann ihr jeden Abend die Blumen im Ausschnitt ordnet, sondern auch er selbst: "So sehr schafft eine neue Leidenschaft in uns etwas wie einen neuen und ganz anderen Charakter, der unseren sonstigen ersetzt und die bis dahin unveränderlichen Zeichen, an denen er kenntlich war, zerstört!" Was natürlich auch ein wenig Gegenwehr hervorruft, manchmal würde Swann spät abends lieber gleich nach Hause gehen, statt noch zu ihr. Aber die Erinnerung an den einen schmerzvollen Abend ohne sie genügt schon, um die Freude, sie für sich zu haben, immer zu erneuern: "Die menschlichen Wesen sind uns gewöhnlich so gleichgültig, daß, wenn wir in eines von ihnen solche Möglichkeiten des Leidens und der Freude hineingelegt haben, es uns einer anderen Welt anzugehören scheint, sich mit Poesie umgibt und unser Leben zu einer tiefbewegenden weiten Landschaft macht, in der es uns je nachdem näher oder ferner ist."
Sie darf ihm die Nationalhymne ihrer Liebe ganz ungeschickt am Klavier vorspielen, für ihn ist es, "als habe er ein schmerzstillendes Mittel eingenommen." Gerade, daß es so unlogisch ist, sie zu lieben, feuert ihn an, weil er sich "in ein der Menschheit fremd gegenüberstehendes, blindes, aller logischen Fähigkeiten beraubtes Geschöpf verwandelt fühlte, fast wie das Einhorn der Legende..." Die Liebe zu einer intelligenten Schönheit ist sozusagen banal, aber die Überraschung darüber, sich mit einer eher einfältigen, auf leicht unorthodox Art attraktiven Frau eingelassen zu haben, macht einen zum Einhorn (Swann nimmt, von seinen Gefühlen beflügelt, sogar seine liegengelassene Studie über Vermeer wieder auf!)
Allerdings muß er, wenn sie Klavier spielt, doch manchmal ihrem Nacken unauffällig "die nötige Biegung geben", damit er wieder mehr nach Botticelli und Quattrocento aussieht.

Unklares Inventar: Cattleyablüten, Faillerock, "Er stieg in seine Victoria", Kapotthut.

Praxis: - "Seine Bedienten zu Bett schicken", und wahrscheinlich ohne ihnen etwas vorlesen zu müssen.

  • "Wenn er in der Zeitung die Namen der Personen las, die an einem Diner teilgenommen hatten", kann er sofort einschaetzen, von welcher Qualitaet das Diner war. Tatsächlich hat man ja heute auch diesen Blick dafür, ob die Kandidaten einer neuen Show A-, B- und C-Prominenz besitzen. Ich fand es immer schrecklich, von meinem Management falsch informiert worden zu sein, und mich auf einem Diner inmitten von Prominenten unter meinem Rang wiederzufinden.
  • Sein Zimmer "in Louis-Seize" einrichten. Warum benennt man die Stilepochen heute nicht mehr nach den Staatsoberhäuptern? Dann würde ich in einem bis auf einige ausgesuchte Honecker-Stücke vorwiegend "Schröder" Zimmer wohnen.

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