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    <title>Schmidt liest Proust</title>
    <link>http://vertr.antville.org/</link>
    <description>vertr.antville</description>
    <language>de</language>
    <pubDate>Thu, 28 Aug 2008 15:58:09 GMT</pubDate>
    <dc:date>2008-08-28T15:58:09Z</dc:date>
    <dc:language>de</dc:language>
    <item>
      <title>Gibt es ein Leben nach dem Proust?</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1562362/</link>
      <description>&lt;img height="300" width="400" src="http://www.antville.org/static/vertr/images/im_bett_mit_proust.jpg" border="0" /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Liebe Blogleser,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ich danke jedem einzelnen von Euch f&amp;uuml;r sein Interesse an diesem Projekt. In einer Zeit, in der jeder Mensch interessant und erz&amp;auml;hlenswert ist, ist es ist ein gro&amp;szlig;es Privileg, noch Leser zu haben. Ich danke allen Blogs, die mich verlinkt und mir ihre Besucher zugespielt haben, ich h&amp;auml;tte Euch auch verlinken sollen, aber ich wollte einerseits keine Auswahl treffen und andererseits nicht alle 40 auflisten. Das ist ein wenig unfair, aber daf&amp;uuml;r haben einige von Euch jetzt mich als Leser...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Blog wird, so Bov will, noch eine Weile ein geisterhaftes Dasein im Netz fortf&amp;uuml;hren. Wenn es nach mir geht, wird der Text, bereinigt, gek&amp;uuml;rzt, und, von, &amp;uuml;berfl&amp;uuml;ssigen, Kommas, befreit im Fr&amp;uuml;hjahr 2008 als Buch erscheinen (voraussichtlich bei Voland&amp;amp;Quist), aus &amp;ouml;konomischen Gr&amp;uuml;nden wohl aber leider nicht in der von mir favorisierten Form eines Schubers mit 7 Teilb&amp;auml;nden und Glossar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vielleicht mache ich irgendwann wieder einmal etwas anderes als Frustsurfen im Internet, vorerst werde ich meine Texte aber wieder f&amp;uuml;r die Realit&amp;auml;t schreiben und w&amp;ouml;chentlich bei der "Chaussee der Enthusiasten" oder monatlich bei der "Weltchronik" urauff&amp;uuml;hren. Wenn jemand von Euch mich bei diesen Veranstaltungen besuchen kommt, w&amp;uuml;rde ich mich &amp;uuml;ber ein Hallo freuen, vielleicht bekomme ich ja mit der Zeit eine Fotoserie "Proustleser" zusammen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
La&amp;szlig;t uns nicht vergessen, da&amp;szlig; wir nicht mehr wie die anderen sind, und da&amp;szlig; wir uns schon deshalb pflegen und bewahren m&amp;uuml;ssen, weil wir in unseren K&amp;ouml;pfen so eine wertvolle und zerbrechliche Fracht transportieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tsch&amp;ouml; mit &amp;ouml;&lt;br /&gt;
Euer Jochen Schmidt</description>
      <pubDate>Tue, 30 Jan 2007 20:50:11 GMT</pubDate>
      <guid>http://vertr.antville.org/stories/1562362/</guid>
      <dc:creator>jochenheißtschonwer</dc:creator>
      <dc:date>2007-01-30T20:50:11Z</dc:date>
    </item>
    <item>
      <title>Berlin - VII Die wiedergefundene Zeit - Seite 427-447 (Schluß)</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1559853/</link>
      <description>- Was ham wirn heute gemacht?&lt;br /&gt;
- Ich hab mich mit Mama gestreitet, da hat sie eine schlechte Laune.&lt;br /&gt;
- Und dann?&lt;br /&gt;
- Du wei&amp;szlig;t doch, ich war im Kindergarten, da hab ich eingepullert, aber nur ein bi&amp;szlig;chen, is nich schlimm, da hat Heike mir einen neuen Schl&amp;uuml;pfer und neue Strumpfhosen gegeben und dann ham wir Appepip gesagt, dann hat Heike "&amp;Auml;rmel" gesagt, die man zum Essen hochkrempelt, dann is Papa gekommen, dann hab ich mit der Matti im Flur kurz ganz viel gedr&amp;uuml;ckt, dann sind wa umgefallen, hat nich wehgetan, war nur ein Spa&amp;szlig;, war lustig, dann sind wa losgegangen zum Spielplatz, da waren die frechen Jungs, der eine Junge hat mir gehaut, und der andere hat mir umgeschubst auf dem Trampolin drin, dann bin ich auf dem Hochkletterger&amp;uuml;st gestiegen, dann sind wa zum Puppentheater gegangen, da war aber nicht auffen, dann ham wa ein Zopfeis gegessen und Papa hat ein Kaffee getrunken, der is aber nur f&amp;uuml;r Gewachsene, dann sind wa nach Hause gegangen, dann hab ich mich noch kurz im Flur gedreht, dann war ich eine Bummelliese, dann haben wa uns ausgezogen, dann hab ich Z&amp;auml;hne geputzt mit Zahnputze, dann hast du mir den Schlafanzug angezogen, dann hast du mir das Buch vorgelesen mit dem Krokodil, wo alles falschrum ist, und jetzt la&amp;szlig; mich mal bitte gucken, ich will auch mal was aufschreiben in dein Buch, la&amp;szlig; mich mal ein bi&amp;szlig;chen in Ruhe, siehste, klappt doch.&lt;br /&gt;
- Soll ich die T&amp;uuml;r noch ein bi&amp;szlig;chen auflassen?&lt;br /&gt;
- Ja.&lt;br /&gt;
- Gute Nacht.&lt;br /&gt;
- Gute Nacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;B&gt;Seite 427-447 (Schlu&amp;szlig;)&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
Die sechzehnj&amp;auml;hrige Tochter Gilbertes wird ihm vorgestellt, die er noch nie gesehen hat. Die Zeit "&lt;I&gt;hatte sie wie ein Meisterwerk geformt&lt;/I&gt;". Sie "&lt;I&gt;sah meiner Jugend gleich&lt;/I&gt;". Au&amp;szlig;erdem hat sie ja &amp;Auml;hnlichkeit mit dem verstorbenen Saint-Loup "&lt;I&gt;was alle, die ihren Vater gekannt hatten, zu langen Tr&amp;auml;umereien bewog.&lt;/I&gt;" Diese Materialisierung der verflossenen Jahre in einer jungen Person ist nur noch ein weiterer Ansto&amp;szlig; zu der &amp;Uuml;berlegung "&lt;I&gt;da&amp;szlig; dieses Leben, das man unaufh&amp;ouml;rlich f&amp;auml;lscht, in einem Buch verwirklicht werden k&amp;ouml;nnte...&lt;/I&gt;" Denn, was wir unser Leben nennen, ist nur eine unaufh&amp;ouml;rliche F&amp;auml;lschung der wirklichen Version, die wir eigentlich in uns sp&amp;uuml;ren, und der man nur in einem Buch Gerechtigkeit widerfahren lassen kann! "&lt;I&gt;Wie gl&amp;uuml;cklich w&amp;uuml;rde der sein, dachte ich, der ein solches Buch zu schreiben verm&amp;ouml;chte, doch welche Arbeit liegt auch vor ihm.&lt;/I&gt;" Eine Arbeit, die alle erdenklichen Kulturleistungen des Abendlandes zusammenf&amp;uuml;hrt und erforderlich macht, man mu&amp;szlig; es n&amp;auml;mlich "&lt;I&gt;unter unaufh&amp;ouml;rlicher Umgruppierung der Kr&amp;auml;fte wie eine Offensive vorbereiten&lt;/I&gt;" (als Feldherr), "&lt;I&gt;es ertragen wie die Qual der Erm&amp;uuml;dung&lt;/I&gt;" (als M&amp;auml;rtyrer), es "&lt;I&gt;wie eine Ordensregel auf sich nehmen&lt;/I&gt;" (als Asket), es "&lt;I&gt;wie eine Kirche erbauen&lt;/I&gt;" (als Architekt), "&lt;I&gt;ihm folgen wie einer &amp;auml;rztlichen Weisung&lt;/I&gt;" (als Patient), "&lt;I&gt;es &amp;uuml;berwinden wie ein Hindernis&lt;/I&gt;" (als Entdecker), "&lt;I&gt;es erobern wie eine Freundschaft&lt;/I&gt;" (als soziales Wesen), "&lt;I&gt;es pflegen wie ein Kind&lt;/I&gt;" (als Mutter), "&lt;I&gt;es schaffen wie eine Welt&lt;/I&gt;" (als K&amp;uuml;nstler/Demiurg). Und dabei mu&amp;szlig; man auch noch alles andeuten, was von Menschen nicht erkannt werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie kann das gehen? Z.B. unter Obhut der zwar schon fast blinden, aber mit einer Intuition f&amp;uuml;r Marcels Werk ausgestatteten Fran&amp;ccedil;oise, vielleicht sogar genau in der Art, wie diese "&lt;I&gt;ein Kleid entstehen l&amp;auml;&amp;szlig;t.&lt;/I&gt;" So w&amp;uuml;rde er das Buch zusammenflicken und ausbessern. Aber "&lt;I&gt;war es wirklich noch Zeit und war ich selbst noch imstande dazu?&lt;/I&gt;" Man darf ja nicht vergessen, da&amp;szlig; der Autor zwar an der Schreibmaschine arbeitet, aber als Gef&amp;auml;&amp;szlig; f&amp;uuml;r seinen Geist nur einen verg&amp;auml;nglichen Organismus besitzt: "&lt;I&gt;Man mu&amp;szlig;te in der Tat davon ausgehen, da&amp;szlig; ich einen K&amp;ouml;rper hatte.&lt;/I&gt;" Traurige Tatsache. "&lt;I&gt;Einen K&amp;ouml;rper zu haben aber ist die gro&amp;szlig;e Bedrohung f&amp;uuml;r den Geist...&lt;/I&gt;" Man f&amp;uuml;hlt sich in seinem K&amp;ouml;rper nicht mehr wohl, wenn man das Werk, das man schaffen will, schon vor sich sieht, und f&amp;uuml;rchten mu&amp;szlig;, jederzeit auf den Champs-Elys&amp;eacute;es von einem Ast erschlagen zu werden oder beim Durchschwimmen des Atlantiks zu ertrinken. Oder, als ich heute mit dem Fahrrad auf die Torstra&amp;szlig;e bog und ein Laster mit Anh&amp;auml;nger haarscharf an mir vorbeiraste. Es war mein Proust-Kommentar, f&amp;uuml;r den ich erschrak, weil er so kurz vor dem Ziel unvollendet geblieben w&amp;auml;re. "&lt;I&gt;Da&amp;szlig; ich mich als Tr&amp;auml;ger eines Werkes f&amp;uuml;hlte, machte jetzt einen Unfall, bei dem ich den Tod finden k&amp;ouml;nnte, f&amp;uuml;rchtenswerter f&amp;uuml;r mich, ja [..] geradezu absurd.&lt;/I&gt;" Deshalb hat Heiner M&amp;uuml;ller auf Flugreisen immer unbeendete Manuskripte mitgenommen, weil ihm dann ein Absturz unwahrscheinlicher erschien. Man hat vielleicht die Ohmnacht vor blinder Barbarei noch nicht verstanden, wenn man noch glaubt, Werke w&amp;uuml;rden vom Schicksal verschont. Wir denken das, weil wir nur kennen, was erhalten ist, und man sich nicht vorstellen kann, da&amp;szlig; viel bedeutenderes fehlt. "Noli perturbare circulos meos" kann vielleicht als paradoxe Reaktion bei manchen Angreifern Verwirrung ausl&amp;ouml;sen, so da&amp;szlig; man Zeit gewinnt, aber die Schwerkraft, oder die Zeit werden sich davon nicht beeindrucken lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand anders kann die Arbeit tun, die vor ihm liegt. Das ist vielleicht doch ein Unterschied zu anderen Arbeiten, die aktuellen Top 10 k&amp;ouml;nnte auch jeder andere f&amp;uuml;llen, auch die Spiegel-Bestsellerliste k&amp;ouml;nnte jeder andere vollschreiben, Journalisten wird ja sogar beigebracht, einen austauschbaren Stil zu pflegen. Aber die "Recherche" kann nur einer schreiben. Umso gr&amp;ouml;&amp;szlig;er die Angst vor einem Gehirnschlag. So, wie man ja auch, wenn man liebt, das Ende dieser Liebe f&amp;uuml;rchtet, weil es sich erst einstellen kann, wenn man selbst ein anderer geworden ist. Selbst das Abklingen einer ungl&amp;uuml;ckliche Liebe bedeutet so einen Tod.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also schnell an die Arbeit! Aber wieviele Werke mu&amp;szlig; man hinter sich auft&amp;uuml;rmen, um das Verh&amp;auml;ltnis zwischen verlorener Lebenszeit und erbrachter Leistung halbwegs ausgeglichen zu halten? Was f&amp;uuml;r eine heroische Geduld, sich nicht in Aktivit&amp;auml;ten zu verlieren, sondern zu warten, bis alles in einem gereift ist. Wobei Marcel hier seine Tr&amp;auml;gheit zuhilfe gekommen ist, die ihn "&lt;I&gt;vor allzu leichtem Schreiben gesch&amp;uuml;tzt hatte.&lt;/I&gt;" Und man ist einsam! "&lt;I&gt;Niemand verstand das Geringste davon&lt;/I&gt;". Man vernachl&amp;auml;ssigt seine sozialen Pflichten, man ist einfach nicht mehr in der Lage, Briefe zu beantworten. Man wird mi&amp;szlig;verstanden, es wird einem unterstellt werden, man grabe "&lt;I&gt;nach Einzelheiten&lt;/I&gt;", wo man "&lt;I&gt;gro&amp;szlig;e Gesetze&lt;/I&gt;" sucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch die B&amp;uuml;cher, die man abergl&amp;auml;ubisch liebt, sind keine F&amp;uuml;hrer. Man kann "&lt;I&gt;was man liebt nur wiedererschaffen, indem man ihm entsagt.&lt;/I&gt;" Nicht einmal der Verstand ist immer ein guter Wegweiser. Denn man mu&amp;szlig; die T&amp;ouml;ne an die richtige Stelle setzen und sich enthalten "&lt;I&gt;sie von ihrer Ursache loszul&amp;ouml;sen, der unser Verstand sie nachtr&amp;auml;glich koordiniert.&lt;/I&gt;" Es gilt "&lt;I&gt;tiefer in mich selbst hinabzusteigen.&lt;/I&gt;" (Wie oft h&amp;ouml;rt man als Autor: "Du mu&amp;szlig;t von dir loskommen." "Denk dir mal was aus." "Du interessierst niemanden." "Die jungen Autoren kreisen nur um ihr Ich".)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"&lt;I&gt;Weil aber die Menschen in dieser Weise noch alle Stunden der Vergangenheit enthalten, k&amp;ouml;nnen sie denen, die sie lieben, so viel Leid antun, denn damit hegen sie in ihrem Innern auch viele Erinnerungen an Freuden und W&amp;uuml;nsche, die f&amp;uuml;r sie schon ausgel&amp;ouml;scht sind, aber so grausam noch f&amp;uuml;r den, der den geliebten Leib, um dessentwillen er an Eifersucht krankt &amp;#8211; an einer solchen Eifersucht, da&amp;szlig; er seine Zerst&amp;ouml;rung w&amp;uuml;nscht &amp;#8211; betrachtet und in seiner gesamten Erstreckung &amp;uuml;ber die Ebene der Zeit erblickt.&lt;/I&gt;" Schlechte Aussichten f&amp;uuml;r eine sp&amp;auml;te Altersheimromanze, es sei denn, die Frau w&amp;auml;re vorher noch nie verliebt gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er ist also verurteilt, nicht nur tiefer in sich hinabzusteigen, sondern sich an alles zu erinnern, denn sein Werk wird "&lt;I&gt;die durch das Ged&amp;auml;chtnis vollzogene Wiedersch&amp;ouml;pfung von Eindr&amp;uuml;cken&lt;/I&gt;" sein. Bei dieser Vorstellung aber bef&amp;auml;llt ihn schon jetzt "&lt;I&gt;ein Gef&amp;uuml;hl der Erm&amp;uuml;dung und des Grauens&lt;/I&gt;". Es ist, als habe sich die Zeit unter ihm abgelagert, der er "&lt;I&gt;auf ihrem schwindelnden Gipfel hockte und mich nicht r&amp;uuml;hren konnte&lt;/I&gt;". Deshalb bewegen sich alte Menschen so zittrig, als ob sie "&lt;I&gt;alle auf lebendigen, unaufh&amp;ouml;rlich wachsenden, manchmal mehr als kirchturmhohen Stelzen hockten, die schlie&amp;szlig;lich das Gehen f&amp;uuml;r sie beschwerlich und gefahrvoll machten, bis sie pl&amp;ouml;tzlich von ihnen herunterfielen.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlorene Praxis: - Jene Barbarenfeste besuchen, die man als Abendessen in der Stadt bezeichnet.&lt;br /&gt;
- Ein Werk schreiben, das wie eine Kirche ist, in der die Gl&amp;auml;ubigen nach und nach Wahrheiten entdecken und Harmonien und den gro&amp;szlig;en Plan erkennen, der dem ganzen zugrunde liegt.&lt;br /&gt;
- Ein Werk schreiben, das wie ein Druidenmal auf dem Gipfel einer Insel f&amp;uuml;r immer unbesucht dastehen wird.&lt;br /&gt;
- Dem Beifall der jetzt lebenden Elite v&amp;ouml;llig indifferent gegen&amp;uuml;berstehen.&lt;br /&gt;
- Soweit man die Bewegung seiner Lippen noch versp&amp;uuml;rt, ein kleines L&amp;auml;cheln in einem winzigen Winkel seines Mundes zustande bringen, wenn eine Dame einem schreibt: "&lt;I&gt;Ich war sehr erstaunt, keine Antwort auf meinen Brief zu erhalten.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
- Versuchen, seine gegenw&amp;auml;rtige Liebensw&amp;uuml;rdigkeit noch auf der H&amp;ouml;he derjenigen zu halten, die andere Leute f&amp;uuml;r einen aufwenden.&lt;br /&gt;
- Sich nicht ohne Grauen ein Werk vorstellen k&amp;ouml;nnen, das von seinen Lieblingsb&amp;uuml;chern verschieden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbst&amp;auml;ndig lebensf&amp;auml;hige Sentenz: - "&lt;I&gt;Wie viele gewaltige Kathedralen bleiben unvollendet!&lt;/I&gt;"</description>
      <pubDate>Sat, 27 Jan 2007 16:52:23 GMT</pubDate>
      <guid>http://vertr.antville.org/stories/1559853/</guid>
      <dc:creator>jochenheißtschonwer</dc:creator>
      <dc:date>2007-01-27T16:52:23Z</dc:date>
    </item>
    <item>
      <title>Berlin - VII Die wiedergefundene Zeit - Seite 407-427</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1559208/</link>
      <description>Eisiger Wind blies mir ins Gesicht, der Fahrradweg war glatt und verschneit, meine Bremsen sind abgefahren, und ich hatte die Nacht nach der Chaussee &amp;auml;u&amp;szlig;erst schlecht geschlafen und das Gef&amp;uuml;hl, mich beim Kontakt mit soviel Menschen erk&amp;auml;ltet zu haben. Au&amp;szlig;erdem trug ich eine Unterhose und eine Trainingshose unter der Jeanshose, zwei Pullover und drei Hemden und Wanderschuhe, was meinen Bewegungen etwas schwerf&amp;auml;lliges gab. Ein Vorgeschmack darauf, wie ich eines Tages mit meinen Gelenken zu k&amp;auml;mpfen haben und wieviel Willenskraft ich brauchen w&amp;uuml;rde, um auch nur den Arm zu beugen. Es half aber nichts, ich war mit Falko Hennig zum Plakatieren f&amp;uuml;r unsere Weltchronik-Premiere verabredet, wir mu&amp;szlig;ten jede M&amp;ouml;glichkeit nutzen, ein &amp;ouml;konomisches Fiasko zu vermeiden. Wegen der vielen Kleidungsschichten hatte ich M&amp;uuml;he, auf dem Klo zu pinkeln. In Outdoor-L&amp;auml;den gibt es ja ein spezielles Beutelchen, mit dem man sich in Schneest&amp;uuml;rmen erleichtern kann, ohne sich ausziehen zu m&amp;uuml;ssen, daran werde ich beim n&amp;auml;chsten mal denken m&amp;uuml;ssen. Die Plakate wogen Zentner, das Klebeband versagte wegen der K&amp;auml;lte, der Wind zerrte das wertvolle Papier in den Schneematsch, und wir hatten keine Videokamera dabei, um diese Clownsnummer zu dokumentieren. Die Tour f&amp;uuml;hrte von der Lottumstra&amp;szlig;e bis zum Kino Babylon, unterwegs &amp;uuml;berklebten wir r&amp;uuml;cksichtslos alle fremden Plakate. Falko meinte, wir k&amp;ouml;nnten die &amp;uuml;berall zu lesende Warnung, bei unbefugtem Kleben verklagt zu werden, ignorieren. Die Werbefirma, die die Fl&amp;auml;chen bereitstellte, w&amp;uuml;rde es nicht wagen, uns zu verklagen, weil sie dann einen potentiellen Kunden verlieren w&amp;uuml;rden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Babylon trafen wir zuf&amp;auml;llig Judith Hermann, die dort mit ihrem Sohn zum Kinderkino ging, Berlin war ein Dorf. Sie fragte mich, was ich als n&amp;auml;chstes lesen werde, ein Bekannter von ihr h&amp;auml;tte nach Proust gar nichts mehr lesen k&amp;ouml;nnen, und ich sagte, da&amp;szlig; ich gerade eine Thomas-Mann-Biographie angefangen h&amp;auml;tte, weil es immer so tr&amp;ouml;stlich sei, sich von Zeit zu Zeit mit dieser Familie zu befassen. Sie selbst fresse sich gerade durch Thomas Manns Romane und sei ganz benebelt, sagte sie, eine sch&amp;ouml;ne Koinzidenz. Wie oft man sich anh&amp;ouml;ren m&amp;uuml;sse, Thomas Mann sei langweilig, meinte ich. Ja, sagte sie, aber es sei doch auch wieder sch&amp;ouml;n, wenn man ihn ganz f&amp;uuml;r sich habe. Ich hatte mich im Dezember einmal mit ihr getroffen und bef&amp;uuml;rchtet, alle im Caf&amp;eacute; w&amp;uuml;rden uns anstarren, weil sie so ber&amp;uuml;hmt ist. Es nahm aber niemand Notiz von uns, und mir wurde bewu&amp;szlig;t, da&amp;szlig; sie 100 mal ber&amp;uuml;hmter sein kann als ich, sie ist damit immer noch 10000 mal unbekannter als irgendein Serienschauspieler von Pro7. Es ist ein grundlegender Irrtum von Autoren, zu denken, die Welt warte auf ihr n&amp;auml;chstes Buch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem R&amp;uuml;ckweg waren viele unserer Plakate schon vom Wind oder von der Konkurrenz zerfetzt worden, hier und da hing noch ein Rest, und man war stolz. Es hat Spa&amp;szlig; gemacht, sein Geschick endlich wieder in die eigenen H&amp;auml;nde zu nehmen. Wozu habe ich mir damals meine Gesundheit ruiniert, werde ich meinen Kindern einmal sagen, damit ihr mein Erbe mit F&amp;uuml;&amp;szlig;en tretet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Heimweg fuhr ich am Haus vorbei, in dem meine Tochter wohnt, das ist immer ein seltsames Gef&amp;uuml;hl. Trotz meiner Kopfschmerzen mu&amp;szlig;te ich Proust lesen und der Verdacht kam auf, da&amp;szlig; das Buch einem je nach eigener Verfassung spannend oder langweilig vorkommt. Vielleicht bin ich unkonzentriert, aber ich habe den Eindruck, da&amp;szlig; er auch 40 Seiten vor Schlu&amp;szlig; noch nicht zu erkennen gibt, es irgendwie eilig zu haben, den Schlu&amp;szlig;akkord zu setzen. Als h&amp;auml;tte er noch weitere 1000 Seiten Platz, ergeht er sich in geschw&amp;auml;tzigen Details. Und die zahlreichen Fu&amp;szlig;noten f&amp;uuml;gen dem Text nichts wesentliches hinzu. Als ich endlich am Rechner sa&amp;szlig;, waren die Kopfschmerzen aber schnell vergessen. Da&amp;szlig; man immer noch denkt, man m&amp;uuml;&amp;szlig;te ein Gl&amp;uuml;ck jenseits des Schreibens finden, wo man doch schon privilegiert ist, wenn man wenigstens eins im Schreiben hat! Wenn ich nicht arbeite, vergesse ich aber immer, da&amp;szlig; ich Autor bin, oder ich kann es mir nicht vorstellen. Solange ich nicht tippe, kann ich keinen Gedanken fassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe so lange Jahre herumgestochert und das, was aufzuschreiben gewesen w&amp;auml;re, nicht gesehen. Und jetzt, wo ich so schreibe, wie ich schreibe, m&amp;uuml;&amp;szlig;te es doch kinderleicht f&amp;uuml;r jeden sein, das einfach nachzumachen. Aber der eigene Stil ist auch ein Gef&amp;auml;ngnis, man will doch nicht festgelegt sein. Paul Klee ist ja sehr sch&amp;ouml;n, aber er ist eben nur Paul Klee. So, wie man Frauen liebt, die nicht zu einem passen, bewundert man ja auch B&amp;uuml;cher, bei denen jeder denken w&amp;uuml;rde, man k&amp;ouml;nne nichts damit anfangen und w&amp;uuml;nscht sich, genau solche zu schreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich w&amp;uuml;nsche mir eine Zeit, in der ich wieder von der Dusche zum Schreibtisch haste, weil ich keine Zeit verlieren will, so eilig habe ich es, eine neue Sprache zu lernen. Eigentlich mu&amp;szlig; ich daf&amp;uuml;r nur in irgendein Land fahren, die Zeitung kaufen und den Gedanken verdr&amp;auml;ngen, da&amp;szlig; das eine Flucht sein k&amp;ouml;nnte, und da&amp;szlig; ich nicht mein Leben lang neue Sachen beginnen kann, bevor die alten ausgearbeitet sind. Endlich einmal nach Griechenland, um die Distanz zwischen den Orten aus der Mythologie selbst zu erleben. Und auch noch Griechisch lernen? Das d&amp;uuml;rfte meine wenig ausgepr&amp;auml;gte Begabung f&amp;uuml;r frei &amp;uuml;ber allen Sachthemen schwebenden Party-Smalltalk noch weiter unterminieren. Wer heute noch ein Fremdwort kennt, ist ja schon ein Paria. Alles lesen, alles wissen, alles sehen, ohne zu irgendetwas gezwungen zu sein. Mehr will ich doch gar nicht.&lt;br /&gt;
(Oder vielleicht doch: ich w&amp;uuml;rde gerne wenigstens versuchsweise mal im Mittelfeld spielen, weil man in der Innenverteidigung immer nur rumsteht und auf gegnerische Konter wartet, bei denen man dann schlecht aussieht.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;B&gt;Seite 407-427&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
Ich sagte es schon, der Reiz langer Serien, die unersch&amp;ouml;pflichen M&amp;ouml;glichkeiten, im Lauf der Jahre jeden mit jedem zu verb&amp;auml;ndeln. Auf seine alten Tage ist nun der Herzog von Guermantes in Odette verliebt, die ja inzwischen Madame de Forcheville hei&amp;szlig;t. "&lt;I&gt;Er war nur noch eine Ruine, aber eine gro&amp;szlig;artige, oder eigentlich weniger noch als eine Ruine, eher das romantische Bild eines Felsens im Sturm. Auf allen Seiten von Wogen des Leidens, des Zorns &amp;uuml;ber seine Leiden und der steigenden Flut des Todes, die ihn rings einzuschlie&amp;szlig;en drohte, gepeitscht, bewahrte er auf seinem gleich einem Felsblock verwitterten Gesicht den Stil, den Schnitt, den ich immer bewundert hatte...&lt;/I&gt;" Warum diese Fixierung mancher M&amp;auml;nner auf Frauen, die "&lt;I&gt;nicht ihr Genre&lt;/I&gt;" sind? "&lt;I&gt;Eine Frau, die 'unser Genre' ist, wird selten gef&amp;auml;hrlich, denn sie will von uns nichts, sie stellt uns zufrieden, verl&amp;auml;&amp;szlig;t uns schnell und nistet sich nicht in unserem Leben ein...&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Synthese der Wege nach Guermantes und nach M&amp;eacute;s&amp;eacute;glise in der Tochter von Gilberte (Swann, Odette...) und Saint-Loup (Charlus, Herzogin von Guermantes...) Vier Seiten braucht Marcel inzwischen, um stichpunktartig seine Beziehung zu den einzelnen Figuren des Buchs, und wie er von der einen zur anderen gelangt ist, zu rekapitulieren. Das schlimme ist, da&amp;szlig; ich das alles in einem halben Jahr vergessen haben werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unklares Inventar: - Nacaratfarbene Seide.&lt;br /&gt;
- Vertiko.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlorene Praxis: - Als Frau "&lt;I&gt;Tanz und Vergn&amp;uuml;gen und alles &amp;uuml;brige f&amp;uuml;r das hergeben, was einem Mann Vergn&amp;uuml;gen macht oder ihm auch nur Sorgen erspart, wofern er einen wirklich liebt.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
- Weil man von allem Snobismus frei ist, einen unbekannten Literaten zum Gatten w&amp;auml;hlen und die Familie so wieder unter das Niveau hinabf&amp;uuml;hren, aus dem sie emporgestiegen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katalog kommunikativer Knackpunkte: - "&lt;I&gt;Ich sah, wie auf dem Gesicht von Madame de Guermantes jene leichte Verzerrung entstand, die andeutet, da&amp;szlig; man auf dem Wege der &amp;Uuml;berlegung etwas, was man soeben geh&amp;ouml;rt hat, mit wenig angenehmen Gedanken in Beziehung setzt.&lt;/I&gt;"</description>
      <pubDate>Fri, 26 Jan 2007 17:54:50 GMT</pubDate>
      <guid>http://vertr.antville.org/stories/1559208/</guid>
      <dc:creator>jochenheißtschonwer</dc:creator>
      <dc:date>2007-01-26T17:54:50Z</dc:date>
    </item>
    <item>
      <title>Berlin, Warschauer Straße, Firstbase-Internet-Café - VII Die wiedergefundene Zeit - Seite 387-407</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1558341/</link>
      <description>Warum h&amp;ouml;rt man Schriftstellern lieber zu, wenn sie von sich erz&amp;auml;hlen, als Verwandten oder Freunden? Warum projiziert man seine Gef&amp;uuml;hle in die Worte von Wildfremden und kriegt bei Nahestehenden den Mund nicht auf? Liegt es wirklich an der Qualit&amp;auml;t der Texte? Aber warum f&amp;uuml;hren wir dann &amp;uuml;berhaupt noch Gespr&amp;auml;che, wenn wir dabei st&amp;auml;ndig unter unserem Niveau bleiben? (oder sollten wir tats&amp;auml;chlich immerfort singen, wie in "On conna&amp;icirc;t la chanson? Ist nicht jede &amp;Auml;u&amp;szlig;erung, die kein Zitat ist, ohne W&amp;uuml;rze? Oder anders gesagt: kann man sich &amp;uuml;berhaupt &amp;auml;u&amp;szlig;ern ohne zu zitieren?) Was unterscheidet einen Fremden, der einen auf einer Party mit sentimentalen Erinnerungen qu&amp;auml;lt (vielleicht sogar an etwas, was einem selbst wichtig ist), von einem Autor, der in einem Text  seinen verlorenen Paradiesen nachtrauert? Ist es die radikale Offenheit, die im direkten Gespr&amp;auml;ch peinlich ber&amp;uuml;hren w&amp;uuml;rde? Die formale Leistung? Von jemandem, den man als gl&amp;uuml;cklich und standhaft sch&amp;auml;tzt, m&amp;ouml;chte man doch nicht erfahren, da&amp;szlig; er in Wirklichkeit schon seit Jahren ein Selbstmordkandidat ist, w&amp;auml;hrend ein Autor ja scheinbar immer f&amp;uuml;r eine Erfolgsgeschichte steht, schon weil wir ihn lesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was macht man, wenn man einsehen mu&amp;szlig;, da&amp;szlig; man in der Spannweite seiner Empfindungen und in der Struktur, die man der Selbsterz&amp;auml;hlung des eigenen Lebens t&amp;auml;glich gibt, unbewusst immer lediglich eine tapsige und inkonsequente Version von Proust war? Wozu soll man Prousts Experiment beim Schreiben wiederholen? Der immer zwanghaftere R&amp;uuml;ckzug in die Erinnerung ist ja eher ein menschliches Schicksal als eine freie Entscheidung. Wenn man vorhat, die Zeit festzuhalten, kann man aber nur scheitern. Man versteht, wie stark Beckett Proustianer war, in "Das letzte Band" die verf&amp;uuml;hrerische Gewalt alter Tonbandaufnahmen, in "Oh les beaux jours", das Versteinern in einer rituellen Beschw&amp;ouml;rung der in Wirklichkeit l&amp;auml;ngst vergessenen Vergangenheit. Oder Maria Schell, die auf ihrem Berghof die letzten Jahre von Fernsehern umgeben im Bett verbringt und sich ihre alten Filme ansieht. Oder Kane, dem ein Imperium und ein Anwesen von orientalischer Pracht den Schwung der Jugend und die verpasste Kindheit nicht ersetzen k&amp;ouml;nnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Spielplatz habe ich einen Jungen beobachtet, dessen kleines, ferngesteuertes Flugzeug sich in einem Baum verfangen hatte. Am Baumstamm kam er nicht hoch, er warf eine Weile vergeblich ein St&amp;ouml;ckchen nach dem Flugzeug, es wurde schon dunkel. Da ich nie ein ferngesteuertes Flugzeug hatte, hatte ich mir einmal vorgenommen, nicht zu sterben, bevor ich mir eins gekauft h&amp;auml;tte. Als Kind habe ich lediglich einmal ein Buch "RC-Flugmodelle und RC-Modellflug" aus dem VEB Verlag f&amp;uuml;r Verkehrswesen besessen ("Als Lehr- und Lernmaterial f&amp;uuml;r den Modellsport vom Zentralvorstand der Gesellschaft f&amp;uuml;r Sport und Technik anerkannt und empfohlen"). Ich war so gemein gewesen, im Buchladen auf das einzige vorhandene Exemplar zu bestehen, obwohl ein gr&amp;ouml;&amp;szlig;erer Junge, der bestimmt mehr damit anfangen konnte als ich, mich anflehte, es ihm zu &amp;uuml;berlassen. Nat&amp;uuml;rlich n&amp;uuml;tzte mir das Buch nichts, ich konnte mit meinen Elektronik-Kenntnissen keinen Sender nachbauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben das Flugzeug dann wieder freibekommen und der Junge rannte damit nach Hause. Vielleicht war meine Seele in letzter Zeit wie dieses Flugzeug und hatte sich in einem Baum verfangen. Und eines Tages wird es hei&amp;szlig;en: "Eine schwere Proust-Lekt&amp;uuml;re machte ihm zu schaffen, von der er aber schlie&amp;szlig;lich doch noch einmal genesen konnte".&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;B&gt;Seite 387-407&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
Rahel rezitiert, wie Schauspieler es so oft tun, etwas befremdlich, aber man kann sich daran gew&amp;ouml;hnen, auch wenn man sich erst entscheiden mu&amp;szlig;, ob man es entsetzlich oder genial findet. Bloch hat bei diesen Versen: "&lt;I&gt;...in Gedanken ausschlie&amp;szlig;lich seine Vorbereitungen getroffen, um, gleich nachdem das Gedicht zu Ende war, wie ein Belagerter, der einen Ausfall versucht, hervorzust&amp;uuml;rzen und, wenn auch nicht &amp;uuml;ber die Leichen, so doch wenigstens &amp;uuml;ber die F&amp;uuml;&amp;szlig;e seiner Nachbarn hinwegst&amp;uuml;rmend, die Vortragende zu begl&amp;uuml;ckw&amp;uuml;nschen, sei es aus einer irrigen Vorstellung von seinen Verpflichtungen gegen sie, sei es aus blo&amp;szlig;em Bed&amp;uuml;rfnis, sich zu bekunden.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Herzogin von Guermantes ist nicht mehr so glanzvoll und boshaft-witzig wie einst. "&lt;I&gt;Wenn der Moment f&amp;uuml;r ein witziges Wort gekommen war, unterbrach sie sich f&amp;uuml;r die gleiche Zahl von Sekunden wie fr&amp;uuml;her, sah aus, als z&amp;ouml;gere sie, als gehe etwas Sch&amp;ouml;pferisches in ihr vor, aber der Ausspruch, den sie zustande brachte, taugte dennoch nicht viel.&lt;/I&gt;" Vielleicht werde ich so meine Tage als vorlesender Autor beschlie&amp;szlig;en, einfach nur noch die B&amp;uuml;hne betreten, schweigen und damit noch einmal die Gr&amp;ouml;&amp;szlig;e der fr&amp;uuml;heren Darbietungen heraufbeschw&amp;ouml;ren, im Gedenken an die dann st&amp;uuml;rmisch applaudiert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Herzogin ist &amp;uuml;brigens fast geschmeichelt, da&amp;szlig; ihr Mann wieder angefangen hat, sie zu betr&amp;uuml;gen, "&lt;I&gt;weil es mich quasi j&amp;uuml;nger macht.&lt;/I&gt;" Das ist eine sch&amp;ouml;ne Pointe, die das Eheleben mit sch bringen kann. Sie erinnert sich nur sehr ungenau des Zeitpunkts von Marcels erster Bekanntschaft mit ihr, was ihm nicht gefallen kann, da so eine Laxheit in der Geschichtsschreibung ihres Lebens die wichtige Zeit der Schw&amp;auml;rmerei und der zu ihr aufstrebenden Hoffnungen unter den Tisch fallen l&amp;auml;&amp;szlig;t.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unklares Inventar: - Zuckerreibe.&lt;br /&gt;
- Fagon, Arzt.&lt;br /&gt;
- G&amp;eacute;raudel-Pastillen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Streitbare These: - "&lt;I&gt;...denn Frauen finden es nett, wenn man noch ihrer Sch&amp;ouml;nheit gedenkt, so wie K&amp;uuml;nstler ger&amp;uuml;hrt sind, wenn man ihre Werke bewundert.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
- "&lt;I&gt;...gro&amp;szlig;e Trag&amp;ouml;dinnen sterben oft als Opfer der in ihrem Umkreis entstehenden h&amp;auml;uslichen Intrigen, wie zuvor schon vielmals am Ende der St&amp;uuml;cke, in denen sie aufgetreten sind.&lt;/I&gt;"</description>
      <pubDate>Thu, 25 Jan 2007 17:57:15 GMT</pubDate>
      <guid>http://vertr.antville.org/stories/1558341/</guid>
      <dc:creator>jochenheißtschonwer</dc:creator>
      <dc:date>2007-01-25T17:57:15Z</dc:date>
    </item>
    <item>
      <title>Berlin - VII Die wiedergefundene Zeit - Seite 367-388</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1557638/</link>
      <description>Das sch&amp;ouml;ne an Kindern ist, da&amp;szlig; man ihretwegen wieder seine alten DDR-M&amp;auml;rchenplatten h&amp;ouml;rt, auf denen die besten Schauspieler von damals, also Namen wie Fred D&amp;uuml;ren, Rolf Ludwig, Klaus Piontek, Elsa Grube-Deister, Kurt B&amp;ouml;we, Dieter Mann, Dietrich K&amp;ouml;rner, Jutta Wachowiak, etc. sprechen, deren Stimmen, weil man sie so fr&amp;uuml;h geh&amp;ouml;rt hat, einem auf eine wohlige Art direkt ins Unterbewu&amp;szlig;te gleiten, wie Musik oder Alkohol. Au&amp;szlig;erdem ist man endlich in dem Alter, den eigentlichen Sinn dieser M&amp;auml;rchen zu verstehen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;I&gt;Der Froschk&amp;ouml;nig oder der eiserne Dan&lt;/I&gt;&lt;br /&gt;
In den alten Zeiten, als das W&amp;uuml;nschen noch geholfen hat, lebte einmal ein Me&amp;szlig;ingenieur, der hatte eine wundersch&amp;ouml;ne T&amp;auml;nzerin als Tochter. Sie war so sch&amp;ouml;n, da&amp;szlig; die Sonne selber, die doch so vieles schon gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien, also nat&amp;uuml;rlich vor allem, wenn das M&amp;auml;dchen mit seiner Firma wieder einen Job in Saudi-Arabien oder Pakistan hatte. Nahe bei dem Haus war der Humboldthain, und mitten darin, unter einer von den Miniermotten zerfressenen Kastanie, war ein Gully. Wenn nun der Tag recht hei&amp;szlig; war, ging die junge T&amp;auml;nzerin in ihrem Tiger-Top hinaus in den Humboldthain und setzte sich an den Rand des k&amp;uuml;hlen Gullys. Und wenn sie Langeweile hatte, nahm sie einen Tischtennisball, warf ihn in die H&amp;ouml;he und fing ihn wieder auf. Das war ihr liebstes Spiel.&lt;br /&gt;
Nun trug es sich einmal zu, da&amp;szlig; der Tischtennisball der T&amp;auml;nzerin gerade in den Gully hineinrollte. Und der war tief, so tief, da&amp;szlig; man keinen Grund sah.&lt;br /&gt;
Da fing die T&amp;auml;nzerin an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht tr&amp;ouml;sten. Als sie so klagte, rief ihr pl&amp;ouml;tzlich jemand zu: &amp;raquo;Was hast du nur, T&amp;auml;nzerin? Du schreist ja, da&amp;szlig; sich ein Stein erbarmen m&amp;ouml;chte.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
Sie sah sich um, woher die Stimme k&amp;auml;me, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken, h&amp;auml;&amp;szlig;lichen Kopf aus der Jauche streckte. &amp;raquo;Ach, du bist's, alter Wasserpatscher&amp;laquo;, sagte sie. &amp;raquo;Ich weine &amp;uuml;ber meinen Tischtennisball, der mir in den Gully hinabgefallen ist, ein Drei-Sterner!&amp;laquo;&lt;br /&gt;
&amp;raquo;Sei still und weine nicht&amp;laquo;, antwortete der Frosch, &amp;raquo;ich kann wohl Rat schaffen. Aber was gibst du mir, wenn ich deinen Tischtennisball wieder heraufhole?&amp;laquo;&lt;br /&gt;
&amp;raquo;Was du haben willst, lieber Frosch&amp;laquo;, sagte sie, &amp;raquo;meine Klamotten, meinen i-Pod, Glitzersteine, auch noch das Porsche-Schl&amp;uuml;sselband, das ich trage.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
Der Frosch antwortete: &amp;raquo;Deine Klamotten, deinen i-Pod, die Glitzersteine und dein Porsche-Schl&amp;uuml;sselband, die mag ich nicht. Aber wenn du mich liebhaben willst und ich dein Geselle und Spielkamerad sein darf, wenn ich an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem Stullenbrett essen, aus deiner Campari-Flasche trinken, auf deiner Matratze schlafen darf, dann will ich hinuntersteigen und dir den Tischtennisball heraufholen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
&amp;raquo;Ach, ja&amp;laquo;, sagte sie, &amp;raquo;ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur den Tischtennisball wiederbringst.&amp;laquo; Sie dachte aber, der einf&amp;auml;ltige Frosch mag schw&amp;auml;tzen, was er will, der glaubt doch selber nicht, was er sagt.&lt;br /&gt;
Als der Frosch das Versprechen der T&amp;auml;nzerin erhalten hatte, tauchte er seinen Kopf unter, sank in die Jauche, und &amp;uuml;ber ein Weilchen kam er wieder heraufgerudert, hatte den Tischtennisball im Maul und warf ihn ins Gras. Die T&amp;auml;nzerin war voll Freude, als sie ihr sch&amp;ouml;nes Spielzeug wiedererblickte, hob es auf und sprang damit fort.&lt;br /&gt;
&amp;raquo;Warte, warte!&amp;laquo; rief der Frosch. &amp;raquo;Nimm mich mit, ich kann nicht so schnell h&amp;uuml;pfen wie du!&amp;laquo; Aber sie h&amp;ouml;rte nicht darauf, eilte nach Hause und hatte den Frosch bald vergessen, denn es rief ja st&amp;auml;ndig jemand auf ihrem Handy an.&lt;br /&gt;
Am andern Tag, als sie sich mit dem Vater und ihren vielen Freunden zur Tafel gesetzt hatte und eben fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ckte, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas den Hausflur entlanggekrochen. Als es oben angelangt war, klingelte es und rief. &amp;raquo;T&amp;auml;nzerin, mach mir auf&amp;laquo;&lt;br /&gt;
Sie lief und wollte sehen, wer drau&amp;szlig;en w&amp;auml;re. Als sie aber aufmachte, sa&amp;szlig; der Frosch vor der T&amp;uuml;r. Da warf sie die T&amp;uuml;r hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und es war ihr ganz &amp;auml;ngstlich zumute, der Frosch h&amp;auml;tte ja wenigstens mal vorher anrufen k&amp;ouml;nnen.&lt;br /&gt;
Der Me&amp;szlig;ingenieur sah wohl, da&amp;szlig; ihr das Herz gewaltig klopfte, und sprach: &amp;raquo;Ei, was f&amp;uuml;rchtest du dich? Steht etwa die GEZ vor der T&amp;uuml;r und will dich holen?&amp;laquo;&lt;br /&gt;
&amp;raquo;Ach, nein&amp;laquo;, antwortete sie, &amp;raquo;es ist nicht die GEZ, sondern ein garstiger Frosch.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
&amp;raquo;Was will der Frosch von dir?&amp;laquo;&lt;br /&gt;
&amp;raquo;Ach, lieber Vater, als ich gestern im Humboldthain bei dem Gully sa&amp;szlig; und spielte, fiel mein Tischtennisball in die Jauche. Als ich deshalb weinte, hat ihn mir der Frosch heraufgeholt. Und weil er es durchaus verlangte, versprach ich ihm, er sollte mein Spielgef&amp;auml;hrte werden. Ich dachte aber nimmermehr, da&amp;szlig; er aus seiner Jauche k&amp;auml;me. Au&amp;szlig;erdem bin ich &amp;uuml;ber meine letzte Beziehung noch nicht hinweg. Nun ist er drau&amp;szlig;en und will zu mir herein. Wenn ich das geahnt h&amp;auml;tte, h&amp;auml;tte ich ihm nie meine Adresse gegeben!&amp;laquo;&lt;br /&gt;
Da klopfte es zum zweiten Mal, und eine Stimme rief: &amp;raquo;T&amp;auml;nzerin, mach mir auf!" Da sagte der Me&amp;szlig;ingenieur: &amp;raquo;Was du versprochen hast, das mu&amp;szlig;t du auch halten! Geh nur und mach ihm auf! Sch&amp;ouml;nheit ist verg&amp;auml;nglich, auf die Dauer kommt es auf andere Eigenschaften an. Au&amp;szlig;erdem bin ich deiner Mutter damals auch nachgelaufen, sonst g&amp;auml;be es dich jetzt gar nicht.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
Sie ging und &amp;ouml;ffnete die T&amp;uuml;r. Da h&amp;uuml;pfte der Frosch herein und h&amp;uuml;pfte ihr immer nach bis zu ihrem Stuhl. Dort blieb er sitzen und rief: &amp;raquo;Heb mich hinauf zu dir!&amp;laquo; Sie zauderte, bis es endlich der Me&amp;szlig;ingenieur befahl. Als der Frosch auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch, und als er da sa&amp;szlig;, sprach er: &amp;raquo;Nun schieb mir dein Stullenbrett n&amp;auml;her, damit wir zusammen essen k&amp;ouml;nnen.&amp;laquo; Der Frosch lie&amp;szlig; sich's gut schmecken, ihr aber blieb fast das Joghurt-M&amp;uuml;sli im Halse stecken.&lt;br /&gt;
Endlich sprach der Frosch: &amp;raquo;Ich habe mich satt gegessen und bin m&amp;uuml;de. Nun trag mich in dein K&amp;auml;mmerlein und mach deine Matratze zurecht!&amp;laquo; Die T&amp;auml;nzerin fing an zu weinen und f&amp;uuml;rchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie sich nicht anzur&amp;uuml;hren getraute und der nun auf ihrem sch&amp;ouml;nen neuen Spannlaken schlafen sollte. Au&amp;szlig;erdem mu&amp;szlig;te sie morgen fr&amp;uuml;h raus.&lt;br /&gt;
Der Me&amp;szlig;ingenieur aber wurde zornig und sprach: &amp;raquo;Wer dir geholfen hat, als du in Not warst, den sollst du hernach nicht verachten!&amp;laquo;&lt;br /&gt;
Da packte sie den Frosch mit zwei Fingern, trug ihn hinauf in ihr K&amp;auml;mmerlein und setzte ihn dort in eine Ecke. Als sie sich eine halbe Stunde die Z&amp;auml;hne geputzt hatte, war er immer noch da, und als sie im Bette lag, kam er gekrochen und sprach: &amp;raquo;Ich will schlafen so gut wie du. Heb mich hinauf, oder ich sag's deinem Vater!&amp;laquo;&lt;br /&gt;
Da wurde sie bitterb&amp;ouml;se, holte ihn herauf und warf ihn gegen die Wand. &amp;raquo;Nun wirst du Ruhe geben&amp;laquo;, sagte sie, &amp;raquo;du garstiger Frosch!&amp;laquo; Als er aber herabfiel, war er kein Frosch mehr, sondern ein Schriftsteller mit sch&amp;ouml;nen freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Er erz&amp;auml;hlte ihr, er h&amp;auml;tte unter einer seltenen Erbkrankheit gelitten und niemand h&amp;auml;tte ihn aus dem Gully erl&amp;ouml;sen k&amp;ouml;nnen als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Viertel zu den Steinplatten fahren und Tischtennis spielen.&lt;br /&gt;
Und wirklich, am anderen Morgen kam ein Fahrrad herangefahren, mit 36 G&amp;auml;ngen, buntem Lenkerband, Spritzschutz mit Katzenaugen und einem Sattel f&amp;uuml;r M&amp;auml;dchen auf der Stange. Hinten auf dem Gep&amp;auml;cktr&amp;auml;ger aber sa&amp;szlig; ein Kollege des jungen Schriftstellers, das war der treue Dan.&lt;br /&gt;
Der treue Dan hatte sich so gekr&amp;auml;nkt, als sein Freund in einen Frosch verwandelt worden war, da&amp;szlig; er drei eiserne B&amp;auml;nder um sein Herz hatte legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspr&amp;auml;nge.&lt;br /&gt;
Das Fahrrad sollte nun den jungen Schriftsteller in sein Viertel holen. Der treue Dan hob ihn und seine junge Gemahlin hinauf, setzte sich wieder auf den Gep&amp;auml;cktr&amp;auml;ger und war voll Freude &amp;uuml;ber die Erl&amp;ouml;sung seines Freundes. Als sie ein St&amp;uuml;ck des Weges gefahren waren, h&amp;ouml;rte der Schriftsteller, da&amp;szlig; es hinter ihm krachte, als ob etwas zerbrochen w&amp;auml;re. Da drehte er sich um und rief: &amp;raquo;Dan, wir haben einen Platten!&amp;laquo;&lt;br /&gt;
&amp;raquo;Nein, Freund, keinen Platten, Es ist ein Band von meinem Herzen/ Das da lag in gro&amp;szlig;en Schmerzen/ Als Ihr in dem Gully sa&amp;szlig;t/ Als ihr eine Fretsche was't.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Schriftsteller meinte immer, sie h&amp;auml;tten einen Platten. Doch es waren nur die B&amp;auml;nder, die vom Herzen des treuen Dan absprangen, weil sein Freund nun erl&amp;ouml;st und gl&amp;uuml;cklich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;B&gt;Seite 367-388&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
F&amp;uuml;r Marcel soll es der letzte Abend in Gesellschaft sein. "&lt;I&gt;Gleich morgen&lt;/I&gt;" will er sich zur Arbeit in die Einsamkeit zur&amp;uuml;ckziehen. "&lt;I&gt;Selbst in meine Wohnung w&amp;uuml;rde ich in meinen Arbeitsstunden keine Leute vorlassen...&lt;/I&gt;" Das dumme ist ja, da&amp;szlig; irgendwann sowieso gar keine mehr kommen... "&lt;I&gt;Ich aber w&amp;uuml;rde den Mut finden, denen, die mich besuchen w&amp;uuml;rden oder mich abholen lie&amp;szlig;en, zu antworten, ich h&amp;auml;tte wegen wichtiger Dinge, &amp;uuml;ber die ich mich unverz&amp;uuml;glich unterrichten m&amp;uuml;sse, ein dringendes, &amp;uuml;beraus bedeutsames Rendezvous mit meinem eigenen Ich.&lt;/I&gt;" Und seltsamerweise werde einem die Bereitschaft zum Verzicht, die sich in solch einer Haltung &amp;auml;u&amp;szlig;ert, als Egoismus ausgelegt. Dabei will er doch fern von den Menschen leben, "&lt;I&gt;um mich mit ihnen zu besch&amp;auml;ftigen&lt;/I&gt;", um "&lt;I&gt;die Kurve zu definieren und das Gesetz herauszustellen, das die Geb&amp;auml;rden, die sie machten, die Worte, die sie sagten, ihr Leben, ihre Natur bestimmte.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"&lt;I&gt;...leichte Liebesbegegnungen mit eben erbl&amp;uuml;hten jungen M&amp;auml;dchen&lt;/I&gt;" w&amp;uuml;rden die einzige "&lt;I&gt;erlesene Nahrung&lt;/I&gt;" darstellen "&lt;I&gt;die ich allenfalls noch meiner Einbildungskraft gestatten k&amp;ouml;nnte, die somit jenem ber&amp;uuml;hmten Pferde glich, das nur mit Rosen gef&amp;uuml;ttert werden durfte.&lt;/I&gt;" Gilberte solle ihn doch hin und wieder einladen, wenn sie solche jungen M&amp;auml;dchen zu Besuch habe, allerdings w&amp;uuml;rde er von diesen nur wollen, da&amp;szlig; sie ihm "&lt;I&gt;die Tr&amp;auml;umereien und Traurigkeiten von ehedem wiederschenkten, h&amp;ouml;chstens eines unwahrscheinlichen Tages einen keuschen Ku&amp;szlig;.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Reiz langer Serien, wie dicker B&amp;uuml;cher, man kann die erstaunlichste Werdeg&amp;auml;nge inszenieren: die ehemalige Prostituierte Rahel ist inzwischen eine ber&amp;uuml;hmte Schauspielerin geworden, f&amp;uuml;r deren Rezitationen man sogar die Berma versetzt. Allerdings erkennt Marcel die "&lt;I&gt;abscheuliche alte Frau&lt;/I&gt;", als die sich ihm Rahel darstellt, nicht sofort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein hinrei&amp;szlig;ender Einschub illustriert die hoffnungslose Vereinsamung der gro&amp;szlig;en Berma, zu deren Einladung niemand kommt, weil am selben Tag alle wie durch die Wirkung einer Saugpumpe zu den Guermantes gezogen werden, wo Rahel sprechen soll. Die todkranke Berma geht im &amp;uuml;brigen wieder auf Tournee, um mit dem Honorar die Luxusbed&amp;uuml;rfnisse ihrer Tochter befriedigen zu k&amp;ouml;nnen, die allerdings darin bestehen, st&amp;auml;ndig ihr neben dem der Berma gelegenes Haus ausbauen zu lassen, "&lt;I&gt;unaufh&amp;ouml;rliche Hammerschl&amp;auml;ge unterbrachen daraufhin den Schlaf, den die gro&amp;szlig;e Trag&amp;ouml;din so sehr n&amp;ouml;tig hatte.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unklares Inventar: - Die Balthy, die Mistinguett, die R&amp;eacute;jane, Schauspielerinnen.&lt;br /&gt;
- Erechtheion.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlorene Praxis: - Es f&amp;uuml;r eine Form intellektueller &amp;Uuml;berlegenheit halten, leicht an Langeweile zu leiden.&lt;br /&gt;
- Sein Geld mit der Keckheit eines alten Kinds der Stra&amp;szlig;e gewohnheitsm&amp;auml;&amp;szlig;ig in seinem Strumpf verbergen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bewu&amp;szlig;tseinserweiterndes Bild: - "&lt;I&gt;Die sterbenden Augen standen noch verh&amp;auml;ltnism&amp;auml;&amp;szlig;ig lebendig in der damit kontrastierenden furchtbaren Knochenmaske und gl&amp;auml;nzten schwach wie eine Schlange, die zwischen Felsen schl&amp;auml;ft.&lt;/I&gt;"</description>
      <pubDate>Wed, 24 Jan 2007 22:40:42 GMT</pubDate>
      <guid>http://vertr.antville.org/stories/1557638/</guid>
      <dc:creator>jochenheißtschonwer</dc:creator>
      <dc:date>2007-01-24T22:40:42Z</dc:date>
    </item>
    <item>
      <title>Berlin - VII Die wiedergefundene Zeit - Seite 347-367</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1556620/</link>
      <description>Meine Eltern haben heute ihre Skatrunde zu Besuch, mein Vater hat Graupensuppe gekocht und meine Mutter Nudelsalat gemacht. Ich w&amp;auml;re so gerne dabei, aber seit ich mit 18 ausgezogen bin, habe ich im Grunde kein Zuhause mehr. Meine erste wirkliche Freundin hat noch im Haus ihrer Eltern gewohnt, ich bin damals praktisch dort mit eingezogen und habe mir nichts dabei gedacht, es war so angenehm in dieser Familie, sie hatten viel mehr Platz, als wir je gehabt hatten, und es gab sogar einen Garten, wo man im Sommer mit dem Fu&amp;szlig;ball jonglieren &amp;uuml;ben konnte. Und auf dem G&amp;auml;steklo lag immer ein gutes Buch. Tagelang bin ich nicht mehr zu mir gefahren, weil ich allein in meiner Wohnung die Angst vor der Zukunft nicht ertrug oder keine Kohlen hatte. Man dachte doch, man m&amp;uuml;&amp;szlig;te seinem Alter entsprechend exzessiv leben, aber andererseits mu&amp;szlig;te man diszipliniert sein, um im neuen System nicht unter die R&amp;auml;der zu kommen. Ich war nat&amp;uuml;rlich auch viel zu faul f&amp;uuml;r wirkliche Arbeit, Zeit war doch ein Menschenrecht. Man hatte Ambitionen, aber das Farbband der alten Vorkriegsschreibmaschine vom Opa klemmte immer, und selbst wei&amp;szlig;es Papier w&amp;uuml;rde bald nicht mehr zu bezahlen sein. Au&amp;szlig;erdem wu&amp;szlig;te man gar nicht, was man schreiben sollte und schlief immer mit dem Kopf auf der Tischplatte ein, w&amp;auml;hrend aus den anderen Wohnungen auf dem Hinterhof laute Partymusik kam. Also zur Sicherheit wenigstens das Studium beenden, auch wenn es das falsche war? Nur da&amp;szlig; man es immer so eilig hatte, die ganzen B&amp;uuml;cher zu lesen, die nichts mit den Seminarthemen zu tun hatten. Au&amp;szlig;erdem konnte man nicht ewig nur von fremden Erfahrungen lesen, man mu&amp;szlig;te doch durch die Welt reisen und eigene sammeln! Andererseits aber nat&amp;uuml;rlich auch wieder aufs Dorf, weil Bodenst&amp;auml;ndigkeit am Ende vielleicht mehr wert war als oberfl&amp;auml;chliche Erfahrungen mit der Fremde. Und &amp;uuml;berall, wo man hinkam, dachte man: k&amp;ouml;nnte man hier leben? Wie m&amp;uuml;&amp;szlig;te die perfekte Wohnung aussehen? Oder sollte man konsequent sein und sich als Nomade verstehen, mit einem Koffer und kahlen W&amp;auml;nden, dann w&amp;auml;re man unkorrumpierbar? Aber andererseits w&amp;auml;re es sch&amp;ouml;n, an einem Ort zu leben, der solch eine Ausstrahlung hatte, da&amp;szlig; er die Texte praktisch selbst schrieb. Aber man hatte ja gar kein Geld! Nur als Reserve dieses l&amp;auml;ngliche, mit Pfennigen gef&amp;uuml;llte Glas im Flur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weil wir Angst hatten, das alles alleine zu ertragen, fiel es uns so schwer, uns zu trennen, obwohl wir uns so viel stritten. Ich tr&amp;auml;umte von anderen M&amp;auml;dchen und sie ging fremd, so war die Arbeitsteilung. Das hat eine langj&amp;auml;hrige Phobie begr&amp;uuml;ndet, in Beziehungen den richtigen Moment zu verpassen und, weil man aus Angst vor Endg&amp;uuml;ltigkeiten zu lange gewartet hat, l&amp;auml;nger als n&amp;ouml;tig zusammenzubleiben. Aber man wu&amp;szlig;te ja nicht, ob es sich nicht sp&amp;auml;ter noch auszahlen k&amp;ouml;nnte, mit 80 ist es doch sch&amp;ouml;n, denselben Menschen 60 Jahre an seiner Seite gehabt zu haben. Aber woran soll man mit 20 erkennen, welcher Mensch das sein k&amp;ouml;nnte? Ist daf&amp;uuml;r ein Instinkt zust&amp;auml;ndig, den wir zwar haben, der sich aber so selten zeigt, wie der Halleysche Komet? Wie soll man ihn dann erkennen? Vielleicht hat man ihn ja nicht bemerkt und immer mit normalem Seitenstechen verwechselt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wei&amp;szlig; nur eins, ich will mit 70 auch Graupensuppe kochen f&amp;uuml;r meine Frau und unsere Skatrunde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;B&gt;Seite 347-367&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
Und, wie es jetzt Neulinge gibt, die in der Gesellschaft auftauchen und die Alten mit ihrer Unkenntnis der Geschichte dieser Kreise schockieren, so ist auch Marcel als junger Mann einmal in den Salons aufgetaucht und wu&amp;szlig;te von nichts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Alter vergi&amp;szlig;t man aber sowieso immer mehr und wird dadurch fast milde, auch wenn man immer bitter gewesen war. Man erinnert sich nicht mehr genau, ob man mit jemandem seit zehn Jahren nicht mehr spricht, oder ob man sich das nur einbildet. Und der Tod wird "&lt;I&gt;quasi gesellschaftsf&amp;auml;hig&lt;/I&gt;" und zu einem Zwischenfall "&lt;I&gt;der eine Person mehr oder weniger deutlich charakterisierte&lt;/I&gt;". Man sagt dann "&lt;I&gt;der Soundso ist ja tot&lt;/I&gt;", wie man sagen w&amp;uuml;rde: "&lt;I&gt;Er verbringt den Winter im S&amp;uuml;den.&lt;/I&gt;" Es ist &amp;uuml;berhaupt bei Menschen, die man l&amp;auml;nger aus den Augen verloren hat, schwer zu entscheiden, ob es sich um "&lt;I&gt;Krankheit, Abwesenheit, Zur&amp;uuml;ckgezogenheit auf dem Lande oder Tod&lt;/I&gt;" handelt. Der Tod der anderen ist f&amp;uuml;r viele das einzige Mittel, "&lt;I&gt;auf angenehme Weise ein Bewu&amp;szlig;tsein ihres eigenen Lebens zu erhalten.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grimmige Pointe unserer Existenz, Marcel erkennt "&lt;I&gt;eine dicke Dame&lt;/I&gt;" nicht gleich, die ihn begr&amp;uuml;&amp;szlig;t und legt deshalb &amp;uuml;bertriebene Liebensw&amp;uuml;rdigkeit in sein L&amp;auml;cheln, w&amp;auml;hrend er auf ihrem Gesicht nach ihrem m&amp;ouml;glichen Namen forscht. Dabei ist es Gilberte, seine Jugendliebe!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verstorben: - Marquise d'Arpajon.&lt;br /&gt;
- Gr&amp;auml;fin d'Arpajon.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unklares Inventar: - Ein Aufbruch "&lt;I&gt;&amp;agrave; l'anglaise&lt;/I&gt;".&lt;br /&gt;
- Mounet-Sully, Coquelin, Henry Bidou, General Townsend, General Goringer.&lt;br /&gt;
- Bellonen.&lt;br /&gt;
- Der Graben der Madame de S&amp;eacute;vign&amp;eacute;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlorene Praxis: - Aus den in der Gesellschaft vollzogenen Wandlungen Wahrheiten entnehmen, die w&amp;uuml;rdig sind, einen Teil seines Werkes zu untermauern.&lt;br /&gt;
- Seine vordem s&amp;auml;uerliche Natur mit dem Zucker der G&amp;uuml;te versetzen.&lt;br /&gt;
- Im Fluge eine Bemerkung erhaschen, die der andere gemacht hat, ohne daran zu denken.&lt;br /&gt;
- Sich, sobald eine Person der eigenen Altersklasse abgelebt ist, vorkommen, als habe man bei einem Wettbewerb &amp;uuml;ber einen seiner beachtlichsten Konkurrenten den Sieg davongetragen.&lt;br /&gt;
- Sich nicht mehr erinnern k&amp;ouml;nnen, ob es fr&amp;uuml;her einmal nach einer Gesellschaft, auf der R&amp;uuml;ckfahrt im Wagen, mit jemandem zu einem Z&amp;auml;rtlichkeitsaustausch gekommen war oder nicht.&lt;br /&gt;
- Seitdem man nur noch f&amp;uuml;r geistige Dinge lebt, gern sein Wissen zur Schau stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katalog kommunikativer Knackpunkte: - Beim vorzeitigen Aufbrechen aus einem Musikst&amp;uuml;ck "&lt;I&gt;die mimische Verzweiflung &amp;uuml;ber eine Trennung zur Schau&lt;/I&gt;" tragen, die nicht endg&amp;uuml;ltig sein wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbst&amp;auml;ndig lebensf&amp;auml;hige Sentenz: - "&lt;I&gt;...denn jeder Sterbefall bedeutet f&amp;uuml;r die anderen eine Vereinfachung ihrer Existenz, er nimmt einem alle Skrupel wegen des Erzeigens von Dankbarkeit ab und hebt den Zwang zum Besuchemachen auf.&lt;/I&gt;"</description>
      <pubDate>Tue, 23 Jan 2007 22:50:58 GMT</pubDate>
      <guid>http://vertr.antville.org/stories/1556620/</guid>
      <dc:creator>jochenheißtschonwer</dc:creator>
      <dc:date>2007-01-23T22:50:58Z</dc:date>
    </item>
    <item>
      <title>Berlin - VII Die wiedergefundene Zeit - Seite 327-347</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1555539/</link>
      <description>Mit Achtzehnj&amp;auml;hrigen habe ich keine gemeinsame Sprache mehr. Wenn ich sie verstehen will, mu&amp;szlig; ich mich ihrer Welt n&amp;auml;hern, wie ein Ethnologe. Wie mu&amp;szlig; ich mir eine heutige Achtzehnj&amp;auml;hrige vorstellen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie guckt bei M&amp;auml;nnern auf die Nase, die Schuhe und die H&amp;auml;nde.&lt;br /&gt;
Sie stellt Kassetten zusammen mit guten Liedern, Lieblingsliedern und Risikoliedern. Aber dann traut sie sich nicht, sie dem Jungen zu geben und h&amp;ouml;rt sie selber, w&amp;auml;hrend sie ihn von weitem beobachtet.&lt;br /&gt;
Sie w&amp;auml;re gerne d&amp;uuml;nner, weil sie von starken Armen in die Luft gehoben und einmal im Kreis geschleudert werden will. Aber eigentlich behauptet sie das nur, weil sie wei&amp;szlig;, da&amp;szlig; es ein Klischee ist.&lt;br /&gt;
Sie schreibt Aufs&amp;auml;tze, bei denen der Lehrer viele Haken setzt, aber die meisten davon in Klammern.&lt;br /&gt;
Sie findet es komisch, wenn ihr Name in ganz normale S&amp;auml;tze eingebunden wird, die an sie gerichtet sind.&lt;br /&gt;
Sie fragt sich, ob man auf dem Schlagzeug einen traurigen Rhythmus spielen kann.&lt;br /&gt;
Sie macht Abitur und h&amp;auml;lt im Kunst-Leistungskurs ein Referat &amp;uuml;ber ostasiatische Landschaftsmalerei.&lt;br /&gt;
Sie will sich, wenn sie bestimmten M&amp;auml;nnern begegnet, heimlich auf den Boden legen, um nicht zu kollabieren.&lt;br /&gt;
Sie stellt sich dann immer im Profil auf, weil sie so am besten aussieht.&lt;br /&gt;
Sie klopft sich die Schuhe ab, bevor sie in den Bus steigt und sagt dem Busfahrer Guten Morgen.&lt;br /&gt;
Sie hat zum zehnten Geburtstag in einer Blindenbar ein selbstgeschriebenes Gedicht aufgesagt.&lt;br /&gt;
Sie mag keine Schauspieler mit klobigen Nasen.&lt;br /&gt;
Sie lernt Gitarre, weil sie in einen Jungen verliebt ist, der auch Gitarre kann. Sie wird von ihm entt&amp;auml;uscht und verliebt sich in ihren Gitarrenlehrer, der die moderne Gesellschaft ha&amp;szlig;t und sich in ihre beste Freundin verliebt, die ein gro&amp;szlig;es Klaviertalent ist.&lt;br /&gt;
Sie will am liebsten Comic-Zeichnerin werden und mag Donald Duck, aber nur von Carl Barks gezeichnet.&lt;br /&gt;
Sie kann beim Joggen keine Musik h&amp;ouml;ren, nur "Drei Fragezeichen", weil sie sonst immer zu atmen vergi&amp;szlig;t.&lt;br /&gt;
Sie trifft nach langer Zeit ihre alten Freundinnen wieder, wundert sich, da&amp;szlig; sie sie immer noch m&amp;ouml;gen und versch&amp;uuml;ttet aus Versehen ihren Saft &amp;uuml;ber einem Laptop.&lt;br /&gt;
Sie will ein bi&amp;szlig;chen ungl&amp;uuml;cklich sein.&lt;br /&gt;
Sie kennt das letzte Bild von Candy Darling.&lt;br /&gt;
Sie findet, da&amp;szlig; Mawil immer nur nackte Frauen mit kleinen Br&amp;uuml;sten zeichnet.&lt;br /&gt;
Sie mag keine Comics mit sprechenden Tieren.&lt;br /&gt;
Sie ist genervt, wenn ihre Schwester st&amp;auml;ndig K&amp;ouml;nig der L&amp;ouml;wen singt.&lt;br /&gt;
Sie findet es sch&amp;ouml;n, da&amp;szlig; ihre Freundinnen sich daran erinnern, da&amp;szlig; sie keine Paprika mag.&lt;br /&gt;
Sie mag als einzige den "M&amp;ouml;nch am Meer" von Caspar David Friedrich nicht.&lt;br /&gt;
Sie ist genervt, wenn ihr Banknachbar bei "Analysis" immer kichern mu&amp;szlig;.&lt;br /&gt;
Sie l&amp;auml;uft am Strand einem wildfremden Jungen hinterher, weil er aussieht wie Jim Morrison und teilt ihm mit, da&amp;szlig; sie ihn im Laufe dieser Woche noch k&amp;uuml;ssen will.&lt;br /&gt;
Sie bekommt manchmal Angst, wenn ein Junge, in den sie eigentlich verliebt war, ihr pl&amp;ouml;tzlich vorkommt wie von einem anderen Planeten.&lt;br /&gt;
Sie mag keine Milch, keinen Pfeffer und bei Joghurt nur solchen mit gelben Fr&amp;uuml;chten.&lt;br /&gt;
Sie schreibt eine Facharbeit &amp;uuml;ber die Rezeption der Psychoanalyse bei David Lynch.&lt;br /&gt;
Sie wird ohnm&amp;auml;chtig, wenn sie Blut sieht, auch im Theater. Die anderen Zuschauer denken dann, sie schl&amp;auml;ft.&lt;br /&gt;
Sie w&amp;uuml;nscht sich, da&amp;szlig; jemand ihr ein Minnelied schreibt.&lt;br /&gt;
Sie putzt ihr Bad und h&amp;ouml;rt dabei ein H&amp;ouml;rbuch &amp;uuml;ber Timothy Leary.&lt;br /&gt;
Sie spielt Bomberman auf dem Gameboy.&lt;br /&gt;
Sie weint, wenn sie &amp;Auml;rzten von ihren k&amp;ouml;rperlichen Leiden erz&amp;auml;hlen muss.&lt;br /&gt;
Sie zuckt beunruhigend mit den H&amp;auml;nden, weil sie immer eine bestimmte Tonfolge im Kopf hat, die sie mit den Fingern nachspielt.&lt;br /&gt;
Sie fragt sich, warum sie so gerne andere Menschen &amp;auml;rgert.&lt;br /&gt;
Sie hat als einzige in ihrem Bekanntenkreis keinen F&amp;uuml;hrerschein.&lt;br /&gt;
Sie hat einen kleinen Bruder, der das M&amp;auml;dchen, in das er verliebt ist, beim Spazierengehen vor jedem Bordstein hochhebt und unten absetzt, das M&amp;auml;dchen findet deshalb, er sei eine Klette, und sie mu&amp;szlig; ihren Bruder tr&amp;ouml;sten.&lt;br /&gt;
Sie gibt einem M&amp;auml;dchen, das ihr immer von ihrem Pferd und dem Reitstall erz&amp;auml;hlen will, Nachhilfe in Franz&amp;ouml;sisch.&lt;br /&gt;
Sie kann sich nicht mehr erinnern, wie es war, zum ersten mal mit einem Jungen zu schlafen.&lt;br /&gt;
Sie besucht jeden Mittwoch ihre Oma, bringt ihr eine &amp;Uuml;berraschung mit und liest ihr aus der Biographie von G&amp;uuml;nther Grass vor, wobei sie sich &amp;uuml;ber dessen Stil &amp;auml;rgert. Ihre Oma legt ihr immer einen Schokoladentaler auf einen Teller, den sie ihr aufgehoben hat, obwohl sie Schokolade selber so gerne mag. Sie sieht genauso aus wie ihre Oma.&lt;br /&gt;
Wenn sie verliebt ist, stellt sie sich vor, wie sie unter seinem Bett liegt, und die Unterseite vom Lattenrost beim Einatmen ganz leicht ihren Bauch ber&amp;uuml;hrt.&lt;br /&gt;
Sie hatte mit zw&amp;ouml;lf viele Pickel, die ihr Vater, um sie zu tr&amp;ouml;sten, mit Photoshop retuschiert hat.&lt;br /&gt;
Sie behauptet riechen zu k&amp;ouml;nnen, wenn im Essen Salz fehlt.&lt;br /&gt;
Sie kann nicht mit Geld umgehen.&lt;br /&gt;
Sie fragt sich, warum niemand mehr mit F&amp;uuml;ller schreibt.&lt;br /&gt;
Wenn sie jemanden treffen will, gibt es einen Orkan, und sie kann nicht aus dem Haus.&lt;br /&gt;
Sie bekommt seine Adresse heraus, schleicht in sein Treppenhaus und betrachtet seine T&amp;uuml;r, um zu sehen, durch was f&amp;uuml;r ein Treppenhaus er l&amp;auml;uft und was er dabei denkt.&lt;br /&gt;
Sie tauscht in Gespr&amp;auml;chen gerne unauff&amp;auml;llig die Position, damit sie sieht, was der andere die ganze Zeit in seinem Blickfeld hatte.&lt;br /&gt;
Sie wirft gerne die Frage: "Hat jemand eine kleine Patrone?", in den Raum, obwohl sie wei&amp;szlig;, da&amp;szlig; inzwischen alle mit Kuli schreiben.&lt;br /&gt;
Sie mag es, wenn in der Oper f&amp;uuml;nfstimmig gesungen wird.&lt;br /&gt;
Sie spricht in Comicl&amp;auml;den immer den Typen an, der keine Ahnung hat und sie zu dem anderen schickt, der aber gerade nicht da ist. Wenn der, der Ahnung hat, da ist, spricht sie trotzdem zuerst immer den an, der keine Ahnung hat.&lt;br /&gt;
Sie w&amp;uuml;rde gerne eine &amp;Auml;rztin werden, zu der sie auch selbst gerne hingehen w&amp;uuml;rde.&lt;br /&gt;
Sie findet Trenchcoats weiblich und meint, da&amp;szlig; es wegen Audrey Hepburn eigentlich "die Trenchcoat" hei&amp;szlig;en m&amp;uuml;&amp;szlig;te.&lt;br /&gt;
Sie w&amp;uuml;rde f&amp;uuml;r den Mann, den sie liebt, alles anziehen, sogar ihr Skelettkost&amp;uuml;m, f&amp;uuml;r das sich noch nie eine Gelegenheit gefunden hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;B&gt;Seite 327-347&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
Mit den Jahren treten Familienz&amp;uuml;ge in den Gesichtern jedes Menschen hervor, als h&amp;auml;tten sie bis dahin unsichtbar in seinem Inneren gekeimt. So bekommt manche mit 50 die gekr&amp;uuml;mmte Nase der Mutter, die Haut der Bankierstochter f&amp;auml;rbt sich kupfern, wie ein Widerschein des Goldes, das durch die H&amp;auml;nde ihres Vaters gegangen ist, oder die Z&amp;uuml;ge passen sich dem Stadtviertel an, in dem man lebt. Wie w&amp;uuml;rde man dann nach 40 Jahren Prenzlauer Berg aussehen? Hoffentlich nicht wie Wolfgang Thierse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ist die Gesellschaft ohne Ged&amp;auml;chtnis? An ihr kompliziertes Beziehungsgeflecht erinnert sich nur noch Marcel. Die Identit&amp;auml;t der Guermantes ist nicht mehr immun gegen "&lt;I&gt;tausend Fremdk&amp;ouml;rper&lt;/I&gt;", "&lt;I&gt;unversch&amp;auml;mte Domestiken&lt;/I&gt;" dringen in die Salons ein und trinken dort ihre Orangeade. Das Gef&amp;uuml;hl, da&amp;szlig; ein Teil seiner Vergangenheit vollst&amp;auml;ndig vernichtet ist, bekommt Marcel "&lt;I&gt;durch die v&amp;ouml;llige Aufl&amp;ouml;sung der Kenntnis jener tausend Gr&amp;uuml;nde, jener tausend Nuancen [..] um derentwillen dieser oder jener, der sich dort jetzt noch befand, ganz naturgegeben an seinem Platze schien, w&amp;auml;hrend ein anderer, der sich Ellbogen an Ellbogen mit ihm bewegte, wie eine h&amp;ouml;chst fragw&amp;uuml;rdige Neuerscheinung wirkte.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
T&amp;auml;glich sterben weitere der letzten Kenner der Genealogie, die noch wissen, wie verachtet jemand war, der heute hoch gesch&amp;auml;tzt wird, und welche viel h&amp;ouml;here Stellung als dieser der verstorbene Swann einst hatte. Marcel kann zwar mit einer jungen, verst&amp;auml;ndigen Frau plaudern, aber sie k&amp;ouml;nnen nichts mit den Namen anfangen, die der andere anf&amp;uuml;hrt. Ihm wird durch "&lt;I&gt;...die Unm&amp;ouml;glichkeit der Verst&amp;auml;ndigung, die sich im Gespr&amp;auml;ch mit der jungen Frau aus der Tatsache ergab, da&amp;szlig; wir in einer bestimmten Gesellschaft mit einem Abstand von f&amp;uuml;nfundzwanzig Jahren gelebt hatten, ein wirklicher Eindruck des Historischen zuteil, ja es h&amp;auml;tte dadurch der Sinn f&amp;uuml;r Geschichte in mir gefestigt werden k&amp;ouml;nnen.&lt;/I&gt;" Eine Erfahrung, die man durch die Wende in ungew&amp;ouml;hnlich jungen Jahren gemacht hat, da man mit der Frau vielleicht nicht f&amp;uuml;nfundzwanzig Jahre auseinander gelebt hat, aber f&amp;uuml;nfundzwanzig Kilometer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verstorben: - Prinzessin von Guermantes.&lt;br /&gt;
- Monsieur Verdurin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlorene Praxis: - Wie manche Dichter, die die Inspiration packt, seine Umgebung v&amp;ouml;llig vergessen und in Gesellschaft an seinem Werk weiterschaffen, und, w&amp;auml;hrend man "&lt;I&gt;am Arm einer etwas erstaunt blickenden Dame zu Tisch&lt;/I&gt;" schreitet, "&lt;I&gt;die Brauen runzeln und Grimassen schneiden.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
- Eine Dame sein, zu der der steilste soziale Aufstieg hinauff&amp;uuml;hrt.&lt;br /&gt;
- Sein Gesicht durch den Zug von Mechanisierung, den ein Monokel darin einf&amp;uuml;hrt, allen den schwierigen Verpflichtungen entziehen, denen ein menschliches Antlitz sonst untersteht.&lt;br /&gt;
- Sich hinter seinem Monokel verschanzen, als sei es die Scheibe im Fenster einer elegant gefederten Kutsche.&lt;br /&gt;
- Einen Salon f&amp;uuml;hren, dessen Besucher sich auf eine einzige Person beschr&amp;auml;nken.&lt;br /&gt;
- Gegen jemanden, der sich einem gegen&amp;uuml;ber mit hartn&amp;auml;ckiger Unversch&amp;auml;mtheit betr&amp;auml;gt, als eine Art von Repressalie eine beleidigende Haltung einnehmen.</description>
      <pubDate>Mon, 22 Jan 2007 20:41:10 GMT</pubDate>
      <guid>http://vertr.antville.org/stories/1555539/</guid>
      <dc:creator>jochenheißtschonwer</dc:creator>
      <dc:date>2007-01-22T20:41:10Z</dc:date>
    </item>
    <item>
      <title>Berlin - VII Die wiedergefundene Zeit - Seite 307-327</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1554651/</link>
      <description>Ach, wie sch&amp;ouml;n ist es manchmal, kein Niemand mehr zu sein, der nicht erkl&amp;auml;ren kann, was er mal machen will, obwohl er sich schon als etwas besonderes f&amp;uuml;hlt. Damals hat man auf die Frage, was man mache, trotzig: "Nichts!" geantwortet, schlie&amp;szlig;lich w&amp;auml;re jede konkrete Antwort eine Einengung der Anspr&amp;uuml;che gewesen, &amp;uuml;berhaupt war es verp&amp;ouml;nt, Menschen danach zu beurteilen, was sie machten, es ging doch darum, was sie waren. Trotzdem gebe ich nur in Ausnahmef&amp;auml;llen zu, da&amp;szlig; ich Autor bin, weil das f&amp;uuml;r viele einen erb&amp;auml;rmlichen Beigeschmack hat. Das sch&amp;ouml;nste am Beruf ist aber, wenn sich einem T&amp;uuml;ren f&amp;uuml;r Projekte &amp;ouml;ffnen, weil man sozusagen seine Qualifikation schon nachgewiesen hat. Heute war ich bei Mawil, um mit ihm eine meiner Kurzgeschichten als Comic-Szenario umzuschreiben, er will sie zeichnen. Sie hei&amp;szlig;t "Und einen Fetzer", es geht darin um die Ferienlagerzeit. So ein Comic-Strip nach einem Text von mir w&amp;auml;re f&amp;uuml;r mich ein Traum, fast wie ein erster eigener Film. Wie man sich bei der Arbeit freut, wenn man genau den Tonfall eines Satzes findet, wie er in einer bestimmten Situation damals gefallen w&amp;auml;re! Zum Beispiel beim Tischtennis, wenn ein M&amp;auml;dchen sagt: "Pa&amp;szlig; uff, der schmettert!" Es gibt beim Schreiben immer nur genau eine richtige L&amp;ouml;sung und seltsamerweise kann man sie sich nicht ausdenken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mawil wohnt um die Ecke, in einer Stra&amp;szlig;e, in der ich im September/Oktober '89 gewohnt habe. Meine Wohnung hatte damals nur eine K&amp;uuml;che und ein Zimmer, aber mir erscheint das heute immer noch ideal. Ich hatte alles vollgebaut mit dadaistischen M&amp;uuml;ll-Objekten, weil man seine Besucher mit Kreativit&amp;auml;t beeindrucken wollte. Inzwischen wei&amp;szlig; ich, wie schwer ich mich von Sachen trenne und verzichte lieber gleich darauf, sie mir hinzustellen. Bei anderen gef&amp;auml;llt mir die &amp;Uuml;berladenheit aber, es ist sch&amp;ouml;n, wenn die Wohnung zusammengebastelt wirkt und hinter jedem Detail ein Gedanke steckt. Bei Mawil sieht es aus, wie in einem Kinderzimmer f&amp;uuml;r Erwachsene, man hat in solchen Wohnungen gleich das Gef&amp;uuml;hl, in Sicherheit zu sein. &amp;Uuml;berall h&amp;auml;ngt irgendetwas Spannendes, man br&amp;auml;uchte lange, um &amp;uuml;berhaupt alles zu &amp;uuml;berblicken, dabei sind es kaum 35 qm. Der Monsator-Durchlauferhitzer und die Gamat-Gasheizung sind noch aus der DDR, der Sp&amp;uuml;lschrank hat diese beiden schwarzen, konischen, eng zusammenstehenden Kn&amp;ouml;pfe zum &amp;Ouml;ffnen, und er quietscht beim &amp;Ouml;ffnen, das Ger&amp;auml;usch hatte ich schon vergessen, weil mein IKEA-Schrank Schiebet&amp;uuml;ren hat. Das Plakat einer tschechischen Band "Jiri Brabec &amp;amp; his Country Beat", genau der Typ Ost-Musiker, die mit ihren Schnurrb&amp;auml;rten f&amp;uuml;r uns schon damals so uralt aussahen, da&amp;szlig; man sich vor ihrer Musik gruselte. Inzwischen ist man vielleicht sogar schon &amp;auml;lter als sie. Ein Plakat "Oznaki turysticzno krajoznawcze". Ein mit Lichterkette beleuchteter Plattenspielerschrein mit Mini-Diskokugel. F&amp;uuml;r die Stifte ein kleines Papp-T&amp;ouml;nnchen, die Verpackung von "Luckanum-Einfa&amp;szlig;band &amp;#8211; selbstklebend gummiert" vom VEB Isofol Leipzig/Lucka.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eigenartig, gerade gestern war ich auf der Party einer Ex-Freundin, auch im Prenzlauer Berg, und diese WG-Wohnung, in der sich fast nur ehemalige Westdeutsche aufhielten, gehorchte genau der entgegengesetzten &amp;Auml;sthetik, es gab nichts &amp;Uuml;berfl&amp;uuml;ssiges, die W&amp;auml;nde waren wei&amp;szlig; und man w&amp;auml;re beim Putzen gut in die Ecken gekommen, weil nichts herumstand. Eine l&amp;auml;ngliche DDR-Plattenschrank-Kommode pa&amp;szlig;te gut zu den sparsam verteilten Design-M&amp;ouml;beln. Ich w&amp;uuml;&amp;szlig;te nicht, wie ich lieber wohnen wollte, in der Leere oder in der F&amp;uuml;lle? Es w&amp;auml;re sowieso sch&amp;ouml;ner, wenn man Swinger-Wohnen betreiben w&amp;uuml;rde, also immer f&amp;uuml;r eine Weile mit anderen die Wohnungen tauschte. In fremden Wohnungen st&amp;ouml;rt es einen nicht, wenn alles mit Erinnerungsst&amp;uuml;cke &amp;uuml;berladen ist, es sind ja nicht die eigenen, man mu&amp;szlig; bei nichts entscheiden, ob es weg sollte. Vielleicht k&amp;ouml;nnte man auf dieselbe Art auch zeitweise den Beruf tauschen, wenn es nicht der eigene ist, kann man vielleicht eher damit leben. Oder sogar den K&amp;ouml;rper?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;B&gt;Seite 307-327&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
Marcel ist weiter auf dieser f&amp;uuml;r ihn so gespenstischen Matin&amp;eacute;e beim Prinzen von Guermantes, wo den Anwesenden "&lt;I&gt;das Alter Sohlen aus Blei angeheftet hatte.&lt;/I&gt;" Sie stehen vor ihm, wie Bildnisse auf einer Portr&amp;auml;tausstellung, zu denen man sagt: "&lt;I&gt;Nein, nicht dieses hier, da sind Sie weniger gut getroffen, das sind Sie ja gar nicht.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Herren scheinen nach einem Schlaganfall zu hinken, als st&amp;uuml;nden sie tats&amp;auml;chlich, wie man sagt, mit einem Fu&amp;szlig; im Grab, und "&lt;I&gt;...w&amp;auml;hrend das ihre ebenfalls schon halb ge&amp;ouml;ffnet vor ihnen lag, schienen gewisse halbgel&amp;auml;hmte Frauen nicht mehr v&amp;ouml;llig ihr bereits am Grabstein h&amp;auml;ngengebliebenes Kleid losmachen zu k&amp;ouml;nnen; sie vermochten sich nicht mehr gerade aufzurichten.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sieht M&amp;auml;nner, und "&lt;I&gt;...ihre best&amp;auml;ndig bebenden Lippen schienen Sterbegebete zu murmeln...&lt;/I&gt;" Und Frauen, bei denen man sich fragte, wie das Leben diese Ver&amp;auml;nderungen an lebendigem Fleisch hatte vornehmen k&amp;ouml;nnen? Um eine "&lt;I&gt;leichtf&amp;uuml;&amp;szlig;ige Blondine&lt;/I&gt;" durch "&lt;I&gt;einen beleibten Dragoner&lt;/I&gt;" zu ersetzen, "&lt;I&gt;hatte es gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Zerst&amp;ouml;rungen und Neubauten vornehmen m&amp;uuml;ssen, als wenn man einen schlanken Kirchturm durch eine Kuppel ersetzt.&lt;/I&gt;" Es ist einfach nicht zu begreifen, wie jemand so alt geworden sein kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immerhin gibt es f&amp;uuml;r manche die Chance einer zweiten Sch&amp;ouml;nheit, so wie man auch sp&amp;auml;t ein neues Handwerk lernen k&amp;ouml;nne, oder "&lt;I&gt;Boden, der zum Weinbau nicht mehr taugt, R&amp;uuml;ben abgewinnt.&lt;/I&gt;" Aber sie eigne sich nicht f&amp;uuml;r zu h&amp;auml;&amp;szlig;liche oder zu sch&amp;ouml;ne Frauen. Bei zu sch&amp;ouml;nen Frauen ist das Gesicht wie eine Marmorskulptur ein f&amp;uuml;r allemal festgelegt und kann sich nur abnutzen. Zu h&amp;auml;&amp;szlig;liche Frauen aber "&lt;I&gt;waren Monstren und schienen sich nicht st&amp;auml;rker 'ver&amp;auml;ndert' zu haben, als es Walfische tun.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heldenhaft und ohne zu ermatten k&amp;auml;mpfen alle diese Frauen gegen das Alter "&lt;I&gt;und boten der Sch&amp;ouml;nheit, die sich von ihnen entfernte wie ein Sonnenuntergang, dessen letzte Strahlen sie leidenschaftlich noch bewahren wollten, den Spiegel ihres Antlitzes dar.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unklares Inventar: - Sekondeleutnant.&lt;br /&gt;
- Fregoli, ein Mime.&lt;br /&gt;
- Panamaschieber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlorene Praxis: - Eine reiche Heirat machen, dank der man Kampf oder Ostentation nicht mehr n&amp;ouml;tig hat.&lt;br /&gt;
- Dadurch, da&amp;szlig; man allm&amp;auml;hlich andere Werte als diejenigen erwirbt, an die man in einer frivolen Jugend ausschlie&amp;szlig;lich geglaubt hat, seinen Charakter aus seiner Verkrampfung l&amp;ouml;sen und seine Vorz&amp;uuml;ge wirksam herauskehren k&amp;ouml;nnen.&lt;br /&gt;
- Gleich einer schwerf&amp;auml;lligen Schwimmerin, die das Ufer nur noch in gro&amp;szlig;er Entfernung erkennt mit M&amp;uuml;hen die Wellen der Zeit zerteilen, die &amp;uuml;ber einen hinwegfluten.&lt;br /&gt;
- Als Besucher einer Elektrizit&amp;auml;tsausstellung nicht glauben k&amp;ouml;nnen, da&amp;szlig; der Phonograph sogar die unmittelbar aufgenommene Stimme einer Person unver&amp;auml;ndert wiedergibt.&lt;br /&gt;
- Sich aus Kummer &amp;uuml;ber den Tod des Vaters ein Jahr in einem Sanatorium aufhalten und anschlie&amp;szlig;end versuchen, den Zweisp&amp;auml;nner dieses &amp;uuml;berlegenen Mannes einem historischen Museum zum Geschenk zu machen.&lt;br /&gt;
- Einem Herrn, um ihn zu dem&amp;uuml;tigen, als Sekundanten seinen Hausmeister oder seinen Butler schicken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katalog kommunikativer Knackpunkte: - Beim Zur&amp;uuml;ckgr&amp;uuml;&amp;szlig;en nicht hindern k&amp;ouml;nnen, da&amp;szlig; sich das geistige Bem&amp;uuml;hen auf dem Gesicht zeigt, mit dem man zwischen drei oder vier Personen zu entscheiden versucht, wessen Gru&amp;szlig; man da erwidert.</description>
      <pubDate>Sun, 21 Jan 2007 17:54:59 GMT</pubDate>
      <guid>http://vertr.antville.org/stories/1554651/</guid>
      <dc:creator>jochenheißtschonwer</dc:creator>
      <dc:date>2007-01-21T17:54:59Z</dc:date>
    </item>
    <item>
      <title>Berlin - VII Die wiedergefundene Zeit - Seite 287-307</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1554255/</link>
      <description>Man sollte sich nicht zu sehr auf etwas freuen, hinterher f&amp;auml;llt man in ein Loch. Die Freude auf das heutige Fu&amp;szlig;ballspiel mit den Autoren hat mich eine Woche lang angetrieben, aber das Spiel war schrecklich, mein Fu&amp;szlig; ist seit 7 Wochen entz&amp;uuml;ndet, ich m&amp;uuml;&amp;szlig;te wohl einmal eine Weile aussetzen, oder wie Sebastian Deisler gleich die Konsequenzen ziehen und meinen R&amp;uuml;cktritt erkl&amp;auml;ren, wenn Fu&amp;szlig;ball zur Qual wird. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt ist die Laune schwarz, wobei ich mich frage, ob es sein kann, da&amp;szlig; ich ein Wellental erreicht habe, denn dann h&amp;auml;tte ich ja vorher etwas von einem Hoch bemerken m&amp;uuml;ssen. Oder war das Hoch schon der gestrige Auftritt bei der Lokalrunde im Admiralspalast? Kann ich schon nur noch bei Auftritten Euphorie empfinden? Aber es war nat&amp;uuml;rlich sehr intensiv. Hinterher hat mich z.B. eine Zuschauerin daran erinnert, da&amp;szlig; die Frau in Schnitzlers "Traumnovelle" Albertine hei&amp;szlig;t. Daf&amp;uuml;r wu&amp;szlig;te ich, da&amp;szlig; die Donau in der N&amp;auml;he ihrer Heimatstadt Villingen entspringt, wir hatten n&amp;auml;mlich auch zwei Stunden BRD im Geographie-Unterricht. Mir kam die Idee, einen Text dar&amp;uuml;ber zu schreiben, da&amp;szlig; ich noch nie Paddeln war, obwohl ich mir einmal eine wasserfeste Wasserkarte f&amp;uuml;r die DDR gekauft habe und schon die Strecke herausgeguckt hatte, um bis nach Masuren zu kommen, aber meine damalige Freundin hatte Angst vor den M&amp;uuml;cken. Ich habe weiter an meinem Forschungsprojekt "Geheimnisse der Frauen" gearbeitet und von drei Zuschauerinnen erfahren, da&amp;szlig; Tomaten &amp;Auml;pfel schneller reifen lassen. Damit ergibt sich eine interessante Kette, da ja, wie ich inzwischen wei&amp;szlig;, &amp;Auml;pfel Avocados schneller reifen lassen. Wenn man jetzt Avocados z&amp;uuml;chten w&amp;uuml;rde, die Tomaten schneller reifen lassen, h&amp;auml;tte man wieder einen Schritt zum Perpetuum mobile gemacht. Jemand sagte, "in dem Punkt bin ich altmodisch", weil er, wenn seine Freundin ihn f&amp;uuml;r einen anderen verlassen w&amp;uuml;rde, sie und sich erschie&amp;szlig;en w&amp;uuml;rde. Aber dann war das nur eine Szene aus einem franz&amp;ouml;sischen Film mit&amp;#8230; Romy Schneider! W&amp;auml;hrend ich diese Gespr&amp;auml;che f&amp;uuml;hrte, reifte in mir die Idee f&amp;uuml;r einen Chaussee-Text &amp;uuml;ber die richtige lateinische Wortbetonung. "Warum machst du Latein?" "Ich brauch das f&amp;uuml;r mein Ego". Allerdings mu&amp;szlig; man "Ego" korrekt, also mit kurzem "E" aussprechen, dann finde ich den Dialog komisch. Ein Text des Kollegen Tube brachte mich auf eine gro&amp;szlig;artige Gesch&amp;auml;ftsidee, man legt einfach morgens lauter H&amp;uuml;te vor verschiedenen Statuen in der Innenstadt, und die Touristen, die die Statuen mit verkleideten Stillhaltek&amp;uuml;nstlern verwechseln, werfen ihr Geld hinein. Niemand w&amp;uuml;rde die H&amp;uuml;te klauen, man mu&amp;szlig; abends einfach nur das Geld wieder einsammeln gehen. Es d&amp;uuml;rfte sogar so viel dabei herauskommen, da&amp;szlig; man f&amp;uuml;r diese Arbeit jemanden anstellen k&amp;ouml;nnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Blick vom Hof des Admiralspalasts auf den S-Bahn-Bogen war dann &amp;uuml;berraschend sch&amp;ouml;n, weil die Perspektive ungewohnt war. Gleich um die Ecke habe ich fr&amp;uuml;her immer auf die Stra&amp;szlig;enbahn Nr.22 gewartet, dort sind jetzt nur noch ein paar Gleisreste. Das Ger&amp;auml;usch der um die Kurve biegenden S-Bahn war tr&amp;ouml;stlich, es ist sch&amp;ouml;n, da&amp;szlig; es noch Ger&amp;auml;te gibt, deren Ger&amp;auml;usche man nicht attraktiver f&amp;uuml;r die jugendlichen Konsumenten machen kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;B&gt;Seite 287-307&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
Zwar hat ihn die k&amp;uuml;nstlerische Erleuchtung ausgerechnet in einem Moment ereilt, als er sich aus der Einsamkeit wieder einmal in die Gesellschaft begeben wollte, aber der genaue Ort dieses Erlebnisses war immerhin eine Bibliothek, soviel Inszenierung mu&amp;szlig; schon sein. Wobei B&amp;uuml;cher ja vielleicht auch nur eine Form gesellschaftlicher Zerstreuung sind. Es hat aber gar keinen Sinn, sich als K&amp;uuml;nstler aus psychohygienischen Gr&amp;uuml;nden von der mond&amp;auml;nen Gesellschaft fernhalten zu wollen, denn sie ist "&lt;I&gt;ebenso au&amp;szlig;erstande, einen mittelm&amp;auml;&amp;szlig;ig zu machen, wie ein heroischer Krieg einen schlechten Dichter zu einem erhabenen macht.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erfahrung, die mich auf meinem Klassentreffen in drei Monaten erwartet, finde ich bei Proust schon beschrieben. Denn jetzt geht er hinab in den Saal zu den alten Bekannten, die er ein paar Jahre nicht gesehen hat. Im ersten Moment denkt er, er sei auf einem Maskenball, und die G&amp;auml;ste h&amp;auml;tten sich wei&amp;szlig;e B&amp;auml;rte umgeh&amp;auml;ngt. Mancher scheint ein Mittel gefunden zu haben, "&lt;I&gt;sein Gesicht mit Runzeln und seine Brauen mit struppigen Haaren zu versehen.&lt;/I&gt;" Monsieur d'Argencourt, Marcels alter Feind, ist "&lt;I&gt;zu einem gar keine Achtung mehr einfl&amp;ouml;&amp;szlig;enden alten Bettler geworfen.&lt;/I&gt;" Er scheint v&amp;ouml;llig verschieden von sich selbst und dabei stand ihm f&amp;uuml;r diese Verwandlung nur seinen K&amp;ouml;rper zur Verf&amp;uuml;gung. "&lt;I&gt;Es war dies offenbar der &amp;auml;u&amp;szlig;erste Punkt, bis zu dem er ihn hatte bringen k&amp;ouml;nnen, ohne daran zu sterben.&lt;/I&gt;" Das ist schon sehr grausam beschrieben, viele Einladungen h&amp;auml;tte Proust nach der Ver&amp;ouml;ffentlichung wohl nicht mehr bekommen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das beunruhigendste an dieser Verwandlung ist aber, da&amp;szlig; man in dem jetzigen Mann den fr&amp;uuml;heren ja immer noch wiedererkennt, und umgekehrt nunmehr auch in dem fr&amp;uuml;heren den jetzigen, weil die M&amp;ouml;glichkeit "&lt;I&gt;dieses an einen trotteligen alten Kleiderh&amp;auml;ndler gemahnenden L&amp;auml;chelns in dem korrekten Gentleman von ehedem schon vorgezeichnet war.&lt;/I&gt;" Wie in einer Kom&amp;ouml;die gibt hier einer die "&lt;I&gt;Inkarnation als possenhafter Todeskandidat&lt;/I&gt;". Und noch ein letztes Wort zu diesem armen Mann, er gleiche einer "&lt;I&gt;molluskenhaften, mehr zuckenden als kriechenden Larve&lt;/I&gt;".&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der eigentliche Schock ist, da&amp;szlig; Marcel selbst von diesen "&lt;I&gt;spukhaften Greisen&lt;/I&gt;" genausowenig gleich erkannt wird. Jetzt, wo er versteht, wieviel Zeit f&amp;uuml;r die anderen vergangen ist, mu&amp;szlig; das gleiche nat&amp;uuml;rlich auch f&amp;uuml;r ihn gelten. Und "&lt;I&gt;wie die Posaunen des J&amp;uuml;ngsten Gerichts&lt;/I&gt;" ber&amp;uuml;hren sein Ohr verst&amp;ouml;rende Bemerkungen. Die Madame de Guermantes nennt ihn "&lt;I&gt;meinen &amp;auml;ltesten Freund&lt;/I&gt;" (ist er denn so alt?) Jemand anders tituliert sich "&lt;I&gt;ihr sehr ergebener junger Freund&lt;/I&gt;". Oder man beruhigt ihn, die Grippe bek&amp;auml;men eher junge Menschen. Das sadistische Siezen sich noch f&amp;uuml;r jugendlich haltender Personen ist ja inzwischen ein Topos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber er ist doch gar nicht &amp;auml;lter geworden! Er meint ja "&lt;I&gt;seit jenem Augenblick nicht weitergelebt zu haben&lt;/I&gt;", als er Bloch "&lt;I&gt;an der Schwelle des Lebens&lt;/I&gt;" kennenlernte. Und wie alt ist Bloch geworden! "&lt;I&gt;Tats&amp;auml;chlich sah ich auf Blochs Gesicht &amp;uuml;bereinandergelagert jene schw&amp;auml;chliche, immer Zustimmung ausdr&amp;uuml;ckende Miene und die zittrigen Kopfbewegungen, die so schnell am Bremspunkt angelangt sind, Z&amp;uuml;ge, die ich als eine geschickt bem&amp;auml;ntelte M&amp;uuml;digkeit liebensw&amp;uuml;rdiger Greise gedeutet haben w&amp;uuml;rde&amp;#8230;&lt;/I&gt;" Man mu&amp;szlig; schon alle, die einen von fr&amp;uuml;her kennen, rechtzeitig umbringen, damit sie nicht wie Spiegel sind, die einem den eigenen Verfall vor Augen f&amp;uuml;hren. Auch seinen Partner sollte man an sich ketten und keine Sekunde allein lassen, damit er blind bleibt f&amp;uuml;r die eigene Ver&amp;auml;nderung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verstorben: - Vater Bloch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlorene Praxis: - Sich an gewisse St&amp;uuml;cke bei Baudelaire zu erinnern suchen.&lt;br /&gt;
- Mangels physischer Mittel, die auf dem Grunde seiner Seele ruhende Schlechtigkeit zum Ausdruck zu bringen, gut erscheinen.</description>
      <pubDate>Sat, 20 Jan 2007 19:37:24 GMT</pubDate>
      <guid>http://vertr.antville.org/stories/1554255/</guid>
      <dc:creator>jochenheißtschonwer</dc:creator>
      <dc:date>2007-01-20T19:37:24Z</dc:date>
    </item>
    <item>
      <title>Berlin - VII Die wiedergefundene Zeit - Seite 267-287</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1553569/</link>
      <description>Mein gieriges Interesse an Krieg und Kriegsfilmen, nat&amp;uuml;rlich habe ich es nur, weil ich nie einen Krieg erleben mu&amp;szlig;te. Menschen, die wirklich so etwas hinter sich haben, sehen sich das lieber nicht an. Im Moment scheint mir, da&amp;szlig; mir auf &amp;auml;hnliche Weise mein Vergn&amp;uuml;gen an franz&amp;ouml;sischen Eifersuchtsdramen schwinden k&amp;ouml;nnte. Meistens spielt darin Romy Schneider eine Frau, der ihr Mann nicht reicht, und die deshalb manchmal n&amp;auml;chtelang bei k&amp;uuml;rzlich wieder aufgetauchten Ex-Freunden verschwindet, um sp&amp;auml;ter kommentarlos wieder aufzutauchen. Oder "La piscine", wo sie mit Alain Delon einen Glutsommer in einem Haus im S&amp;uuml;den Frankreichs verbringt. Schon wie sie willig vom Geturtel weg zum Telefon eilt und gleich ganz aufbl&amp;uuml;ht, als ihr reicher Ex-Mann dran ist, den sie nat&amp;uuml;rlich sofort einl&amp;auml;dt, sie in ihrer Idylle zu besuchen. Und als er ankommt, wie sich schon in der ersten Sekunde in den kleinsten Gesten der kommende Verrat ank&amp;uuml;ndigt. Vielleicht wei&amp;szlig; sie es ja wirklich selbst in dem Moment noch gar nicht, das sagen sie ja immer hinterher. Sie braucht einfach ein wenig Spannung im Leben, um sich nicht zu langweilen. Trotz aller Beteuerungen liegt man doch am Ende immer richtig mit eifers&amp;uuml;chtigen Vermutungen, und leider beschleunigt man dadurch auch noch den Gang der Dinge. Alain, der Versager, dem sein einziges Buch mi&amp;szlig;gl&amp;uuml;ckt, Selbstmordversuch schon mit 18. Bevor er Romys Ex-Mann umbringt, r&amp;auml;t der ihm wegen seiner Eifersucht: Versuch nicht deine Umwelt zu ver&amp;auml;ndern, &amp;auml;ndere dich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder Madame Bovary, dieses gelangweilte Mistst&amp;uuml;ck, mit dem ich mich immer identifiziert habe, weil sie f&amp;uuml;r den an der Dumpfheit seiner Umgebung leidenden K&amp;uuml;nstler stand. Aber mit einem Grafen aus der Nachbarschaft anbandeln! Oder dieses anstrengende Scheusal aus "Das Piano"... Immer sind es die einf&amp;auml;ltigen, treusorgenden M&amp;auml;nner, die ihre nach h&amp;ouml;herem strebenden Frauen zu Tode langweilen. Und selbst bei "Ironia sudbij", dem sowjetischen Silvesterklassiker, den ich jedes Jahr sehe, identifiziere ich mich pl&amp;ouml;tzlich mit dem d&amp;uuml;mmlichen, betrogenen Br&amp;auml;utigam, der anfangs noch scheinbar v&amp;ouml;llig &amp;uuml;bertrieben reagiert, als er am Silvesterabend einen Fremden in der Neubauwohnung seiner Zuk&amp;uuml;nftigen antrifft, der dort aber nur v&amp;ouml;llig betrunken gelandet war, weil sein Schl&amp;uuml;ssel zuf&amp;auml;llig pa&amp;szlig;te. Der Br&amp;auml;utigam glaubt seiner Braut nicht, da&amp;szlig; sie den Fremden ja schnellstens aus der Wohnung schmei&amp;szlig;en wollte, was ihr nur nicht gelungen war. Am Ende kriegen sich nat&amp;uuml;rlich der Betrunkene und die sch&amp;ouml;ne Braut, und man ist tief bewegt. Hatte der Eifers&amp;uuml;chtige nicht im Grunde schon vor den Akteuren geahnt, was in ihnen vorging? Oder hat er es durch sein hysterisches Verhalten selbst provoziert? Ach, Liebespaare, ihr seid so &amp;ouml;de in euerm vorhersehbaren Gl&amp;uuml;ck, die eigentlichen Helden sind die Betrogenen, denen niemand aus dem Publikum die Frau g&amp;ouml;nnen w&amp;uuml;rde!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;B&gt;Seite 267-287&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
Das heikle Verh&amp;auml;ltnis von Leben und Werk, Modell und Figur. "&lt;I&gt;Selbst noch die &amp;#8211; in ihren Geb&amp;auml;rden, ihren Reden, ihren unwillk&amp;uuml;rlich ausgedr&amp;uuml;ckten Gef&amp;uuml;hlen &amp;#8211; einf&amp;auml;ltigsten Menschen k&amp;uuml;nden Gesetze, die sie selbst nicht erkennen, die aber der K&amp;uuml;nstler an ihnen ersp&amp;auml;ht.&lt;/I&gt;" Nur, da&amp;szlig; niemand sich gerne zum Gegenstand eines Werks gemacht sieht, weil die wenigsten dieselbe abstrakte Haltung dazu einnehmen, wie der Autor. Wenn ich eine Peinlichkeit beschreibe, die jemandem passiert ist, oder eine Sehnsucht, von der niemand wissen darf, setze ich mich dem Vorwurf aus, meine Umwelt auszunutzen, oder keine Phantasie zu haben f&amp;uuml;r eigene Geschichten. Dabei sind das nur Beispiele, anhand derer man etwas allgemeines beschreibt. "&lt;I&gt;Wegen dieser Art des Beobachtens h&amp;auml;lt die rohe Masse den Schriftsteller f&amp;uuml;r boshaft, sie h&amp;auml;lt ihn aber zu Unrecht daf&amp;uuml;r, denn in einer L&amp;auml;cherlichkeit erkennt der K&amp;uuml;nstler einen sch&amp;ouml;nen allgemeing&amp;uuml;ltigen Zug, er legt ihn der beobachteten Person ebensowenig zur Last, wie der Chirurg sie deswegen geringsch&amp;auml;tzen w&amp;uuml;rde, weil sie an einer ziemlich h&amp;auml;ufig auftretenden Form von Kreislaufst&amp;ouml;rung leidet...&lt;/I&gt;" Der Autor mokiert sich in Wahrheit sogar viel weniger als andere &amp;uuml;ber solche L&amp;auml;cherlichkeiten, er wertet sie ja nur danach, ob sie gutes Material sind oder nicht. Jede Art, in der jemand im Werk vorkommt, ist eine Hommage, die einzige Beleidigung w&amp;auml;re, nicht vorzukommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch, was uns zust&amp;ouml;&amp;szlig;t, lernen wir abstrakt und als Material zu sehen (die Attraktivit&amp;auml;t von Heiner M&amp;uuml;ller, denn kein Autor hat, zumindest in seiner Selbstinszenierung, einen solchen Freiheitsgrad gegen&amp;uuml;ber seinem Material erreicht. Das wirkt dann wie St&amp;auml;rke.) Noch, wenn eine Frau ihm Leiden verursacht, stehe sie "&lt;I&gt;dem Schriftsteller nur Modell&lt;/I&gt;". Sie "&lt;I&gt;sitzt&lt;/I&gt;" ihm sozusagen f&amp;uuml;r ein bestimmtes Gef&amp;uuml;hl, das er studieren will. Aus diesem Verh&amp;auml;ltnis zur Wirklichkeit (hat man es sich fr&amp;uuml;hzeitig antrainiert, oder war man immer schon dazu verurteilt?) erw&amp;auml;chst nat&amp;uuml;rlich eine tiefe Trauer, weil man seine intensivste Beziehung zu den Dingen und Menschen erst hat, wenn man sie zu Spielzeugen oder Modellen macht. (Und das betrifft nicht nur die K&amp;uuml;nstler, Proust lehrt ja, da&amp;szlig; Entfremdung eine allgemeine menschliche Eigenschaft ist, nur da&amp;szlig; sie vom Autor radikal offengelegt wird, w&amp;auml;hrend die meisten Menschen andere Wege des Trosts w&amp;auml;hlen. Dem unmittelbaren Empfinden und dem Rausch laufen wir ja alle hinterher.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Liebe gibt einem zeitweise das Gef&amp;uuml;hl, f&amp;uuml;r einen Menschen aus diesem Mechanismus ausscheren zu wollen, deshalb ist sie eine menschliche, aber auch eine k&amp;uuml;nstlerische Krise. Vielleicht infiziert man sich mit ihr ja auch gerade im Moment einer k&amp;uuml;nstlerischen Krise. Jemand wie Goethe war in der Lage (oder dazu verurteilt), sich bis ins hohe Alter immer wieder in der f&amp;uuml;r seine Existenz gef&amp;auml;hrlichsten Weise zu verlieben. Andererseits hat er krank im Bett gelegen, w&amp;auml;hrend seine Frau Christiane ganz allein einen tagelangen, qualvollen Tod starb. Statt sie zu besuchen, hat er in dieser Zeit Tagebuch &amp;uuml;ber ihr Sterben und seine Stimmung gef&amp;uuml;hrt. Hinterher hat er ihr ein Gedicht geschrieben: "&lt;I&gt;Du versuchst, o Sonne, vergebens/ Durch die d&amp;uuml;steren Wolken zu scheinen!/ Der ganze Gewinn meines Lebens/ Ist, ihren Verlust zu beweinen.&lt;/I&gt;" Ist das nun r&amp;uuml;hrend oder erb&amp;auml;rmlich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kommt dann zu diesen beunruhigenden Momenten, da man bei der Arbeit, also wenn man einen erlittenen Kummer detailliert nachzuzeichnen versucht, "&lt;I&gt;mit dem Mut des Arztes, der immer wieder an sich selbst die gef&amp;auml;hrliche Spritze erprobt&lt;/I&gt;", um das Allgemeing&amp;uuml;ltige daran herauszuarbeiten, und sich durch diese "&lt;I&gt;Gymnastik&lt;/I&gt;" dagegen "&lt;I&gt;immun&lt;/I&gt;" zu machen, erleben mu&amp;szlig;, "&lt;I&gt;wie das geliebte Wesen sich in einer umfassenderen Wirklichkeit verliert, da&amp;szlig; man es &amp;uuml;ber der Arbeit schlie&amp;szlig;lich f&amp;uuml;r Augenblicke vergi&amp;szlig;t...&lt;/I&gt;" Man kann vielleicht nur mit einem Menschen leben, der auf solch eine T&amp;auml;tigkeit nicht eifers&amp;uuml;chtig ist, aber welches Ma&amp;szlig; an Souver&amp;auml;nit&amp;auml;t geh&amp;ouml;rt dazu?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Gl&amp;uuml;ck hat &amp;uuml;berhaupt nur einen n&amp;uuml;tzlichen Zweck, "&lt;I&gt;das Ungl&amp;uuml;ck m&amp;ouml;glich zu machen&lt;/I&gt;", dessen Grausamkeit einen sonst "&lt;I&gt;fruchtlos treffen&lt;/I&gt;" w&amp;uuml;rde. Proust h&amp;auml;lt zur Eile an, denn angeblich sind die Leiden fl&amp;uuml;chtig, und man m&amp;uuml;sse sich schnell an die Arbeit machen, um seinen Vorteil daraus zu ziehen. Denn es ist nur das Leiden, das "&lt;I&gt;das Unkraut der Gewohnheit, der Skepsis, des Leichtsinns, der Gleichg&amp;uuml;ltigkeit ausrottet.&lt;/I&gt;" Aber diese angeh&amp;auml;uften Leidensepisoden sind am Ende auch f&amp;uuml;r "&lt;I&gt;jene furchtbar verw&amp;uuml;steten Gesichter wie die des alten Rembrandt, des alten Beethoven&lt;/I&gt;" verantwortlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sicher h&amp;auml;tte Marcel sich mehr mit dem geistvollen Elstir befassen k&amp;ouml;nnen, aber stattdessen hat er Albertine in die Wohnung gelassen, die sein Leben und sein Zimmer durcheinander gebracht hat. Weil er nat&amp;uuml;rlich genau gesp&amp;uuml;rt hat, da&amp;szlig; er als Autor ein Schicksal brauchte. "&lt;I&gt;Dadurch, da&amp;szlig; ich meine Zeit mit ihr vergeudete und sie mir Kummer bereitete, war mir Albertine vielleicht selbst in literarischer Hinsicht n&amp;uuml;tzlicher gewesen als ein Sekret&amp;auml;r, der meine Papiere in Ordnung gehalten h&amp;auml;tte.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eigentlich m&amp;uuml;&amp;szlig;te man diese Seiten vor den Frauen verschlossen halten, wie kann sich jemals wieder eine Frau in einen Schriftsteller verlieben, wenn sie das gelesen hat?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie sein Leben ein einziger Zufall war, an dessen Anfang Swann stand! Swann f&amp;uuml;hrte zu Balbec, dort kam Albertine, die Gro&amp;szlig;mutter traf dort Madame de Villeparisis wieder, das f&amp;uuml;hrte ihn zu den Guermantes, Saint-Loup und Charlus. Und jetzt steht er in der Bibliothek des Prinzen von Guermantes und ihn &amp;uuml;berf&amp;auml;llt ganz pl&amp;ouml;tzlich die Idee seines zu schreibenden Werks. Und ein wenig bedauert er sofort die ganzen anderen Bilder, mit denen er, weil er nunmal dieses Leben gef&amp;uuml;hrt hat, sein Ged&amp;auml;chtnis nicht f&amp;uuml;llen konnte&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unklares Inventar: - Artesischer Brunnen.&lt;br /&gt;
- Cythere.&lt;br /&gt;
- Roques.&lt;br /&gt;
- Sarrail.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlorene Praxis: - Ein rein k&amp;ouml;rperlich lebender Mensch sein und begl&amp;uuml;ckt &amp;uuml;ber Sport, vergossenen Schwei&amp;szlig; und Bad.&lt;br /&gt;
- Zusehen m&amp;uuml;ssen, wie die Sch&amp;ouml;nheit ihren Sitz auf die m&amp;uuml;tzengekr&amp;ouml;nte Stirn eines Omnibusschaffners verlegt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbst&amp;auml;ndig lebensf&amp;auml;hige Sentenz: - "&lt;I&gt;Der Geist kennt keine ausweglosen Lebenssituationen.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
- "&lt;I&gt;In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen m&amp;ouml;ge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht h&amp;auml;tte erschauen k&amp;ouml;nnen.&lt;/I&gt;"</description>
      <pubDate>Fri, 19 Jan 2007 19:25:39 GMT</pubDate>
      <guid>http://vertr.antville.org/stories/1553569/</guid>
      <dc:creator>jochenheißtschonwer</dc:creator>
      <dc:date>2007-01-19T19:25:39Z</dc:date>
    </item>
    <item>
      <title>Berlin, Warschauer Straße, Firstbase-Internet, Orkanböen - VII Die wiedergefundene Zeit - Seite 247-267</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1552640/</link>
      <description>&lt;B&gt;&lt;I&gt;Beitrag unter Vorbehalt, wegen Orkan schmei&amp;szlig;en sie mich aus dem INternetcaf&amp;eacute; raus, nud ich kann nicht mehr koriergiren.&lt;/i&gt;&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gestern bekam ich einen Anruf von einer Mitsch&amp;uuml;lerin, die Stimme hatte sich ver&amp;auml;ndert, wir haben uns 20 Jahre nicht gesehen, aber an der Berliner Diktion habe ich mein Viertel erkannt. Es wird also in diesem Jahr unser erstes Klassentreffen geben. Mehr als davor, sich nach so langer Zeit wiederzusehen, habe ich Angst davor, die Leute eben nicht wiederzusehen und auch selbst nicht mehr erkannt zu werden, wo ich mich doch innerlich &amp;uuml;berhaupt nicht ver&amp;auml;ndert habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hatte nicht geahnt, wie wenig man als Junge von den M&amp;auml;dchen wu&amp;szlig;te, obwohl man jeden Tag zusammen war! Weder, da&amp;szlig; der Sportlehrer als attraktiv galt, noch, da&amp;szlig; alle auf diesen einen Mitsch&amp;uuml;ler scharf gewesen sind. Der Sportlehrer war doch ein Lehrer und der Mitsch&amp;uuml;ler spielte keinen Fu&amp;szlig;ball! Ich staune auch immer, wieviel andere vergessen haben. Ist mein Ged&amp;auml;chtnis f&amp;uuml;r diese Zeit wirklich besonders ausgepr&amp;auml;gt? Aber vielleicht bildet sich meine Identit&amp;auml;t ja durch das Vergessen der anderen, weil wir sonst alle gleich w&amp;auml;ren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche erinnern sich an komplette Klassenfahrten nicht mehr. Im Geist gehen sie die leeren Stellen in den Bankreihen ab, wo Mitsch&amp;uuml;ler sa&amp;szlig;en, an die sie sich nicht mehr erinnern, und die verschwunden sind wie Kriegstote. Ich k&amp;ouml;nnte jeden von ihnen mit einem pers&amp;ouml;nlichen Erinnerungskonfekt beschenken, mit einem Bild von ihm, das ich f&amp;uuml;r ihn aufgehoben habe. Es sind allerdings meist v&amp;ouml;llig bedeutungslose Szenen, oder zusammenhanglose S&amp;auml;tze, wobei man sich fragt, ob sie nicht doch eine Bedeutung enthalten, wenn das Ged&amp;auml;chtnis sie f&amp;uuml;r einen ausgew&amp;auml;hlt hat. Vielleicht liegt die Bedeutung im Bildhintergrund, den man nicht mehr erkennt? Ich sehe, wie ein Mitsch&amp;uuml;ler mir am ersten Schultag im neuen Wohngebiet seinen Pfannkuchen von der Schulspeisung schenkt. Dann beschlie&amp;szlig;t er, da&amp;szlig; wir nach Hause rennen m&amp;uuml;&amp;szlig;ten, und wir rennen, obwohl es keinen Grund daf&amp;uuml;r gibt. Warum habe ich mir das gemerkt? Und die Art, wie sein K&amp;ouml;rper sich dabei nach vorn streckte, von wo der Wind durch die L&amp;uuml;cken zwischen den Neubauten blies?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Konsistenz der innen schwarz gestrichenen Pre&amp;szlig;holzschulb&amp;auml;nke im Biologieraum, in denen man mit der Zirkelspitze Bohrungen vornahm. Das sonnenwarme Parkett in der Turnhalle. Der von der Hitze aufgeweichte Teerbelag auf dem kleinen Bunker. Die Stimme der "Netten", einer Kassiererin im Konsum, die immer bei der Arbeitmitsprach. Die strengen Dirigierbewegungen der Klassenlehrerin, wenn wir morgens im Chor sangen. Die Minilik&amp;ouml;rflaschensammlung, die die Eltern von A. in ihrer Schrankwand hatten. Jeder aus der Familie durfte sich zu Geburtstagen mit Schnapszahl eine Flasche aussuchen, beim 11. war ich dabei und staunte. Man rechnete sich aus, wieviele Flaschen A. in ihrem Leben noch bekommen w&amp;uuml;rde und dachte: die hat&amp;#8217;s gut!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei meiner Anruferin wusste ich noch den Geruch des Credo-Parf&amp;uuml;ms von unseren Klassendiskos. Wir waren uns auch einig, da&amp;szlig; die Neubau-Wohnungen jeder Familie verschieden rochen. Wenn man diese Ger&amp;uuml;che benennen k&amp;ouml;nnte!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
F&amp;uuml;r wen ist das noch relevant? Ich soll beim Klassentreffen etwas vorlesen, das wird wie beim Veteranentreffen der ehemaligen U-Boot-Besatzung, hoffentlich sind wir wenigstens noch vollz&amp;auml;hlig. Nicht einmal die, die jetzt im Viertel leben, haben noch etwas mit unserer Zeit zu tun. Es sind oft die Eltern, die geblieben sind, nachdem die Kinder ausgezogen sind. Bei ihrem Einzug waren sie j&amp;uuml;nger als ich heute. Ich hatte mir nie klargemacht, dass alle meine Mitsch&amp;uuml;ler aus dem Altbau stammten, wie ich, und sich an eine Zeit vor dem Neubaugebiet erinnerten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn ich etwas vorlese, was ich wirklich gut finde, heulen hinterher alle, oder sie sind beleidigt. Ich tr&amp;auml;ume immer noch von dieser Klasse. Nat&amp;uuml;rlich spielen wir immer Fu&amp;szlig;ball auf dem Asphaltplatz im Hof, der inzwischen abgerissen wurde, dort h&amp;auml;ngt jetzt ein Basketballnetz. Das Scheppern des Gitters, das einem sagte, da&amp;szlig; unten jemand spielte. Vielleicht sollten wir einfach wieder dorthin ziehen und weiter zusammen Fu&amp;szlig;ball spielen, jetzt als Herrenmannschaft. Ich dachte damals immer, dass ich ein phantastisches Team aus den Jungs aus dem Viertel zusammenstellen k&amp;ouml;nnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was haben die M&amp;auml;dchen eigentlich in den unz&amp;auml;hligen, langen Nachmittagsstunden gemacht, wenn wir Fu&amp;szlig;ball gespielt haben? Mit irgendetwas m&amp;uuml;ssen sie sich doch besch&amp;auml;ftigt haben? Manchmal sah man am Horizont ein paar bunte Kleider vorbeigehen, aber wohin waren sie unterwegs?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;B&gt;Seite 247-267&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
Wir sind immer noch bei der einzigartigen Macht der Erinnerung, ohne die man nichts ist. "&lt;I&gt;Meine Person von heute ist nur ein aufgelassener Steinbruch, dem selber alles, was er enth&amp;auml;lt, untereinander gleich und monoton erscheint, w&amp;auml;hrend aus ihm jede Erinnerung gleich einem Bildhauer Griechenlands unz&amp;auml;hlige Statuen zieht.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur die Erinnerung kann helfen, aufsuchen soll man diese Orte nicht und auch nicht die alten B&amp;uuml;cher wieder in die Hand nehmen, weil "&lt;I&gt;solche vom Geiste hinterlassenen Bilder vom Geiste ausgel&amp;ouml;scht werden. Den alten schiebt er neue unter, die nicht mehr die gleiche Macht der Wiederauferweckung haben.&lt;/I&gt;" Das war immer meine Angst, neue Bilder &amp;uuml;ber die alten zu legen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein wenig Literaturkritik: was ist, wenn das Kunstwerk sich so verfeinert, da&amp;szlig; der Arbeiter es nicht mehr versteht, sondern nur noch der "&lt;I&gt;M&amp;uuml;&amp;szlig;igg&amp;auml;nger&lt;/I&gt;", der f&amp;uuml;r diese Komplikationen die Zeit mitbringt? Alles Unsinn, sagt Proust, er hat "&lt;I&gt;gen&amp;uuml;gend mit Damen und Herren der Gesellschaft verkehrt, um zu wissen, da&amp;szlig; sie die wahrhaft Ungebildeten sind und nicht die Elektrizit&amp;auml;tsarbeiter.&lt;/I&gt;" Ein geh&amp;ouml;riger Optimismus! Es "&lt;I&gt;langweilen volkst&amp;uuml;mliche B&amp;uuml;cher die Leute aus dem Volke ebensosehr, wie sich Kinder mit B&amp;uuml;chern langweilen, die speziell f&amp;uuml;r sie geschrieben sind.&lt;/I&gt;" das Volk, von dem er spricht; ist inzwischen leider auch nicht mehr dasselbe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Traurig, die bei der Gelehrsamkeit stehengebliebenen K&amp;uuml;nstler, die nicht zu ihren Instinkten zur&amp;uuml;ckkehren. "&lt;I&gt;Diese eigenwilligen und unfruchtbaren Abenteurer sollten uns r&amp;uuml;hren wie die ersten Flugzeuge, die noch nicht die Erde verlassen konnte, denen zwar das geheime, noch unentdeckte Mittel fehlte, doch das Verlangen des Fliegens schon innewohnte.&lt;/I&gt;" Aber sollen denn alle wie Proust vorgehen? Wer sollte dann die ganzen Recherchen lesen, die dabei entstehen? Vielleicht ist die Popularisierung der Psychoanalyse und die Verbreitung der Selbsterz&amp;auml;hlung ja ein Symptom genau davon.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines hat sich bis heute nicht ge&amp;auml;ndert: "&lt;I&gt;Man zog einem Bergotte, dessen gef&amp;auml;lligste S&amp;auml;tze in Wirklichkeit eine viel tiefere Selbsteinkehr erfordert hatten, Schriftsteller vor, die tiefer schienen einfach deshalb, weil sie nicht so gut schrieben.&lt;/I&gt;" Die "&lt;I&gt;Themen&lt;/I&gt;" werden von den Romanschriftstellern &amp;uuml;bersch&amp;auml;tzt, es geht um den Stil, der "&lt;I&gt;seine Art zu sehen&lt;/I&gt;" ist. Man mu&amp;szlig; die "&lt;I&gt;Windstille des Gl&amp;uuml;cks&lt;/I&gt;" verlassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die h&amp;auml;ufige Frage: warum schreiben sie? wollte ich immer zur&amp;uuml;ckgeben, weil ich mir im Gegenteil gar nicht vorstellen kann, wie man ohne zu schreiben leben kann: "&lt;I&gt;...jene Wirklichkeit, deren wahre Kenntnis wir vielleicht bis zu unserem Tode vers&amp;auml;umen und die doch ganz einfach unser Leben ist. Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur.&lt;/I&gt;" &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und jetzt begreift Marcel endlich, da&amp;szlig; er nicht etwa ein zu zerstreutes und unbedeutendes Leben gef&amp;uuml;hrt hat, weil er nie ein Thema f&amp;uuml;r seine B&amp;uuml;cher finden konnte, sondern da&amp;szlig; sein Leben, egal, was es mit sich gebracht hat, das Material seines Werke ist. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unklares Inventar: - Sch&amp;uuml;ler Foucquets.&lt;br /&gt;
- Peremptorischer Ton.&lt;br /&gt;
- Selbstkritik im Geiste Port-Royals.</description>
      <pubDate>Thu, 18 Jan 2007 17:50:37 GMT</pubDate>
      <guid>http://vertr.antville.org/stories/1552640/</guid>
      <dc:creator>jochenheißtschonwer</dc:creator>
      <dc:date>2007-01-18T17:50:37Z</dc:date>
    </item>
    <item>
      <title>Berlin - VII Die wiedergefundene Zeit - Seite 227-247</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1552030/</link>
      <description>Die orale Kultur der Kneipentische, von deren Sch&amp;auml;tzen ich aufgrund meiner angeborenen Alkoholunvertr&amp;auml;glichkeit leider immer weitgehend ausgeschlossen geblieben bin. Ich wei&amp;szlig; zwar inzwischen, da&amp;szlig; man zum Gru&amp;szlig; auf den Tisch klopfen mu&amp;szlig;, aber ich mache es sicher trotzdem irgendwie falsch (einmal? zweimal?) Au&amp;szlig;erdem m&amp;uuml;&amp;szlig;te ich st&amp;auml;ndig aufs Klo, um mir heimlich Notizen zu machen, wenn Formulierungen fallen, wie: "So bremst der Hase!" (Im Sinne von: "Da gibt&amp;#8217;s nichts zu diskutieren!") Die Kunst, solche Spr&amp;uuml;che wirkungsvoll in seine Rede einzuflechten, das dabei immer vorhandene Bewu&amp;szlig;tsein f&amp;uuml;r Originalit&amp;auml;t, ist etwas sehr literarisches, mit dem die eigene Sprachphantasie gar nicht mithalten k&amp;ouml;nnte. Mit erfahrenen Kneipenschwadronierern k&amp;ouml;nnte man es sprachlich nie aufnehmen. "Lohndr&amp;uuml;cker" besteht nach meiner Sch&amp;auml;tzung wenigstens zu 50% aus in der Kneipe mitgeh&amp;ouml;rten Bemerkungen irgendwelcher Bauarbeiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Freude am mot juste, wenn man &amp;uuml;ber seine Vergangenheit schreibt, kann schnell esoterisch werden, weil die damalige Sprache ja fast ausgestorben ist. Manchmal tauchen bei mir W&amp;ouml;rter im Ged&amp;auml;chtnis auf, die man als Kind t&amp;auml;glich benutzt hat, seitdem aber nie wieder ("kafietsche", "funktionopelt", "Erbsenkatschie", "Zuckersand".) Ich sammle seit einer Weile W&amp;ouml;rter, bei denen ich noch wei&amp;szlig;, wann ich sie zum ersten mal geh&amp;ouml;rt habe.&lt;br /&gt;
"Bestseller" stand auf der Banderole eines Buchs von Thor Heyerdahl, das im Schlafzimmer meiner Eltern lag (ich habe lange an dem Wort herumger&amp;auml;tselt und es f&amp;uuml;r einen Druckfehler gehalten, weil es doch "Besteller" hei&amp;szlig;en m&amp;uuml;&amp;szlig;te. Vermutlich habe ich mir den Moment, und wie das Schlafzimmer damals aussah, nur wegen dieser Irritation gemerkt.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"Du hast doch ne Macke" hat ein auf einem Kletterger&amp;uuml;st sitzendes dunkelh&amp;auml;utiges M&amp;auml;dchen zu einem Jungen gesagt, als wir einmal auf einem Spielplatz im Tierpark waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"Ditt is urst", hat mein Bruder gesagt, als wir auf dem Forckenbeckplatz mit aus St&amp;ouml;cken gebauten Gewehren Tiefflieger abschossen. Wobei ich dachte, da&amp;szlig; es sich bei dem Stoffetzen, den er uns seine Freunde sich zur Tarnung an ihre Gewehrl&amp;auml;ufe gebunden hatten, um ein "Urst" handelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"Ditt macht Lunte", hat am ersten Tag im Ferienlager ein Junge gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"Rowdy": Frau Steinbach, die Katechetin der Kirchengemeinde spielte im Kindergarten auf dem Klavier Flohwalzer, und wir tanzten dazu um einen Haufen Karten mit bunten Bildern. Wenn Frau Steinbach zu spielen aufh&amp;ouml;rte, durfte man sich eine Karte nehmen. Auf einer war ein Mann mit Sombrero zu sehen, mein bester Freund sagte: "Das ist ein Rowdy."&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"Das geht dich einen feuchten Kehricht an", habe ich ein M&amp;auml;dchen seiner Schwester auf die Frage, wo wir beide so lange gewesen seien, antworten h&amp;ouml;ren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"Bastonade" stand in einem Mosaik-Heft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"Oxer": wir waren im Nachbardorf bei einem Turnier im Springreiten, und &amp;uuml;ber Lautsprecher wurden die Hindernisse angesagt. Ich war entt&amp;auml;uscht, weil ich vergeblich nach einem Ochsen suchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"Striptease", war in einem Hase-und-Wolf-Film zu lesen, den die Mutter einer Klassenkameradin beim Kindergeburtstag zeigte, auf einer Art russischem Super-8-Format. Der Wolf geriet in dem Film auf die falsche Bahn, rauchte, trank und ging schlie&amp;szlig;lich zum Striptease (nat&amp;uuml;rlich Schtrip-te-a-se gesprochen).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
usw.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gestern fiel mir die Vorsilbe "geheim" auf, die einem als Kind ja alles veredeln konnte. Ein "Geheimfach" war etwas ganz anderes als ein gew&amp;ouml;hnliches Fach, ebenso "Geheimtinte", "Geheimversteck", "Das ist geheim!"&lt;br /&gt;
Das Gef&amp;uuml;hl, das sich mit W&amp;ouml;rtern verbindet, und das man nicht kommunizieren kann, wenn man sie damals nicht auch benutzt hat. &amp;Uuml;bersetzen d&amp;uuml;rfte unm&amp;ouml;glich sein. Es hat mich immer viel zu sehr behindert, wenn ich ausl&amp;auml;ndische Freundinnen hatte, und man auf Spanisch oder Englisch nicht berlinern konnte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;B&gt;Seite 227-247&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
Analyse der Natur des Gl&amp;uuml;cks, die ihm die Madeleine-Eindr&amp;uuml;cke verschaffen, n&amp;auml;mlich da&amp;szlig; er in ihnen "&lt;I&gt;die Essenz der Dinge genie&amp;szlig;en konnte, das hei&amp;szlig;t au&amp;szlig;erhalb der Zeit.&lt;/I&gt;" Wodurch er "&lt;I&gt;eine unb&amp;auml;ndige Lust zu leben versp&amp;uuml;rte.&lt;/I&gt;" Die Wirklichkeit hatte ihn oft entt&amp;auml;uscht, weil seine Einbildungskraft, "&lt;I&gt;die mein einziges Organ f&amp;uuml;r den Genu&amp;szlig; der Sch&amp;ouml;nheit war, sich nicht daf&amp;uuml;r verwenden lie&amp;szlig;: auf Grund des unumst&amp;ouml;&amp;szlig;lichen Gesetztes, da&amp;szlig; einzig das Abwesende Gegenstand der Imagination sein kann.&lt;/I&gt;" Anders bei den Madeleines, bei denen nicht nur die Einbildungskraft genie&amp;szlig;t, sondern auch die Sinne aktiviert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
F&amp;uuml;r diese Momente mu&amp;szlig; aber das unwillk&amp;uuml;rliche Ged&amp;auml;chtnis verantwortlich sein, alles andere ist nur das Bl&amp;auml;ttern eines Sammlers in seiner Kollektion von Ged&amp;auml;chtnisbildern. Die unwillk&amp;uuml;rlichen Erinnerungen kann man nicht selbst w&amp;auml;hlen, wobei "&lt;I&gt;gerade dies das Zeichen ihrer Echtheit war.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle anderen Vergn&amp;uuml;gungen, wie gro&amp;szlig;e Gesellschaften oder Freundschaft, sind nur T&amp;auml;uschung. Wer mit Freunden redet gebe sich dem holden Wahn hin, dem Irrtum eines Narren "&lt;I&gt;der etwa glauben w&amp;uuml;rde, die M&amp;ouml;bel k&amp;ouml;nnten leben und mit ihm sprechen.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie klammert man sich an "&lt;I&gt;die Betrachtung der Essenz der Dinge&lt;/I&gt;"? Wozu er jetzt schon entschlossen ist. Es habe keinen Sinn, die Erinnerungsorte wieder aufzusuchen, die Eindr&amp;uuml;cke w&amp;uuml;rden dort eher verlorengehen. "&lt;I&gt;Die einzige Art, sie nachhaltiger zu genie&amp;szlig;en, bestand in dem Versuch, sie vollst&amp;auml;ndiger da zu erkennen, wo sie sich befanden, das hei&amp;szlig;t in mir selbst, sie bis in ihre Tiefen klar und deutlich zu machen.&lt;/I&gt;" Soll man sich dann vorstellen, da&amp;szlig; die jahrelange Klausur in seinem Zimmer f&amp;uuml;r Proust gar kein Opfer war, das er f&amp;uuml;r sein Werk erbracht hat, sondern die intensivste Existenzform und das dabei entstandene Werk nur ein Abfallprodukt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur das Lesen des Buchs in unserem Innern ist ein Sch&amp;ouml;pfungsakt, und was die Autoren in ihren Programmen formulieren, wenn sie Politik, Arbeiterbewegung oder gro&amp;szlig;en Ereignissen hinterherschreiben, aus dem unsouver&amp;auml;nen Bed&amp;uuml;rfnis heraus, den vermeintlichen Elfenbeinturm zu verlassen, sind nur Entschuldigungen "&lt;I&gt;um nur jenes Buch nicht entziffern zu m&amp;uuml;ssen.&lt;/I&gt;" Genie hei&amp;szlig;t, sich vom Instinkt leiten zu lassen. "&lt;I&gt;Der Instinkt diktiert die Pflicht, der Verstand aber liefert die Vorw&amp;auml;nde, um sich ihr zu entziehen.&lt;/I&gt;" Wenn man sich vornimmt, auf seinen Instinkt zu lauschen, wird die Kunst "&lt;I&gt;das Wirklichste, was es gibt, die strengste Schule des Lebens und das wahre j&amp;uuml;ngste Gericht.&lt;/I&gt;" Wir sind dem Kunstwerk gegen&amp;uuml;ber keineswegs frei, da es "&lt;I&gt;in uns bereits pr&amp;auml;existiert.&lt;/I&gt;" Einen k&amp;uuml;nstlerischen Sinn besitzen diejenigen, die "&lt;I&gt;bereit sind, sich der inneren Wirklichkeit zu unterwerfen...&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im &amp;uuml;brigen habe seine Mutter fr&amp;uuml;her die falschen B&amp;uuml;cher gesch&amp;auml;tzt "&lt;I&gt;bevor sie langsam ihren literarischen Geschmack nach dem meinen bildete...&lt;/I&gt;" Es ist doch sch&amp;ouml;n, wenn man Kinder hat, die sich nicht zu fein sind, einen auf ihr Niveau heraufziehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unklares Inventar: - Perkalvorhang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbst&amp;auml;ndig lebensf&amp;auml;hige Sentenz: - "&lt;I&gt;Denn die wahren Paradiese sind die Paradiese, die man verloren hat.&lt;/I&gt;"</description>
      <pubDate>Wed, 17 Jan 2007 22:54:46 GMT</pubDate>
      <guid>http://vertr.antville.org/stories/1552030/</guid>
      <dc:creator>jochenheißtschonwer</dc:creator>
      <dc:date>2007-01-17T22:54:46Z</dc:date>
    </item>
    <item>
      <title>Berlin - VII Die wiedergefundene Zeit - Seite 207-227</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1551225/</link>
      <description>Ach, es g&amp;auml;be noch so viel zu sagen, aber es sind nur noch zehn Tage, und danach ist es zu sp&amp;auml;t. Aber die Dinge gewinnen doch ihren Zauber erst durch ihre Endlichkeit, man mu&amp;szlig; loslassen k&amp;ouml;nnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wird es mich in einem Jahr noch geben? Werde ich dann unter unwillk&amp;uuml;rlichen Tr&amp;auml;nenausbr&amp;uuml;chen leiden und Tabletten brauchen? Oder werde ich pl&amp;ouml;tzlich Luhmannianer sein? Werden mir die jungen Leute aus dem Weg gehen, weil ich nach Bitterkeit und Niedergang rieche? Oder wird sich ein akzeptables Gleichgewicht herstellen lassen? Oder kommt eine Physiotherapeutin mit Sinn f&amp;uuml;r Sitcoms, Proust, sowjetisches Kino und Bl&amp;ouml;deln und findet, da&amp;szlig; trotz solcher freudespendender Interessen ausgerechnet ich ihr in ihrem Leben noch fehle? Oder eine ganz andere, bei der mir egal ist, was sie macht und wie sie aussieht, weil ein geheimer Mechanismus sich in Gang setzt, eine Art emotionaler Schl&amp;auml;fer in meinem Unterbewu&amp;szlig;tsein, f&amp;uuml;r den man nur das Losungswort kennen mu&amp;szlig;?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist die "Recherche" eigentlich eine Erfolgsgeschichte? Oder w&amp;auml;re es eher ein Erfolg, ein stabiles, halbwegs ausgeglichenes Leben zu f&amp;uuml;hren, in dem einen nichts dazu zwingt, 4000-Seiten-B&amp;uuml;cher zu schreiben? Bis jetzt handelt das Buch eigentlich vom Scheitern, aber wie bei Lance Armstrongs "Tour der Leiden", wei&amp;szlig; man ja schon, da&amp;szlig; der Autor am Ende ganz oben stehen wird. Die Irrwege zu beschreiben, die gegangen werden mu&amp;szlig;ten, bis der Autor zum Werk kam, gilt heute in der Literatur ja als Tabu, weil schon zu oft statt eines Buchs, die Schwierigkeiten, ein Buch zu schreiben, thematisiert worden sind. Mich interessiert das aber immer wieder, bei vielen Filmen ist ja auch das "Making of" das einzig interessante. Ich interessiere mich doch auch f&amp;uuml;r das Ringen des Automechanikers um die Rettung des Getriebes, oder f&amp;uuml;r den Kampf des Kochs um sein Souffl&amp;eacute;, viel mehr als f&amp;uuml;r ein Getriebe oder ein Souffl&amp;eacute;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was hat das Happy end in unserer Kultur so diskreditiert? Wenn Dido, w&amp;auml;hrend sie noch am Strand steht und sich wegen Aeneas in die Klinge st&amp;uuml;rzen will, pl&amp;ouml;tzlich von einem Fremden angesprochen w&amp;uuml;rde, der ihr viel besser gef&amp;auml;llt?&lt;br /&gt;
Wenn Werther ein Erasmus-Jahr in Salamanca macht und sich dort in eine aufgeweckte Finnin verliebt und nicht mehr versteht, was er von Lotte wollte?&lt;br /&gt;
Wenn Jesus gar nicht sterben wollte, sondern in Wirklichkeit einen Verr&amp;uuml;ckten vorgeschickt hat, der gerne seine Stelle einnahm, w&amp;auml;hrend er sich mit einer Verehrerin aus dem Staub gemacht und zehn Kinder bekommen hat?&lt;br /&gt;
Warum denken wir, da&amp;szlig; darin eine L&amp;uuml;ge liegt? Warum meinen wir immer, da&amp;szlig; Leiden die tiefere Wahrheit enth&amp;auml;lt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;B&gt;Seite 207-227&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
Viele Jahre hat Marcel im Sanatorium verbracht, nun kehrt er zur&amp;uuml;ck nach Paris. Wieder einmal ereilt ihn "&lt;I&gt;die Vorstellung meines Mangels an literarischer Begabung&lt;/I&gt;", weil er vom Zug aus so ganz genu&amp;szlig;los eine sch&amp;ouml;n im Licht liegende Baumreihe sieht, zu deren Beachtung er sich erst selbst anhalten mu&amp;szlig;. Fr&amp;uuml;her h&amp;auml;tte er das Bed&amp;uuml;rfnis versp&amp;uuml;rt, sie irgendwie lyrisch zu feiern, das hat er nicht mehr, weil es ihm ja auch nie gelungen ist. Und wenn man statt der Natur die Menschen beobachten w&amp;uuml;rde? Daf&amp;uuml;r braucht man ja keine Inspiration, man kann einfach mitschreiben, was sie tun. Wozu hat er sich so lange von der Gesellschaft zur&amp;uuml;ckgezogen, wenn es ihn nicht zum K&amp;uuml;nstler gemacht hat? Warum soll er nicht wieder auf Empf&amp;auml;nge gehen, wenn er doch mit der Arbeit ohnehin nie beginnen wird? Die Einladungen treffen ja immer noch ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterwegs zu einer Soir&amp;eacute;e des Prinzen von Guermantes erreicht er im Wagen die Champs-Elys&amp;eacute;es. Dort ist er auf vertrautem Gel&amp;auml;nde und hat das Gef&amp;uuml;hl "&lt;I&gt;eines Wegfalls von &amp;auml;u&amp;szlig;eren Hindernissen&lt;/I&gt;". Er bewegt sich direkt durch "&lt;I&gt;eine gleitende, traurige, weiche Vergangenheit&lt;/I&gt;". Diese besteht "&lt;I&gt;aus so vielen verschiedenen Vergangenheiten&lt;/I&gt;", da&amp;szlig; er in sich nachforschen mu&amp;szlig;, welche dieser Erinnerungsschichten f&amp;uuml;r seine momentane Schwermut verantwortlich ist. Die t&amp;auml;glichen G&amp;auml;nge, um Gilberte zu begegnen? Die N&amp;auml;he eines Hauses, in das Albertine sich mit Andr&amp;eacute;e begeben hatte? Die Stra&amp;szlig;e, in der er immer die Plakate mit St&amp;uuml;cken der Berma gesucht hat?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer Kutsche sitzt ein Mann mit wei&amp;szlig;em Haar und langem, wei&amp;szlig;em Bart, es ist Charlus, der einen Schlaganfall hinter sich hat und sich aufrecht zu halten bem&amp;uuml;ht, "&lt;I&gt;wie ein Kind, das man zum Bravsein ermahnt hat.&lt;/I&gt;" Sein ganzer Snobismus ist in der &amp;uuml;bertriebenen Anstrengung erhalten, die er sich auferlegt, um Madame de Saint-Euverte zu gr&amp;uuml;&amp;szlig;en, die doch immer unter seinem Niveau war. Wie grausam, irgendwann von den j&amp;uuml;ngeren als solch ein &amp;uuml;berlebendes Ph&amp;auml;nomen beobachtet und beschrieben zu werden. Er redet sehr leise, hat aber seinen Geist noch beisammen und z&amp;auml;hlt genu&amp;szlig;voll die Angeh&amp;ouml;rigen seiner Familie und seiner Kreise auf, die er nun schon &amp;uuml;berlebt hat. Kaum l&amp;auml;&amp;szlig;t Jupien ihn einen Moment allein, ist er schon wieder im Gespr&amp;auml;ch mit einem G&amp;auml;rtnerburschen. Im &amp;uuml;brigen hat er es, selbst als er zeitweise erblindet war, immer noch geschafft, auf irgendeine Art die attraktiven Hotelbediensteten herauszukennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie so oft in diesem Buch entwickeln sich die Dinge durch einen kleinen Unfall. Im Hof des Palais mu&amp;szlig; Marcel einem Wagen ausweichen und tritt dabei auf zwei unterschiedlich hohe Pflastersteine. Dort oben balancierend empfindet er die gleiche Beseligung, wie bei seinen anderen Madeleines. Die Empfindung scheint zu ihm zu sagen: "&lt;I&gt;Hasche mich, wenn du die Kraft in dir hast, und versuche das R&amp;auml;tsel des Gl&amp;uuml;cks, das ich dir aufgebe, zu l&amp;ouml;sen.&lt;/I&gt;" In dem Fall gelingt es ihm, die Quelle ausfindig zu machen: es ist Venedig, wo er im Baptisterium von San Marco schon einmal auf zwei ungleichen Bodenplatten gestanden hat. Mit dieser Empfindung kommen auch alle "&lt;I&gt;an jenem Tage mit dieser einen verkn&amp;uuml;pften Empfindungen&lt;/I&gt;" zur&amp;uuml;ck. Die Bilder geben ihm eine Freude, die ihm selbst den Tod gleichg&amp;uuml;ltig erscheinen l&amp;auml;&amp;szlig;t.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz darauf &amp;uuml;berfluten ihn "&lt;I&gt;Empfindungen von gro&amp;szlig;er W&amp;auml;rme&lt;/I&gt;", als ein Diener mit einem L&amp;ouml;ffel gegen einen Teller schl&amp;auml;gt. Das Ger&amp;auml;usch erinnert ihn an den Hammer eines Bahnarbeiters auf der ersten Fahrt nach Balbec. Die Zeichen ziehen ihn aus seiner Mutlosigkeit und geben ihm den Glauben an die Literatur wieder. Auch als er sich den Mund mit der Serviette abwischt, denn sie hat "&lt;I&gt;genau die Art von Steifheit und den St&amp;auml;rkegehalt des Handtuchs, mit dem ich mich am ersten Tage meiner Ankunft in Balbec mit solcher M&amp;uuml;he am Fenster abgetrocknet hatte&lt;/I&gt;". Er genie&amp;szlig;t den vergangenen Augenblick, den er damals nicht genie&amp;szlig;en konnte, weil ihn daran "&lt;I&gt;irgendein Gef&amp;uuml;hl der M&amp;uuml;digkeit oder der Trauer in Balbec vielleicht gehindert hatte&lt;/I&gt;", der aber nunmehr "&lt;I&gt;von allem befreit, was es an Unzul&amp;auml;nglichem in der &amp;auml;u&amp;szlig;eren Wahrnehmung gibt, rein und vom Stoff entschlackt, mich mit Beschwingtheit erf&amp;uuml;llte.&lt;/I&gt;"&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die be&amp;auml;ngstigende Aussicht, nie etwas unmittelbares empfinden zu k&amp;ouml;nnen, sondern dazu verurteilt zu sein, immer auf die beseligende Erinnerung warten zu m&amp;uuml;ssen. Aber ist es nicht immer so gewesen? Das mu&amp;szlig; man wissen, damit man sich nicht st&amp;auml;ndig gegenseitig eine &amp;uuml;bertriebene Emphase abverlangt, wo die Empfindungen sich sp&amp;auml;ter, wenn die Erinnerung ihre Arbeit aufgenommen hat, umso intensiver einstellen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;Uuml;berraschend wiederauferstanden: - Die Berma.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unklares Inventar: - Lakaien, von Potel&amp;amp;Chabot vermittelt.&lt;br /&gt;
- Etwas bei Bernheim junior erstehen.</description>
      <pubDate>Tue, 16 Jan 2007 22:10:55 GMT</pubDate>
      <guid>http://vertr.antville.org/stories/1551225/</guid>
      <dc:creator>jochenheißtschonwer</dc:creator>
      <dc:date>2007-01-16T22:10:55Z</dc:date>
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    <item>
      <title>Berlin - VII Die wiedergefundene Zeit - Seite 187-207</title>
      <link>http://vertr.antville.org/stories/1550176/</link>
      <description>Anfang der 90er lieferten wir uns wie selbstverst&amp;auml;ndlich den Filmen von Tarkowski aus, auch wenn viele dieser Kinoabende im Babylon Mitte etwas ansteckend apathisches hatten. Aber man war bereit f&amp;uuml;r seine Erleuchtung zu leiden, leicht konsumierbare Kulturprodukte galten unter uns als unwesentlich. Man war altersm&amp;auml;&amp;szlig;ig noch gar nicht reif f&amp;uuml;r diese Filme, aber umso begieriger war man, sie zu sehen, w&amp;auml;hrend mir heute, wo sie mir etwas sagen k&amp;ouml;nnten, wohl die Geduld fehlen w&amp;uuml;rde. Statt die M&amp;ouml;glichkeiten der Wiedervereinigung zu nutzen und sein Gl&amp;uuml;ck zu machen, sa&amp;szlig; man in dunklen S&amp;auml;len und sah immer wieder "Stalker", "Nostalgia" oder auch "Solaris". W&amp;auml;hrend ich mich an den Schlu&amp;szlig; dieses Films nicht erinnere, sehe ich genau die Szene vor mir, in der die Frau mit blo&amp;szlig;en H&amp;auml;nden eine Stahlt&amp;uuml;r zerfetzt, weil sie es nicht ertr&amp;auml;gt, auch nur einen Moment getrennt von ihrem Mann zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit &amp;uuml;ber 20 Jahren steht Stanislaw Lems Buch, das dem Film als Vorlage gedient hat, bei mir im Schrank (vielleicht ein Konfirmationsgeschenk, weil jemand dachte, ich w&amp;uuml;rde mich f&amp;uuml;r Technik interessieren und nicht wu&amp;szlig;te, da&amp;szlig; es in dem Buch eigentlich um Liebe geht.) In den letzten Tagen habe ich das Buch verschlungen, was immer ein sch&amp;ouml;nes Gef&amp;uuml;hl ist, wenn man sich B&amp;uuml;cher doch noch einverleibt, die man schon l&amp;auml;nger besitzt. Das best&amp;auml;rkt einen in der Vorstellung, im Ernstfall bereits jetzt die Pforten schlie&amp;szlig;en und mit den angesammelten Sch&amp;auml;tzen bis zum Ende auskommen zu k&amp;ouml;nnen. Der Zauber einer gro&amp;szlig;en Bibliothek, in der unerkannt von uns, in Reichweite, unendliche Gen&amp;uuml;sse warten. Und was sind schon 20 Jahre im Leben eines Buchs?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
"Solaris" ist bei Lem unter anderem eine Parabel &amp;uuml;ber die Liebe, in eine philosophische Science-Fiction-Erz&amp;auml;hlung gekleidet (beeindruckend schon, wie verschwenderisch er beim Erfinden charakteristischer Beispiele vom Topos "Forschername" umgeht. Wenn ich keinen &amp;uuml;bersehen habe, sind es auf 240 Seiten: Gibarian, Snaut, Moddard, Sartorius, Gamow, Shapley, Hughes, Eugel, Ottenskjold, Shannahan, Berton, Le Chatelier, Civita-Vitta, Veubeke, du Haart, Thexall, Ravintzer, Carucci, Fechner, Archibald Messenger, Timolis, Trahier, Giese, Uyvens, Maartens, Ekkonai, Hamaleas, Fermont, Tsanken, Nilin, Cayatt, Awalow, Siona, Erg, Frazer, Cajolla, Gravinsky, Magenon, Panmaller, Strobla, Freyhouss, le Greuille, Ossipowitsch, Franck, Holden, Eonides, Stoliwa, Sevada, Proroch, Grattenstrom, Muntius, Cho-En-Min, Ngyalla, Kawakadze, Bergmann, Reynolds...) Obwohl alles in der fernen Zukunft spielt, k&amp;ouml;nnte man das Buch sch&amp;ouml;n mit Proust vergleichen (ein seltsamer Effekt, B&amp;uuml;cher parallel zu lesen, man geht noch mit der Erwartung des einen in das andere Buch, wie wenn man eine Bank betritt und im Kopf auf eine Apotheke eingestellt war.) Ein Planet, der von einem gallertartigen Ozean bedeckt ist, den man als riesigen Organismus beschreiben k&amp;ouml;nnte, der in der Lage ist, die Gehirne seiner Besucher zu analysieren und aus Neutrinostrukturen bestehende G&amp;auml;ste zu generieren, die ihren verdr&amp;auml;ngten Gedanken gleichen. So da&amp;szlig; dem Helden eine Gef&amp;auml;hrtin zur Seite gestellt wird, die identisch mit der Frau ist, die sich vor Jahren seinetwegen umgebracht hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er versucht zuerst, sie mit einer Rakete in den Orbit zu schicken, aber sobald er sie dort eingeschlossen hat, vibriert der gro&amp;szlig;e Apparat auf eine entsetzliche Weise, denn das Wesen in seinem Innern, das die Trennung nicht ertr&amp;auml;gt, h&amp;auml;mmert mit unvorstellbarer Gewalt gegen die W&amp;auml;nde. Nat&amp;uuml;rlich entsteht das Wesen nach seiner Vernichtung wieder neu und erinnert sich an nichts. Es bemerkt aber, da&amp;szlig; es von einem unbezwingbaren Verlangen gequ&amp;auml;lt wird, bei ihm zu sein. Was f&amp;uuml;r ein Bild f&amp;uuml;r diesen Zustand, unter dem wir manchmal leiden, ohne ihn zu verstehen. Was erzeugt diese traurige, durch nichts zu beherrschende Macht in uns, die sich zuverl&amp;auml;ssig immer wieder das falsche Objekt sucht? Wegen der die mittelalterlichen Mystikerinnen halluziniert haben, Jesus' Herz zu essen oder von ihm schwanger zu sein? (Eine Freundin erz&amp;auml;hlte mir, man h&amp;auml;tte sie zeitweise fast festbinden m&amp;uuml;ssen, um sie daran zu hindern, zum Telefonh&amp;ouml;rer zu greifen und ihren sich ausschweigenden Partner anzurufen.) Und warum hat diese Macht so wenig &amp;Uuml;berzeugungskraft f&amp;uuml;r andere und st&amp;ouml;&amp;szlig;t sie im Gegenteil sogar ab?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;B&gt;Seite 187-207&lt;/B&gt;&lt;br /&gt;
Sind M&amp;auml;nner, die sich aus Lustverlangen pr&amp;uuml;geln lassen, unzurechnungsf&amp;auml;hig? Und diejenigen, die sie pr&amp;uuml;geln? Hat die "&lt;I&gt;Krankheit von Monsieur de Charlus&lt;/I&gt;" ein neues Stadium erreicht? Dabei wisse "&lt;I&gt;der Irre&lt;/I&gt;" doch, da&amp;szlig; er Opfer eines Wahns sei, denn die Schl&amp;auml;ger sind ja nur bezahlt. Aber ist nicht schon jede individuelle Liebe zu einer Person eine "&lt;I&gt;Abirrung&lt;/I&gt;"? Genaugenommen w&amp;auml;re jeder, der als einziger eine Frau liebt ein Irrer, insofern dieses Wort f&amp;uuml;r jemanden steht, der anders als alle anderen ist. So wie unsere Organe ihre "&lt;I