Schmidt liest Proust
Freitag, 28. Juli 2006

S.190-S.211

Nur, damit klar ist, was ich hier leiste, einmal einer dieser Absätze, bei denen ich mich frage, ob ich ein plumper Mensch bin, weil mich das nicht recht berührt, sondern eher langweilt:
"Da die Ufer hier sehr waldig waren, gaben die tiefen Schatten der Bäume dem Wasser einen gewöhnlich tiefgrünen Untergrund, nur manchmal, wenn wir in den wieder heiteren Abendstunden nach einem gewittrigen Nachmittag heimkehrten, habe ich ihn in einem hellen, harten, ins Violette spielenden Blau gesehen, etwa im Cloisonné- oder japanischen Geschmack. Hier und da rötete sich erdbeerengleich auf der Oberfläche eine Nymphäenblüte mit scharlachrotem Herzen, das an den äußeren Blättern bis zu reinem Weiß überging. Dahinter standen andere Blüten dichter beieinander, die bleicher, weniger glatt, körniger, faltiger und vom Zufall in so anmutigen Gewinden angeordnet waren, daß man gelöste Moosrosengirlanden im melancholischen Zerflattern nach einem Liebesfest glaubte dahinschwimmen zu sehen. An einer anderen Stelle schien eine Ecke für geringere Arten ausgespart zu sein, die das saubere Weiß und Rosa von Sommerlevkojen hatten, frisch gewaschen wie mit hausfräulicher Sorgfalt behandeltes Porzellan, während noch weiter fort, dicht aneinandergedrängt wie ein schwimmendes Blumenbeet, etwas wie Gartenstiefmütterchen die blauen, erstarrten Schmetterlingsflügel auf die trügerisch durchsichtige Wasserfläche aufgesetzt hatte, die eher einer Himmelsfläche glich: denn der Himmel gab den Blumen einen Untergrund von erlesenerer und eindrucksvollerer Färbung, als die der Blumen selbst es war; und ob er nun am Nachmittag unter den Seerosen das Kaleidoskop eines lebendig wachen, schweigenden und beweglichen Glücks aufschimmern ließ, oder ob er sich zum Abend hin wie ein ferner Hafen mit dem Rosenrot und der Verträumtheit des Sonnenuntergangs füllte, wobei er unaufhörlich wechselte, um stets rings um die mit beständigeren Farben getönten Blumenblätter her mit dem, was an Tiefstem, an Flüchtigstem, an Geheimnisvollstem – was an Unendlichem – in der Stunde liegt, im Einklang zu bleiben, immer schien er sie mitten in sich, im Himmel, erblühen zu lassen."
Ich weiß nicht, ob Proust einen Lektor hatte, aber viel Einfluß scheint er nicht gehabt zu haben. Vielleicht liegt es an seiner Stellung in der französischen Literatur, und daß er dachte, jemanden (Flaubert?) überbieten zu muessen. Ich habe die Stelle bei der Chaussee der Enthusiasten vorgelesen, und es war kaum möglich, dabei nicht außer Atem zu kommen. Mir ist noch nicht klar, inwiefern solche Satzperioden auf sein Asthma zurückzuführen sind, wie Benjamin behauptet.
Interessanter, als das Blumenmalen mit Worten, ist Marcels Enttäuschung über das Gefühl der Ohnmacht "von dem ich immer befallen worden war, wenn ich nach einem philosophischen Gegenstand für ein großes literarisches Werk gesucht hatte." (Vielleicht könnte man für "philosophischer Gegenstand" heute auch "verkaufsträchtiger Plot" sagen.) "Aber sobald ich mich danach fragte und versuchte, einen Gegenstand zu finden, dem ich eine allumfassende philosophische Ausdeutung geben könnte, hörte mein Geist zu arbeiten auf, ich fand mich einer Art von Leere gegenüber, ich fühlte, daß ich kein Genie besaß, oder hatte die Vorstellung, daß vielleicht eine Krankheit meins Gehirns es nicht aufkommen ließ." So geht es mir immer, wenn ich Krimis sehe, angesichts der vorgeblich wichtigen Frage, wer der Mörder ist, oder des Aufwands, den der Drehbuchautor unternommen hat, um uns zu fesseln, finde ich "mich einer Art von Leere gegenüber."
Marcel tröstet sich über seine Talentlosigkeit, indem er beliebige Gegenstände so lange und intensiv betrachtet, bis er mit seinem Denken "über das Bild noch hinausgelangt". Zum ersten mal erlebt er, wie solche Konzentration auf ein Bild zur Sprache wird, als er vom Wagen aus die Kirchtürme von Martinville sieht. Es muß wohl typisch sein, daß es dazu kommt, während er sich nicht selbst bewegen muß, sondern gefahren wird, der Körper muß von jeder Tätigkeit entbunden sein, um Proust nicht am Proustsein zu hindern.

Verschollenes Wissen: "Architekten aus der Schule von Viollet-le-Duc"

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