Schmidt liest Proust
Sonntag, 15. Oktober 2006

Berlin - III Die Welt der Guermantes - Seite 672-694

Man muß sich von der Idee der vollständig erledigten Arbeit verabschieden, wie die Politik vom Mythos der Vollbeschäftigung. Seit Odessa hinke ich mit dem Übertragen der Notizen aus meinem Moleskine hinterher, vom anschließenden Redigieren der übertragenen Notizen, wie ich es drei Jahre lang unter größten Entbehrungen noch geschafft habe, kann ich schon seit einem Jahr nur noch träumen. Ich hatte mit dem Notizbuch schon einmal auf eine Woche aufgeschlossen, dann lag ich wieder ganz schnell einen Monat zurück, jetzt sind es zwei Wochen. Es ist quälend, ständig diese Last unerledigter Arbeit mit sich herumzuschleppen, aber es hört einfach nie auf, je mehr man notiert, umso mehr ergibt sich an zu notierendem. Ich fürchte, ich werde sogar noch auf dem Sterbebett, nachdem ich meine letzten Worte geäußert habe, wo andere, wie von Brecht beschrieben, eine letzte Erektion erleben, das Bedürfnis verspüren, irgendeine Notiz zu machen. Vielleicht werde ich meine letzten Worte aufschreiben wollen, weil die Schwester gerade auf dem Klo war, und ich nicht mehr die Kraft habe, sie zu wiederholen. Ein schreckliches Gefühl, vor dieser letzten Notiz, der wichtigsten im Leben, zu versagen. Ganz zu schweigen vom Begräbnis, es ist einfach absurd, daß man nach all diesen quälenden Pflichtveranstaltungen, die man ein Leben lang mitmachen muß, ausgerechnet vom eigenen Begräbnis nichts mitbekommen soll.

Man muß sich aber auch von der Idee der Volldokumentierung verabschieden. Meine Liste mit Kinobesuchen bricht irgendwann vor 6 Jahren ab, obwohl ich immer noch alle Tickets in einer Schachtel sammle, für den Tag, an dem ich mich einmal aufraffen sollte, die Liste zu vervollständigen. Im Moment führe ich nur noch Buch über Auftritte, Publikationen, Gewicht (morgens, vor Sport, nach Sport, abends), Liegestütze+Klimmzüge, Laufzeiten, gelesene Bücher. Ein- und Ausgaben zu notieren habe ich Mitte der 90er abgebrochen, Friseurbesuche vor fünf Jahren, mein jahrelang auf Millimeterpapier skizziertes Stromverbrauchs-Diagramm konnte ich nicht fortführen, weil ich in der neuen Wohnung nicht mehr weiß, wo der Stromzähler ist, und die Liste "Erster Heiztag im Jahr" finde ich nie wieder und fange deshalb jedes Jahr eine neue an. Mathematisch gesehen ist ja ein Eintrag schon eine Liste mit einem Element.

Andererseits habe ich in diesem Sommer meine Chronik der Jahre 2003-2005 ausgedruckt und jetzt einen 1000-Seiten-Stapel Papier mit einfachem Zeilenabstand und 10-Punkt-Schrift vor mir liegen, der mir die Luft zum atmen nimmt. Es wäre mir fast lieber, daß es alles belangloses Geschwätz ist, als daß ich darin auf gute Stellen stoße, die ich längst vergessen habe und von denen ich nicht weiß, was ich damit anfangen soll (aus Angst davor, auf gutes zu stoßen, gucke ich deshalb nie rein). Ich habe schon mehrfach ganze Texte doppelt geschrieben, weil ich vergessen hatte, daß ich sie schon einmal geschrieben hatte, genauso, wie ich mich beim Duschen immer öfter nicht erinnern kann, ob ich mich schon eingeseift hatte oder nicht. Ich müßte eine Kamera auf mich richten, dann könnte ich zurückspulen und mich vergewissern. Oder ich stürze mich aus dem Fenster, dann sehe ich mein Leben noch einmal vor mir ablaufen und kann überprüfen, ob ich mich schon eingeseift hatte, das geht aber nur einmal.

Und dabei ist mir völlig klar, daß ich diesen elenden Proust-Job, der mich zur Zeit von allem anderen abhält, vermissen werde, wenn er vorbei ist. Aber wie gewinnt man eine Art Seelenruhe angesichts der unerledigten Aufgaben? Welche Drogen würden mir helfen, mehr zu schaffen? Wenn ich für die Lektüre eines Buchs aus dem Kanon schon ein halbes Jahr brauche, wie soll ein Student dann vor der Rente die Kompetenz für eine Abschlußprüfung erwerben? Zumindest, wenn er, wie ich, den Anspruch hat, über alle Fragen zumindest so gut wie der Professor informiert zu sein. Vielleicht schafft man es auf biologischem Weg, wenn man sich mit 100 zur Prüfung meldet, und der Professor ist erst 45, hat man 55 Jahre Vorsprung, was auch bei einem eventuell bestehenden Mißverhältnis in der Auffassungsgabe ausreichen sollte.

Wenn man wenigstens keinen Humor hätte, dann müßte man nicht auch noch diese ganzen genialen Sitcoms zur Kenntnis nehmen, die ständig produziert werden. "Curb your Enthusiasm", eine dieser in den USA erfolgreichen Serien, die sie in Island und Israel zeigen, aber nicht in Deutschland. Der neurotische Autor von "Seinfeld" spielt in der Hauptrolle sich selbst. 5 Staffeln gibt es, also 16 Stunden, die ich schon wieder gucken müßte. Um danach festzustellen, daß der Literatur ständig noch mehr Material entzogen wird, weil Heerscharen talentierter Sitcom-Autoren unseren Alltag abgrasen (zum Glück noch nicht in Deutschland, diesem Neandertal der Television.) Und warum gibt es diese Serie nicht mit mir in der Hauptrolle? Solche Sachen, wie, daß in einem Deli ein Sandwich nach dem Helden benannt wird, das ihm nicht mal schmeckt, und dann verschluckt sich sein greiser Vater daran und muß ins Krankenhaus, das ist doch meine Idee! Auch wenn ich die Idee in ihrer konkreten Gestalt natürlich nicht hatte, aber auf einer höheren Ebene ist es unbestreitbar meine Idee.

Das Gehirn müht sich ab, möglichst viel aufzunehmen, und dabei hat man immer noch von nichts eine Ahnung. Anstreichungen in Büchern, die ich gelesen habe, sagen mir nichts mehr, ich könnte gleich von vorn anfangen. Sogar die drei Proust-Bände, die jetzt völlig beschmiert sind von Bleistiftnotizen, ich müßte mich schon sehr konzentrieren, wenn ich auch nur grob wiedergeben sollte, was bisher passiert ist. Wie kann man sein Studium angesichts dessen jemals als beendet betrachten? Warum muß ich mich dafür schämen, daß ich mich immer noch schriftlich zurückmelde, obwohl ich nicht mehr hingehe, weil ich die Bücher ja zuhause habe? Der Gedanke, diese letzte Verbindung zum geistigen Erbe der Menschheit zu kappen, ist mir unerträglich. Inzwischen kostet mich das 260 Euro pro Semester, ein stolzer Preis für eine rein virtuelle Beziehung. Ich unterschreibe meine Rückmeldung und blinzle dabei mit den Augen, um die Semesterzahl nicht zu lesen und zu erschrecken. Ich stelle mir vor, wie die alte Dame im Sekretariat bekümmert den Kopf schüttelt, wenn sie meinen Studentenausweis eintütet und zur Post bringt. Ich bin bestimmt einer der letzten Studenten der HU mit einer fünfstelligen Immatrikulationsnummer. Wahrscheinlich hätten sie den Fachbereich ohne mich längst abgewickelt. Die Professoren leistet man sich nur noch, damit ich irgendwann doch noch mein Examen machen kann. Vielleicht werde ich sie, auf meinem Sterbebett, endlich zu mir rufen, damit sie mir ihre Fragen stellen können. Dann werde ich ihre Hand halten und wir werden gemeinsam schweigen. Ob ich bestanden habe oder nicht, das zu beurteilen, liegt doch gar nicht in unserem Ermessen.

III Seite 672-694
Wir sind immer noch bei Charlus, einem Menschen, der "nichts tat, nicht schrieb, nicht malte, nicht einmal auf eine ernsthafte und nachhaltige Weise las", der aber trotzdem "als Künstler sprach." Für andere Künstler spiele er die Rolle des Rentiers für die Eskimos: "Dies wertvolle Tier frißt für jene von den Felsen der Einöde Flechten und Moose ab, die sie selbst weder entdecken noch nutzbar machen könnten, die aber, vom Ren verdaut, für die Bewohner des äußersten Nordens zu einem verwertbaren Nahrungsmittel werden."

Auf dem Weg zur Tür verliert Charlus noch ein paar Worte über sein Palais, in dem ein Turner zwischen zwei Rembrandts hängt: "Hier, sehen Sie, in diesem Kabinett sind alle Hüte, die Madame Elisabeth, die Prinzessin von Lamballe und die Königin getragen haben. Das interessiert Sie nicht, man sollte meinen, daß Sie gar nichts sehen. Vielleicht ist Ihr Sehnerv erkrankt?"
Irgendwo im ersten Stock führen Musiker just in diesem Moment den dritten Satz von Beethovens Pastoralsymphonie auf. Das ist freilich etwas mehr Aufwand, als man gewöhnlich bei seinen Rendezvous betreibt, wenn man nichts als ein paar Teelichter und einen immerhin 5 Euro teuren Rotwein besorgt.

Weil so schöner Mondschein ist, will Charlus Marcel nun doch nach Hause begleiten, um danach allein den Bois zu genießen. So langsam riecht man ja den Braten, was er von Marcel will: "'Wie! Sie wissen sich nicht zu rasieren, selbst an einem Abend, an dem Sie zum Diner eingeladen sind, haben Sie noch ein paar Härchen an sich', meinte er, indem er mein Kinn zwischen gleichsam magnetisch angezogene zwei Finger nahm, die nach kurzem Zaudern zu meinen Ohren hinaufglitten wie die Finger eines Barbiers."

Plötzlich wirkt er traurig, aber immer noch behauptet er, sie würden sich nie wieder sehen. Obwohl ihm dann im letzten Moment einfällt, daß er ja für Marcels verstorbene Großmutter "eine merkwürdige Ausgabe der Briefe von Madame de Sévigné" hatte binden lassen, ihrer Lieblingsautorin. Marcel soll sie abholen kommen. "Das wird jetzt doch verhindern, daß diese Begegnung schon unsere letzte ist. Man muß sich darüber trösten und sich sagen, daß man komplizierte Affären selten an einem Tag abwickeln kann. Bedenken Sie, wie lange der Wiener Kongreß gedauert hat."
Vom 18.9.1814 bis zum 9.Juni 1815 hat er gedauert, ein guter Vergleich für die komplizierten Verhandlungen zur Abwicklung einer Beziehungsbeendigung.

"'Sie wollen ja nicht noch bis zum Bois mit mir kommen', sagte er zu mir nicht in fragendem, sondern in nur feststellendem Ton, wie mir schien, nicht um mir einen Vorschlag zu machen, sondern weil er für seine Eigenliebe eine Ablehnung fürchtete."
Das Dilemma, des verliebten Egozentrikers, wie soll er die Kränkung hinnehmen, auch noch etwas anderes zu begehren, als sich selbst.

Eine neue Stufe auf Marcels gesellschaftlicher Karriereleiter zeichnet sich ab, nach Oriane, der Herzogin von Guermantes, nun ihre Cousine, die Prinzessin von Guermantes. "- Kann man sie nicht besichtigen?

  • Aber nicht doch. Man müßte eingeladen sein und niemand [im Original kursiv - J.S.] wird eingeladen, außer ich befürworte es."

Marcels Phantasie wird von solcher Exklusivität schon wieder angeregt und richtet sich auf Orianes Kusine aus. Obwohl er im Prinzip klarsieht: "Wir fühlen uns durch jedes Leben angezogen, das für uns etwas Unbekanntes darstellt, durch eine alte Illusion, die erst noch zerstört werden muß." Hoffen wir, daß diese Zerstörung nicht den ganzen vierten Band in Anspruch nehmen wird.

Zu seiner Verblüffung erreicht Marcel acht Wochen nach diesem Besuch bei Charlus eine Einladung zur Prinzessin von Guermantes. Schon der Titel "Prinzessin" wirkt für ihn wie ein mathematisches Zeichen vor einer Quantität. Daß die Wirklichkeit dem nicht gerecht wird, ist eben so. "Man langweilt sich bei einem Diner, weil die Phantasie abwesend ist; andererseits unterhält man sich gut mit der Lektüre eines Buches, weil sie anwesend ist." Vielleicht könnte man verallgemeinernd sagen, daß es kaum Menschen geben dürfte, deren Gesellschaft einem den gleichen Genuß verschaffen kann, wie die Lektüre ihrer gut geschriebenen Biographie.

Wir erfahren über den Salon der Prinzessin von Guermantes, daß seine Exklusivität "auf dem fast fossilen Rigorismus der aristokratischen Vorurteile des Prinzen basierte". Dieser mache bei jedem Diner eine Szene, wenn er "bei Tisch nicht den Platz einnahm, auf den er unter Ludwig XIV. Anspruch gehabt hätte, einen Platz übrigens, den auf Grund seiner außerordentlichen Gelehrsamkeit in Dingen der Geschichte und der Genealogie er als einziger kannte."

Marcel fürchtet, die Einladung zur Prinzessin könnte ein Aprilscherz sein, und er beschließt, den Herzog und die Herzogin von Guermantes zu besuchen, um sich zu versichern. Um ihre Heimkehr nicht zu verpassen, setzt er sich in den Hausflur und sieht durchs Fenster auf ihren und die dahinter liegenden Höfe. Eine schöne Beschreibung des Hinterhofgefühls: "Die außerordentliche Nähe übrigens der Häuser im Verhältnis zu den gegenüberliegenden Fenstern, die auf den gleichen Hof gehen, machen aus einem jeden den Rahmen, in dem eine Köchin mit gesenktem Blick vor sich hinträumt, oder in dem etwas weiter fort ein junges Mädchen sich die Haare kämmen läßt von einer Alten, deren Hexengesicht man kaum im Dunkel erkennt. So bildet jeder Hof für den Nachbarn im nächsten Haus dadurch, daß das Geräusch durch den Zwischenraum unterbunden wird [Hier irrt der Autor - J.S.], mit den lautlosen Gesten, die er in einem Rechteck vor Augen führt, welches hinter den geschlossenen Fenstern unter Glas ruht, eine Ausstellung von hundert nebeneinander aufgereihten Bildern holländischer Malerei."
Mal wieder der Rahmen, wie schon beim Fenster der Kutsche. Hitchcock mußte das doch nur noch zuende denken.

Und auf zum dramatischen Schlußakkord des dritten Buchs! Marcel besucht die Guermantes, der Herzog ist etwas genervt, weil seine Frau sich bei Swann eine Riesenfotografie mit allen Münzen des Malteserordens gewünscht hat. Swann hat dazu eine Studie verfaßt, und Oriane interessiert sich für alles nur aus dem Grund, weil es Swann interessiert. Swann wird persönlich vorbeikommen, die Studie und das Foto zu bringen.

Der Herzog ist aber in Eile, weil er in einem Kostüm als Ludwig XI. zu einem großen Souper gehen will. Er ist nervös, weil sein Vetter Amanien im Sterben liegt, und, sollte er noch vor seinem Aufbruch von dessen Tod erfahren, wird er gezwungen sein, aus Pietät auf den Kostümball zu verzichten. Deshalb hat er schon einen Diener um Nachricht geschickt, weil er sich denkt, je eher er einen schickt, umso wahrscheinlicher wird der Vetter noch am Leben sein und er kann schnell verschwinden.

Er möchte also nichts als los. Marcels Anliegen bügelt er ab, er würde sich bei der Prinzessin nur langweilen. Im übrigen ist er stolz auf ein Bild, das er für seine Elstirs eingetauscht hat, und das er für einen Velazquez hält, Swann soll es prüfen.

Swann erkennt Marcel zwar nicht gleich, aber er läßt es sich nicht anmerken und begrüßt ihn sehr freundlich. Er wirkt leidend und scheint ernsthaft krank zu sein.

Unklares Inventar: - Täfelungen von Bagard.

Verlorene Praxis: - Einen Zylinder in einer geschweiften Form tragen, die Délion nur für einen selbst, den Prinzen von Sagan, den Marquis von Modena, Monsieur Charles Haas und den Grafen Louis de Turenne herstellt.

Selbständig lebensfähige Sentenz: - "Eine Sympathie ist immer eine Kostbarkeit."

  • "Unsere Existenzen sind durch die Erblichkeit ebenso voll von kabbalistischen Chiffren und Prophezeiungen, als ob es noch Hexen gäbe..."

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