Schmidt liest Proust
Mittwoch, 26. Juli 2006

S.146-167

Der Ort, wo man liest, verändert sicher das Buch, so wie man an einer Strandpromenade an einem Sommerabend anders verliebt ist, als eingeklemmt zwischen Mülleimer und schwitzenden Fremden in einem Zugabteil auf dem Weg von Oradea nach Copşa mică. Man kann sich fragen, wieviel Substanz dann der Text, oder das Gefühl haben, wenn man die Umstände abstrahiert.
Heute stütze ich meine Füße an die vom Tag noch heiße Balkonwand, unten im Park genießen betrunkene Obdachlose ihren sommerbedingten Mainstream-Status, am Himmel "entfalten sich des Abends für Augenblicke himmlische Blumengebinde in Rosa und in Blau, die ganz unvergleichlich sind und oft Stunden brauchen, um endlich zu verwelken." Das einzige, was stört ist die ständig wiederkehrende Zwangsvorstellung, vom Balkon zu springen, mal sieht man sich sitzend, wie im Schwimmbad von der Kante plumpsen, mal wie beim Hochsprung mit einer eleganten Rolle über die Balkonbrüstung hechten.

Monsieur Legrandin läßt sich im Gespräch nicht entlocken, ob er Verwandte in Balbec hat, wo Marcel demnächst hinfahren soll:
"Mein Vater fing von der Sache bei späteren Begegnungen immer wieder an; er setzte ihm mit Fragen zu, aber es war vergebens: wie jener gelehrte Fälscher, der auf die Herstellung unechter Palimpseste eine Arbeit und ein Wissen verwendete, dessen hundertster Teil genügt hätte, ihm eine einträglichere, dabei aber ehrenhafte Existenz zu sichern, hätte Monsieur Legrandin, wenn wir noch weiter in ihn gedrungen wären, schließlich eher eine vollständige Landschaftsethik und Himmelsgeographie der unteren Normandie entworfen, als zuzugeben, daß zwei Kilometer von Balbec entfernt seine leibliche Schwester wohnte, und dadurch in die Lage zu kommen, und einen Einführungsbrief an sie mitgeben zu müssen, der für ihn vielleicht nicht ein solcher Gegenstand des Schreckens gewesen wäre, hätte er unbedingt sicher sein können – was er bei seiner Kenntnis des Charakters meiner Großmutter ruhig hätte sein dürfen -, daß wir keinen Gebrauch davon machten."
Marcel betrachtet sehr ausführlich einen Weißdornbusch, sein Großvater schenkt ihm "die Freude, die wir empfinden, wenn wir auf ein Werk unseres Lieblingsmalers stoßen, das von den uns bekannten ganz verschieden ist", indem er ihn auf ein paar rosa Blüten am Busch hinweist. Denn es gibt auch in der Natur eine Hierarchie der Erlesenheit, wie bei der Pâtisserie von Camus, wo die mit rosa Guß teurer ist.
Durch die Hecke hindurch sieht er ein Mädchen mit einer Gartenschaufel in der Hand, in dessen azurblaue Augen er sich sofort verliebt, gerade weil sie in Wirklichkeit schwarz sind, aber er versteht es "damals sowenig wie später einen starken Eindruck in seine einzelnen Elemente zu zerlegen", weshalb er sich die Augenfarbe in der Erinnerung dazudenken muß, und so sind ihre Augen eben wegen ihrer blonden Haare in seinen Augen blau.
"Aber sehr schnell schon wuchs diese Liebe wieder in einer Reaktion, in der mein gedemütigtes Herz sich entweder zu Gilbertes Höhen emporschwingen oder sie bis zu meinem Niveau herunterziehen wollte. Ich liebte sie, ich bedauerte, daß ich weder Zeit noch Einfallsvermögen genug gehabt hatte, um sie zu beleidigen, ihr Böses zuzufügen und ihr die Erinnerung an mich dadurch aufzuzwingen. Ich fand sie so schön, daß ich gern noch einmal umgekehrt wäre und ihr achselzuckend zugerufen hätte: 'Ich finde dich häßlich, furchtbar komisch, und es graust mir vor dir!'"
Erfahrungsgemäß führt solches Raffinement bei den wenigsten Frauen zum Erfolg.

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