Schmidt liest Proust
Sonntag, 30. Juli 2006

Odessa, Uspenskaja 13 - S. 233-254

Wenn Marcel nachts aufwacht, rekonstruiert er im Geist das Zimmer, in dem er sich befindet, und fuehlt sich dabei wie ein Raumausstatter, der Moebel rueckt. Wenn man ein Buch liest, befindet man sich auch immer schon in einem Zimmer, man liest ja nie, als sei man in der Phase nach dem Aufwachen, wo man noch nicht weiß, wo man ist. Man kann nicht ignorieren, für wie wichtig Proust gilt (deshalb liest man ihn ja wahrscheinlich nur), man spekuliert auf das Prestige, das es einem verschafft, so ein Buch zu kennen. Man weiß, daß der Autor als Ästhet gilt und sich besonders feinsinnig ausdrückt, und daß man sich bemühen muß, die Nuancen nicht zu übersehen. Als ich heute zu lesen begonnen habe, hatte ich aber, sicher weil ich in der Ukraine bin, kurzzeitig die Vorstellung, einen russischen Roman zu lesen. Ich hatte mich sozusagen im Zimmer geirrt. Aber es funktioniert, man denkt sich dann sofort andere Möbel zum Buch, sieht die Figuren als "typische Russen" vor sich (wie man sie natürlich auch nur aus typisch russischen Romanen kennt) und bemueht sich zu verstehen, was das alles mit Russland zu tun hat, bis man "aufwacht" und einem wieder bewusst wird, dass man ja in Frankreich ist.

S. 233-254
Odette macht bei Swann Punkte, mit Aussagen, wie: "Sie haben sicher einmal um eine Frau gelitten, und nun meinen Sie, alle sind so wie sie. Sie hat Sie gewiß nicht verstanden; Sie sind ein so ganz besonderer Mensch. Gerade das habe ich von Anfang an in Ihnen geliebt, ich habe gefühlt, daß Sie nicht sind wie die anderen alle." Wahrscheinlich hat sie recht, und es sind wirklich nicht alle, wie diese bewußte Frau, aber ob er an denen, die nicht so sind, ueberhaupt interessiert ist?
Swann (uebrigens: was fuer ein genialer Figurenname, und Einsilber sind einfach effektiver) läßt sich von Odette im Salon der Verdurins einführen, den Proust ziemlich gnadenlos karikiert. Ein Doktor, der immer lächelt, um nicht als naiv zu gelten, falls er die Ironie einer Aussage nicht mitbekommen haben sollte, ein Mann, dem sein gutes Herz die Achtung gekostet hat, die ihm sein Vermögen eingebracht hatte, und der einen Sprachfehler hat, der "einen seelischen seelischen Vorzug verriet", denn "alle Konsonanten, die er nicht aussprechen konnte, standen für ebenso viele Härten, zu denen er nicht imstande war." Und schließlich die Tante des Pianisten: "Da sie keinerlei Bildung besaß und Angst vor Schnitzern hatte, sprach sie absichtlich möglichst undeutlich, in der Hoffnung, daß, wenn sie etwas Falsches sagte, ihre Rede in einem solchen Gemurmel untergehen würde, daß es nicht mehr mit Sicherheit festzustellen sei; dadurch war ihre Sprechweise allmählich zu einem bloßen unklaren Nuscheln geworden, aus dem sich von Zeit zu Zeit eine einzelne Vokabel heraushob, deren sie vollkommen sicher war." (auch eine Taktiv beim Fremdsprachenerwerb, ein paar Vokabeln, deren man sich sicher ist, und etwas Genuschel, reichen schon, um einem lange, unverstaendliche Antworten einzubringen. Immer wieder schwierig, nach 5 Minutem vorgetaeuschtem Verstaendnis noch Rueckfragen zu stellen, die verraten koennten, wie lange man schon nicht mehr folgen konnte.)
Swann beherrscht "die elementare Gymnastik des Weltmanns", Leuten gegenüber, deren Kreise den seinen untergeordnet sind, höflich und zuvorkommend zu scheinen. Es gelingt ihm fast schon beim ersten Besuch "den Ton des Hauses zu treffen".
Die Gastgeberin, Madame Verdurin, hat sich einmal beim Lachen den Kiefer ausgerenkt, seitdem "verzichtete sie auf sehr nachdrückliche Heiterkeitsausbrüche und überließ sich statt dessen lieber einer konventionellen Mimik, die, unanstrengend und gefahrlos zugleich, auszudrücken schien, daß sie Tränen lache. Bei dem geringsten Scherzwort, das ein Getreuer gegen einen 'Langweiler' oder einen früheren Getreuen vorbrachte, stieß sie – zur größten Verzweiflung übrigens von Monsieur Verdurin, der lange Zeit den Ehrgeiz gehabt hatte, für ebenso liebenswürdig zu gelten wie seine Frau, der aber, da er ernstlich lachte schnell außer Atem geriet und so durch ihre List einer unaufhörlichen, wenn auch fiktiven Heiterkeit ins Hintertreffen geraten war – einen kleinen Schrei aus, drückte ihre Vogelaugen, die eine leichte Hornhautveränderung zu verschleiern begann, fest zu und barg plötzlich, als habe sie nicht mehr Zeit gefunden, ein unpassendes Schauspiel den Blicken zu entziehen oder einem tödlichen Anfall zu begegnen, das Gesicht in den Händen, so daß es völlig bedeckt und nichts mehr davon zu sehen war; es schien dann, als müsse sie die größten Anstrengungen machen, um einen Lachanfall zu unterdrücken, der, wenn sie sich ihm hemmungslos überlassen hätte, zu einer Ohnmacht geführt haben würde." Gefaketes Lachen, um länger durchzuhalten? Da hat man schon von schlimmeren Faelschungen gehoert. Und ihr armer Mann gilt als weniger liebenswürdig, weil er es oft zu anstrengend findet, wegen einer Kleinigkeit zu lachen. Interessant, daß es als liebenswürdig gilt, über die Bemerkungen seiner Gäste zu lachen.
Ausgerechnet in dieser Gesellschaft hört Swann ein Klavierstück, das ihn einmal tief bewegt hatte, von dem er aber damals nicht ermitteln konnte, wer es geschrieben hatte. "So lange schon hatte er darauf verzichtet, sein Leben auf ein ideales Ziel zu richten, hatte es vielmehr so ganz auf eine Abfolge von täglich sich erneuernden Befriedigungen abgestellt, daß er, ohne es sich jemals ausdrücklich zu sagen, die Meinung hegte, es werde bis zu seinem Ende immer so weitergehen; je mehr noch: da er sich im Geiste nicht mehr mit großen Gedanken beschäftigte, hatte er aufgehört, an ihre Realität zu glauben, ohne daß er diese geradezu leugnete." Auf diese "seelische Verödung" hatte die Musik heilsam gewirkt.
"Wie nun aber bei gewissen chronisch Kranken plötzlich der Aufenthalt in einer anderen Gegend oder eine von der gewohnten abweichende Diät manchmal eine unerklärliche organische Umstellung bewirken, so daß diese Menschen noch einmal zu der bereits aufgegebenen Hoffnung zurückfinden, zu guter letzt doch noch ein ganz neues Leben zu beginnen."
Das Essen in Odessa kann man sicher als "von der gewohnten abweichende Diät" bezeichnen. Aber ich hoffe, es bewirkt keine "unerklärliche organische Umstellung". Und ein neues Leben beginnen? Es wäre ja schon ein neues Leben, wenn man einmal aufhören würde, sich staendig einzubilden, ein neues Leben beginnen zu müssen.

Unklares Inventar: ein "Tapisseriesofa von Beauvais".

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