Schmidt liest Proust
Dienstag, 25. Juli 2006

S.125-146

Mit Proust ist es wie mit dem eigenen Leben, es scheint eigentlich nichts los zu sein, aber hinterher gibt es doch mehr aufzuschreiben, als man in der verbleibenden Zeit schaffen kann. Mein Versuch muß sich noch einpendeln zwischen der Maximallösung, das ganze Buch abzutippen und der Minimallösung, alles in einem Wort zusammenzufassen.

Monsieur Vinteuil "trieb die Höflichkeit und Herzensgüte so weit, daß er sich immer in die Lage der andern versetzte und dann fürchtete, sie zu langweilen und egoistisch zu scheinen, wenn er seinen Wünschen nachgäbe oder sie auch nur verriete [...] Er hatte das Gespräch gerade deshalb auf andere Dinge gelenkt, weil diese ihn weniger interessierten." Oh, wie oft ist man in dieser Lage! Und noch schlimmer, wenn die anderen ihr Gespräch höflicherweise auf einen Gegenstand lenken, der einen interessiert, aber da man ja weiß, daß er sie nicht interessiert, fühlt man sich schuldig.
Der hypochondrischen Tante Léonie wird ein wahrhaft langer Satz gewidmet, eigentlich ein Absatz, wenn man so etwas abschreibt, hat man fast das Gefühl, auch ein wenig der Autor zu sein. Ich weiß nicht, ob das der Lehrmeinung entspricht, aber ich finde, Prousts wahres Talent liegt im Komischen: "Sie liebte uns wirklich und wahrhaftig, es hätte ihr Genuß bereitet, uns innig zu beweinen; die etwa in einem Augenblick, da sie sich wohl fühlte und nicht an Schweißausbrüchen litt, eintreffende Nachricht, daß das Haus einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen und die ganze Familie dabei umgekommen sei, daß bald kein Stein mehr davon stehen werde, wobei ihr aber noch Zeit bliebe, sich ohne Eile in Sicherheit zu bringen, wofern sie auf der Stelle aufstände, hat sicher als Möglichkeit in ihren Hoffnungen eine Rolle gespielt, besonders da sich hier zu dem nicht ganz so ins Gewicht fallenden Vorteil, ihre ganze Liebe zu uns in langer Wehmut auszukosten und zum grenzenlosen Staunen des ganzen Dorfes hinter unseren Särgen herzuschreiten – mutig, wenn auch tiefgebeugt, todgeweiht, aber ungebrochen -, noch jener weit verlockendere gesellt hätte, daß sie dann gerade im richtigen Augenblick ohne enervierendes Zaudern den Sommer auf ihrem hübschen Landsitz Mirougrain hätte verbringen können, wo es einen Wasserfall gab."
Schauspielern empfiehlt der Erzähler, wenn sie für ein Stück das Gebaren des Sonnenkönigs studieren wollen, statt historische Korrespondenzen zu wälzen, die Launen alter Damen in der Provinz zu beobachten. Das ist eine genauso treffende, überraschende Einsicht, wie Kapuscinskis Aussage, er würde, um das Verhalten von Diktatoren zu studieren, Bücher zur Kinderpsychologie lesen.
Ein Herr lädt den Erzähler zum Abendessen: "Wie der Blumenstrauß, den jemand uns von der Reise schickt, aus einem Lande, in das wir nie mehr zurückkehren werden, laß mir aus der Ferne deiner Jugend noch einmal den Duft jener Frühlingsblumen zukommen, durch die vor langen Jahren auch ich einmal dahingewandelt bin." Vielleicht mal eine Alternative zum üblichen: "Und was studierst du?"
Schließlich ein langes Lob der Farbe von Spargel, dessen hinschwindende Nuancen von Blau "jene kostbare Substanz verrieten, die ich noch die ganze Nacht hindurch, wenn ich am Abend davon gegessen hatte, in den nach Art Shakespearescher Feenkomödien gleichzeitig poetischen und derben Possen wiedererkannte, die sie zum Spaße aufzuführen schienen, wenn sie sogar noch mein Nachtgeschirr in ein Duftgefäß umschufen."

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