Schmidt liest Proust
Samstag, 22. Juli 2006

S.85-105

Ich bin nach langem Abwägen des Für und Widers nun doch ein Wochenende aufs Dorf gefahren, in mein persönliches Combray, dessen Beschreibung sinnlos wäre, man muß Experimente anderer nicht wiederholen. Außerdem ist Prousts absencenseliger Erinnerungskult mir zwar sehr vertraut, aber ich suche trotzdem immer noch nach Alternativen. Man muß das Museum, in dem man lebt, ja auch für Besucher attraktiv gestalten.
Meine heutige Madeleine war der Benzingeruch einer alten MZ, sofort waren einem wieder die heißen Leiber dieser Fahrzeuge präsent, mit denen die Abgesandte der Dorfjugend von Zeit zu Zeit auf dem Hügel über der Badestelle erschienen, um wie ein Indianerhäuptling zu prüfen, ob die Bleichgesichter sich festgesetzt hatten, und wortlos wieder wegzuknattern, ein Mysterium für alle nicht in ihre Kulte eingeweihten. Es war paradox, der Grund, warum sie so schnelle Fahrzeuge besaßen, war, daß sie nicht wußten, wo sie hinsollten. Um ihre Zeit totzuschlagen, nahmen sie Geschwindigkeit auf.

S.85-105
Praxis: - Der Frauentyp der "Kokotte", was man sich heute darunter vorzustellen hat? "Späterhin habe ich den Eindruck gewonnen, als sei es eine der rührenden Seiten der Rolle, die diese müßigen und doch so emsig bemühten Frauen spielen, daß sie ihre Großherzigkeit, ihr Talent, einen immer bereitgehaltenen Traum von Seelenschönheit – denn wie die Künstler verwirklichen sie ihn nicht, zwängen sie ihn nicht in den Rahmen des gewöhnlichen Lebens hinein – und ein Gold, das sie wenig kostet, ganz darauf verwenden, in das rauhe, immer etwas plump gebliebene Leben der Männer etwas wie kostbare Edelsteine einzulassen." Wo sind sie heute, die Frauen, die sich darum bemühen, kostbare Edelsteine in unser rauhes und plump gebliebenes Leben einzulassen?

  • jemandem ein "bleu" schicken.
    Kleine Höhepunkte sind Prousts Bilder, leider noch etwas spärlich gesät. Von der "Caritas" auf einem Giotto heißt es: "wenn sie Gott ihr Herz in Flammen darbietet, so reicht sie es ihm eigentlich in der Weise heraus, wie eine Köchin einen Korkenzieher aus dem Kellerfenster jemandem hinhält, der, am Parterrefenster stehend, ihn von ihr haben will."
    Marcel zieht sich zum Lesen von Abenteuerromanen zurück. "Die dunkle Kühle meines Zimmers verhielt sich zur besonnten Straße wie der Schatten zum Licht, das heißt, ihre Intensität war genauso groß; sie schenkte mir in der Phantasie das volle Schauspiel des Sommers, von dem meine Sinne auf einem Spaziergang zum Beispiel nur jeweils Teilaspekte hätten genießen können; dadurch paßte sie so gut zu meiner Art von Ruhe, die (dank den in meinem Büchern erzählten, mich im Innern bewegenden Abenteuern) wie eine Hand, die man regungslos in fließendes Wasser hält, den tobenden Anprall eines Stromes von lebhafter Handlung aushielt." Eine schöne Apologie des Stubenhockens.
    Die verschiedenen Bewußtseinsschichten während der Lektüre werden beschrieben, bis hin zum "Behagen, angenehm zu sitzen". Letztlich gelinge es der Literatur besser als der Wirklichkeit, uns mit den Menschen mitfühlen zu lassen.
    Bloch, ein Schulkamerad, tritt auf, mit dem über Literatur gefachsimpelt wird: "In sarkastischem Tone hatte er mich gebeten, ihn mit 'Meister' anzureden, er selbst nannte mich ebenso. In Wirklichkeit aber hatten wir ein gewisses Vergnügen an diesem Spiel, da wir noch nahe an dem Alter waren, da man zu schaffen glaubt, was man benennt."

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