| Schmidt liest Proust |
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Mittwoch, 2. August 2006
Odessa, Uspenskaja 13 - S.294-314
jochenheißtschonwer, 2. August, 19:01
Wenn ich Günter Grass wäre, würde man mir hier in Odessa ein umfangreiches Besuchsprogramm organisieren. Die intellektuellen Kreise der Stadt würden sich um mich reissen. Statt jeden Tag literweise sauberes Wasser nach Hause zu schleppen, würde ich mit den klügsten Köpfen Odessas ueber die Zukunft des europaeischen Gedankens diskutieren. Mich, um einmal ein Gespräch mit einem Einheimischen zu führen, im Dworjetz studentow (Studentenpalast) beim "Intellekt-Klub" anzumelden, einem der zahlreichen Zirkel, die es dort gibt, waere da nur ein schwacher Ersatz. Umso mehr Zeit bleibt mir fuer den "Nasche Kino"-Kanal, der ausschliesslich sowjetische Filme zeigt, man sollte Fernsehsendungen ohnehin immer mit 20 Jahren Verspaetung sehen. Heute kam ein Film über einen Journalisten, der eine Lespromchose ("Waldindustriekombinat") in der Taiga aufsucht, um einen Artikel über einen dortigen Mitarbeiter zu schreiben, der sich als Gauner herausstellt. Auf der gemeinsamen Rückfahrt versagt mitten im Schneesturm de Motor. Der Fahrer beschimpft sich, nur ein Idiot steige in einen fremden Wagen. Was für eine schöne Lebensregel aus einem Land, in dem die Natur noch töten kann (Müller über die USA, aber die beiden Länder sind sich ja auch viel näher als wir ihnen). Der Lastwagen, das Pferd des Sibiriers, er vertraut ihm bei jeder Fahrt sein Leben an, nie wuerde er in einen fremden steigen, den er nicht selbst zugeritten hat. Wie es ausging, weiß ich nicht, weil das Bild eingefroren ist (!) und nach 15 Minuten Ungewissheit einfach ein anderer Film gezeigt wurde. Vielleicht war es aber auch eine avantgardistische Pointe des Regisseurs, den Film so zu beenden.
S.294-314 Ein Rivale tritt auf den Plan, Graf von Forcheville, den sein geringes intellektuelles Niveau dazu befähigt, über die schwachen Scherze bei den Verdurins (ohne sie überhaupt zu verstehen), hingerissen zu sein, weshalb er Swann schon bei seinem ersten Besuch aussticht. Und weil herauskommt, daß Swann auch in viel höher stehenden Kreisen verkehrt, könnte er bald in Ungnade fallen. Madame Verdurin erstarrt sofort zu Marmor, wenn sie gesellschaftlich übertroffen wird, was einem Todesurteil für sie gleichkommt. Wo sie doch solche unterhaltsamen Gäste hat, wie Professor Brichot von der Sorbonne. Der "besaß nämlich jene an Aberglauben grenzende Neugier auf das Leben, die, mit einer gewissen Skepsis dem eigenen Studiengebiet gegenüber gepaart, in allen Berufszweigen gewissen der Intelligenz zugehörigen Männern, Medizinern, die nicht an die ärztliche Wissenschaft, Lyzealprofessoren, die nicht an den lateinischen Aufsatz glauben, das Ansehen von großangelegten, glänzenden und sogar überlegenen Naturen geben kann." Man denkt doch gleich an die unter Autoren uebliche abfaellige Haltung gegenueber der Literatur. Die Gesetze dieses Salons sind auch nicht anders, als auf heutigen Partys. Solange man Vergnügen heuchelt, ist man willkommen, wenn es allerdings zu echt ist, könnte es schon wieder peinlich wirken. Man darf vor allem nicht "langweilen", also, wie Swann neuerdings (infolge seiner inneren Erneuerung durch die Musik) "seine Meinung manchmal mit Wärme aussprechen." Proust ist ziemlich gnadenlos, wenn er Gesten beschreibt, er nimmt sie Stück für Stück auseinander und verwandelt sie so zu Slapstick-Nummern. Z.B. die Art, wie jemand von etwas schwärmt (Rembrandt): "Und wie die Sänger, wenn sie beim höchsten Ton angelangt sind, den ihre Kehle hergibt, mit Kopfstimme und piano weitersingen, begnügte er sich jetzt damit, vor sich hin zu murmeln, und unter fortwährenden Heiterkeitsausbrüchen, als sei diese Art von Malerei vor lauter Vollkommenheit schon nur noch komisch zu nehmen, fuhr er fort..." Die Frage ist allerdings, ob es so etwas wie ein "natürliches" Auftreten gibt, dem nichts lächerliches anhaftet. Verlorene Praxis: "Ich sollte mal nach den Pferden sehen", ein guter Ausdruck für "Erwin um die Taille fassen". Unklares Inventar: "commis-voyageurhafte Späße" ... Comment
rodeng, 20. Juni, 08:51
nach den Pferden sehen
Im Französischen steht für "nach den Pferden sehen" « Il faut que j’aille entretenir un instant le duc d’Aumale », was vielleicht deshalb komisch ist, weil es "den Duc d'Aumale ernähren bzw. unterhalten" heißt und "m'entretenir avec le duc d'Aumale" richtiger wäre.
Quellen: jydupuis.apinc.org fr.answers.yahoo.com ... Link ... Comment |
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rince-bouche in der deutschen übersetzung
machen sie "likör" draus. gibt es ein richtiges deutsches wort...
by frollein franzi (4. August, 21:34)
"geschwätzige details" Gibt es nicht
bei Proust. Höchstens unaufmerksame, ungeduldige Leser!
by gofriller (11. November, 12:42)
nach den Pferden sehen Im
Französischen steht für "nach den Pferden sehen" « Il faut...
by rodeng (20. Juni, 08:51)
und nicht vergessen, jetzt wo
Sie täglich mehr Zeit haben: Ende Februar Text für den...
by honz (2. Februar, 16:27)
hallo jochen,
wäre es
nicht schön, so eine art blog fortzuführen? ohne täglichen veröffentlichungszwang,...
by dinothar (2. Februar, 12:06)
Ein Buch - na, wenn
das keine Überraschung ist! Herzlichen Glückwunsch.
Wäre es nach mir...
by wiegers (1. Februar, 05:19)
Danke, Jochen!
by Goodman (1. Februar, 01:25)
...daß das Buch einem je
nach eigener Verfassung spannend oder langweilig vorkommt...
“The book...
by wasweissich (31. Januar, 08:29)
mein hallo sei dir
gewiss..
by madlen (30. Januar, 23:40)
Gibt es ein Leben nach
dem Proust?
Liebe Blogleser,
ich danke jedem einzelnen von Euch...
by jochenheißtschonwer (30. Januar, 21:50)
Vielen Dank fürs Proust-blog!
Sich erinnernd wie es war, als man damals Proust zum...
by crescas (30. Januar, 02:16)
Dankeschön Jochen!
Dein Blog
war wie ein Adventskalender, dessen Türen jeder für sich öffnen...
by pis_cis_reloaded (29. Januar, 12:33)
-Siehste, klappt doch.
-Gute Nacht.
-Kuss.
-?
-Schlafen, Schmidt!
by Bettina A. (28. Januar, 23:14)
Vielen Dank! Als zweifacher "Suche"-Durchleser
war ich nicht immer derselben Meinung, doch interessant war es...
by thebear (28. Januar, 22:41)
Berlin - VII Die wiedergefundene
Zeit - Seite 427-447 (Schluß) - Was ham wirn heute...
by jochenheißtschonwer (28. Januar, 16:25)
Gut so. Die Britannica und
der gute heilige Thomas haben den Marathon, der über...
by arcenciel (28. Januar, 09:56)
nunc est vivendum...
by v.d. (28. Januar, 09:54)
gerade der "joseph" fehlt mir
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by jochenheißtschonwer (27. Januar, 15:55)
Thomas Mann
„Joseph und
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Berlin - VII Die wiedergefundene
Zeit - Seite 407-427 Eisiger Wind blies mir ins Gesicht,...
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Berlin, Warschauer Straße, Firstbase-Internet-Café -
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ich hab letzte woche triumphgemüse
bestellt und inzwischen auch erhalten. mit der harnusch-geschichte konnte...
by alex63 (24. Januar, 23:19)
Auch "olle ihmchen". gibts
sogar 12 mal bei google.
by jochenheißtschonwer (24. Januar, 13:17)
da hab ich mir
ausnahmsweise mal nichts ausgedacht...
by jochenheißtschonwer (24. Januar, 13:15)
klingt wie die beschreibung einer
98-jährigen. die arme 18-jährige von heute in deinen augen. sie...
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Berlin - VII Die wiedergefundene
Zeit - Seite 347-367 Meine Eltern haben heute ihre Skatrunde...
by jochenheißtschonwer (24. Januar, 00:26)
So poetisch hat vielleicht
noch nie ein Ethnologe sein Forschungsobjekt beschrieben. Wirklich hinreißend.
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by jochenheißtschonwer (21. Januar, 18:54)
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